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Gift-Skandal

Zweifel an der Risiko-Rechnung

13.01.2010 | 10:30 Uhr
Zweifel an der Risiko-Rechnung

Dortmund. Die erhöhten Gift-Vorkommen in einigen Kleingartenanlagen am Dortmunder Hafen rufen nun die Leiterin des Gesundheitsamtes auf den Plan. Die Ängste der Gartenbesitzer vor versuchten Grünkohl und Mangold seien spürbar, so die Leiterin.

„Das ist eine Schweinerei!” So reagiert Dr. Annette Düsterhaus, Chefin im Gesundheitsamt, auf die erschreckend hohen Gift-Vorkommen in den Kleingartenanlagen Hafenwiese, Westerholz und Hobertsburg sowie im Fredenbaum.

Wie berichtet, sind Grünkohl und Blattgemüse wie Spinat, Mangold, Endivie und Zucchini weit mehr mit krebserregendem PCB und Dioxin verseucht, als bisher angenommen. Die Gärtner sind angehalten, Kohl und Gemüse weder anzubauen noch zu essen. Da auch am Fredenbaum hohe PCB-Werte gemessen wurden, stellt sich für Parkbesucher, vor allem spielende Kinder, die Sicherheitsfrage.

„Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen sind Kinder keiner Gesundheitsgefahr ausgesetzt”, sagt Düsterhaus. Die Giftmengen, die sie aufnehmen könnten, wären „zu klein”, um krank zu werden.

"PCB gehört nicht in den Grünkohl"

„PCB gehört nicht in den Grünkohl. Und auch nicht ins Gras.” Dr. Annette Düsterhaus vergehen Appetit und gute Laune angesichts der Giftmessungen in den Kleingärten am Hafen und im Fredenbaum. Ärzte aus ihrem Gesundheitsamt waren am Dienstag draußen, haben sich ein Bild von der Lage gemacht, die Ängste der Gartenbesitzer gespürt. „Wir können die Sorgen der Menschen nachvollziehen, gerade vor Giften, die man nicht sieht, aber von denen man weiß, dass sie gefährlich sein können.”

Messstation in der Kleingartenanlage Hafenwiese.

Düsterhaus bestätigt, dass die Spitzenkonzentrationen von krebserregendem PCB über den EU-Grenzwerten liegen: „Die werden hier überschritten. Eine Schweinerei” – solche Gifte in die Umwelt abzulassen. „Wir wollen solche Substanzen nicht in den Nahrungsmitteln oder der Luft haben”, sagt sie und fordert „etwas wie das Reinheitsgebot beim Bier”. Doch trotz Anbau- und Verzehrstopp, eine akute Gefahr sieht die Amtsleiterin nicht. Zusammen mit Kollegen hat sie den Taschenrechner bemüht und die Messwerte hochgerechnet. Das Ergebnis: „Man müsste ein Leben lang täglich 250 Gramm essen, um krank zu werden.”

"Wir sind schon an der Belastungsgrenze"

Matthias Wolfschmidt, stellvertretender Geschäftsführer der Lebensmittelschutzorganisation Foodwatch, hält wenig von solchen Berechnungen. „Das sind keine Aussagen für die Durchschnittsbevölkerung.” Schon durch Umwelteinflüsse und Nahrungsaufnahme bewege sich jeder Deutsche an der PCB-Grenze. „Wir sind genau der maximal zulässigen Belastung ausgesetzt”, sagt er unter Berufung auf eine Festsetzung des Wissenschaftlichen Ausschusses Lebensmittel der EU. „Allerdings hängt es erheblich von den Essgewohnheiten ab, wie hoch der Einzelne tatsächlich belastet ist.”

Aufgrund der statistischen Normalverteilung sei davon auszugehen, dass die Dioxinbelastung eines erheblichen Teils der Bevölkerung Europas über dem von der EU in Anlehnung an die Weltgesundheitsorganisation festgelegten duldbaren Aufnahmemenge liege, so Wolfschmidt.

Gift als Top-Zuschlag

Giftquellen wie die in Dortmund ermittelten kämen da noch obendrauf – sozusagen als erschwerender Top-Zuschlag für ohnehin geschwächte Organismen. Bezogen auf die in den Kleingärten und im Fredenbaum nachgewiesenen Giftmengen gibt der Foodwatch-Experte zu bedenken: „Das sind Zusatzlasten, denen die Leute dort ausgesetzt sind.” Und an denen hätten die Betroffenen entsprechend zu knacken.

INFO

Durchschnittsverzehr bestimmt Grenzwert

  • Die Festlegung von Dioxin-Grenzwerten für Lebensmittel folgt einer eigenen Logik. Es geht nicht nur darum, wie viel Dioxin der Mensch maximal aufnehmen sollte. Berücksichtigt wird auch, wie viel Dioxin ein Lebensmittel durchschnittlich enthält.
  • Aal z.B. ist in der Regel stark mit Dioxinen belastet. Als Folge gelten hier höhere Grenzwerte als bei anderen, weniger belasteten Fischen.
  • Und: Bei einem niedrigen Pro-Kopf-Verbrauch – also einem geringen durchschnittlichen Verzehr eines Produkts – werden höhere Grenzwerte geduldet. Schlecht für den, der ausgerechnet dieses Lebensmittel besonders mag...

Klaus Brandt

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