Gericht : Im Schließfach übernachtet
Ein 29-Jähriger muss sich wegen zigfachen Hausfriedensbruchs verantworten: Er schläft immer wieder in einem Schließfach am Hauptbahnhof.
Erst glaubt man an einen dummen Witz, aber es ist alles andere als das: Ein 29-jähriger Mann übernachtet regelmäßig in einem Kofferschließfach am Hauptbahnhof. Er ist dünn, kaum 1,60 Meter groß, und doch ist die Vorstellung gespenstisch, dass er sich in das ein Meter lange und höchstens 60 Zentimeter breite Fach zwängt, ehe er die Tür so weit zuzieht, das sie nur einen Spalt breit offen bleibt. „Ich kenn' ihn über zehn Jahre”, seufzt ein Bahnhofs-Sicherheitsmann, „ich hab' ihn schon hundertmal da rausgeholt. Er bettelt bei uns auch.” Ein Fall, der heute vor dem Landgericht landete.
„Das ist eigentlich eine Tragödie, die man sozialmedizinisch lösen müsste und nicht strafrechtlich”, erzählt Martin Lauppe-Assmann, der Pflichtverteidiger des Deutsch-Vietnamesen. Denn sein Mandant ist schwer krank, drogensüchtig, wohnungslos, mehrmals vorbestraft. Zuletzt ist er zu neun Monaten ohne Bewährung veurteilt worden. Weil ihm schon wieder 39 Fälle von Hausfriedensbruch am Hauptbahnhof vorgeworfen wurden. „Mit neun Monaten”, erinnert Lauppe-Assmann, „werden weiß Gott schlimmere Dinge geahndet als das Schlafen in einem Schließfach. Irgendwann werden wir uns für solche Urteile vielleicht noch schämen.”
Der junge Mann ist gegen das letzte Urteil in Berufung gegangen. Doch gestern erschien er nicht, meldete sich über einen verwahrlost wirkenden Bekannten (46) krank, in dessen Heerdter Wohnung er sich zurzeit aufhält. Er könne sich nicht bewegen, habe Schüttelfrost und Wasser in den Beinen. Das Hafturteil gegen ihn drohte damit rechtskräftig zu werden. Der Richter schickte dem Angeklagten jedoch Polizisten ins Haus. Die riefen eine halbe Stunde später an und berichteten, der 29-Jährige sei weder transport-, noch vernehmungsfähig. Nun wird am 7. August gegen ihn verhandelt.


















