Auf der Suche nach einem Platz zum Schlafen

Wer auf der Straße lebt, wird oft kritisch beäugt.
Wer auf der Straße lebt, wird oft kritisch beäugt.
Foto: Lars Heidrich / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Eine Nacht im Hotel ist für obdachlose Menschen Luxus. Wenn sie ein Dach über dem Kopf haben wollen, sind sie auf Notunterkünfte angewiesen. Doch auch dort ist nicht immer Platz. Ein Selbstversuch.

Düsseldorf..  Champagner, Marmor, Wellness und ein opulentes Frühstück. So sah meine Nacht im Breidenbacher Hof aus. Ich fühlte mich rundum geborgen und wohl, fast schon überfordert von all den Annehmlichkeiten, die mir das Fünf-Sterne-Hotel bot. Als ich durch die mächtige Drehtür des Luxushotels zurück in die normale Welt hinausschritt, veränderte dies den Blick auf die Menschen, die Stadt.

Ich hatte einen Tag in einer Luftblase verbracht und dabei fast vergessen wie es denjenigen da draußen ergeht, denen es nicht möglich ist, sich in ein gemachtes Bett zu legen, den Düsseldorferinnen und Düsseldorfern, die nichts haben, nicht mal ein eigenes Dach über dem Kopf. Ich entschied mich also dazu, eine Nacht in Düsseldorf zu verbringen, die im totalen Gegensatz zu dem stehen sollte, was ich noch wenige Tage zuvor im Breidenbacher Hof genossen hatte.

Was tun also, wenn das Konto leer ist, keine Wohnung vorhanden ist, keine Freunde, keine Familienmitglieder hinter einem stehen und einen auffangen?

Kein Erfolg an der Harkortstraße 27

Hier fällt mir sofort eine Pressemitteilung der Stadt ins Auge die titelt: „In Düsseldorf muss niemand auf der Straße schlafen.“ Klingt erstmal beruhigend, dachte ich mir, auch wenn meine Vorstellung von einer solchen Unterkunft sehr von bürgerlichen Stigmata geprägt war. Sogar ein wenig Furcht, vor dem, was mich dort erwarten würde, machte sich breit.

Auf meinem Plan für die Nacht stehen die von der Stadt deklarierten Notschlafstellen an der Harkortstraße 27 in unmittelbarer Bahnhofsnähe und die Nachtunterkunft für die Männer in der Kaiserswerther Straße. Ich begebe mich also gegen fünf Uhr, viel zu früh, Richtung Bahnhof, um mir einen kurzen Überblick zu verschaffen, schlendere zwei Mal an Hausnummer 27 vorbei, zunächst ohne den Mut, aufzubringen zu klingeln. Direkt gegenüber befindet sich eine Bushaltestelle. Das Haus ist grau, trostlos. Die Rollladen sind heruntergelassen, zunächst zweifle ich daran, ob ich überhaupt richtig bin.

Nach einer weiteren Runde um den Block, fasse ich schließlich den Mut, die Klingel zu betätigen. Ich spüre die Blicke der Menschen auf mir. Ich fühle mich unwohl. Wie mag es wohl jemandem ergehen, der sich wirklich eingestehen muss keine andere Lösung mehr zu haben, der nicht nur testweise in diese Rolle schlüpft?

Aus der Gegensprechanlage schallt die Stimme eines Manns, der mich fragt, wer ich bin und was ich denn wolle. Ich frage nach einer Möglichkeit zu schlafen und erhalte die geraunzte Antwort, dass dies hier kein Hotel sei. „Wenn du eine Nacht irgendwo schlafen willst, dann such dir ein Hotel“. Am Ende kommt dann aber doch noch der Rat, es in der Kaiserswerther Straße bei der Ordensgemeinschaft der Armen-Brüder zu versuchen. Ein erster Rückschlag also.

Weiter geht’s mit der Straßenbahn in Richtung Kaiserswerther Straße. Los geht’s hier erst um halb sieben. Ich vertreibe mir die Zeit bei einem Getränk, mache mich dann aber sehr zeitig auf den Weg in Richtung Franziska-Schervier-Haus. Das Haus sieht von außen sehr angenehm aus, ganz anders als die Unterkunft in der Nähe des Bahnhofes. Die Rollladen sind nicht verschlossen, die Tür steht offen, Menschen stehen im Hauseingang. Trotzdem hadere ich zunächst mit mir, laufe einmal auf der anderen Straßenseite vorbei um mir ein Bild zu machen.

Plötzlich werde ich angesprochen, gefragt ob ich einen Schlafplatz im Haus suche. Ich bejahe und frage meinen Gegenüber, einen noch sehr jungen Mann, wie das in diesem Haus läuft. Er schläft selbst regelmäßig hier, erklärt mir, dass es „schon Okay“ ist. Allerdings würde sich das Angebot vor allem an Menschen richten, die ihr Leben auf der Straße verbringen, mit den Streetworkern im Kontakt stehen. „Einfach mal so für eine Nacht? Da bist du hier falsch.“ Eine Massenunterkunft sei das hier nicht, erklärt er. Vielmehr gehe es wohl darum, die Zimmer in dem dreistöckigen Gebäude mit möglichst wenig Menschen zu belegen, um eben diesen Charakter zu vermeiden.

Ich gebe mich geschlagen, akzeptiere die Spielregeln gern, niemals würde ich mir verzeihen, jemandem der wirklich abhängig von diesem Schlafplatz ist, durch unbedingte Hartnäckigkeit zuvor zu kommen.

Hinzu kommt eine gute Portion Erleichterung. Ich hatte mich unwohl gefühlt, ausgeschlossen von den Menschen die einfach ihre Wohnung aufschließen und zu Hause sind. Dasselbe tue ich nur wenige Zeit später vor meiner eigenen Wohnung. Das Gefühl ist an diesem Tag allerdings ein anderes. Ich empfinde Wertschätzung für meine eigene Situation. Allein dafür hat sich diese, wenn auch erfolglose Reise, durch die Gegensätze Düsseldorfs gelohnt.

Champagner und Regenwalddusche

Wir brauchen keine elektrischen Vorhänge, keinen Champagner und auch keine Regenwalddusche. Dennoch würde ich lügen, wenn ich die Annehmlichkeiten nicht genossen, nicht wertgeschätzt hätte. Genauso wenig habe ich das Recht den Menschen, die sich diesen Luxus gönnen, vorwurfsvoll entgegen zu treten. Warum auch? Dennoch gilt es die Augen zu öffnen für die anderen Seiten dieser Stadt, in der Menschen leben, die sich nicht das kleinste Hotel leisten können.