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Zur Frühchen-Garderobe gehörten auch Puppenkleider

26.12.2012 | 14:37 Uhr
Zur Frühchen-Garderobe gehörten auch Puppenkleider
Als Pia Oberndorf vor 18 Jahren zur Welt kam, war ihr Fuß gerade einmal zwei Zentimeter groß. Pia wurde als Frühchen geboren – mit 880 statt der durchschnittlichen 3500 Gramm.Foto: Knut Vahlensieck

Dortmund.   Mit 880 Gramm kam Pia Oberndorf vor18 Jahren auf die Welt – als Extrem-Frühchen in der 25. Woche. In den ersten Monaten trug sie sogar Puppenkleider, weil Mutter nichts in ihrer Größe fand. Noch heute besuchen die beiden jedes Jahr die Frühchen-Station des Klinikums Dortmund.

880 Gramm. „Das sind ja noch nicht mal zwei Päckchen Mehl“, stellte vor Jahren ein Mitschüler erstaunt fest, als Pia Oberndorf ihr Geburtsgewicht verriet. Kein besonders charmanter Vergleich. Aber er zeigt, wie schwer vorstellbar es bis heute ist, dass ein solcher Winzling sich den Weg ins Leben erkämpft. Doch Pia hat es geschafft – nicht zuletzt auch Dank der guten medizinischen Versorgung in der Frühchen-Station des Klinikums Dortmund.

Gerade hat die Schülerin ihren 18. Geburtstag gefeiert. Eine zierliche, quicklebendige junge Frau, die mit großer Begeisterung Sport treibt, am liebsten Fußball spielt und auch schon genau weiß, wie es nach dem Abitur weitergehen soll. „Ich will auf jeden Fall Lehrerin werden.“

Für Claudia Oberndorf, Pias Mutter, ist das Erwachsenwerden und Erwachsensein ihrer Tochter etwas ganz Besonderes. Schließlich war es nach der Kaiserschnittgeburt im Oktober 1994 völlig ungewiss, ob und wie das nur 880 Gramm leichte Baby überleben würde. Pia musste schon in der 25. Woche auf die Welt geholt werden, weil Claudia Oberndorf an einer Schwangerschaftsvergiftung litt, die das Leben von Mutter und Kind extrem gefährdete. „Die Ärzte haben mir nach der Geburt von Anfang an gesagt, dass sie nichts versprechen können“, erzählt sie. „Ich war erschrocken, aber dankbar für die Ehrlichkeit.“

Pia Oberndorf kam vor 18 Jahren als Frühgeborenes auf die Welt. Sie und ihre Mutter Claudia erzählen über die letzten 18 Jahre.Foto: Knut Vahlensieck

Nach der Geburt begann für Claudia Oberndorf eine lange Zeit zwischen Hoffen und Bangen. Jeder Fortschritt, den ihr Kind machte, bereitete Freude, doch die Sorge, dass Pia die Strapazen als Frühchen nicht unbeschadet überstehen würde, war manchmal allgegenwärtig.

INFO
121 Extrem-Frühchen

In der Kinderklinik des Klinikums Dortmund werden jährlich über 100 Extrem-Frühchen unter 1500 Gramm betreut.

2012 waren es 121 Frühgeburten, von denen über Weihnachten noch 20 in der Klinik versorgt wurden.

Das kleinste Kind, das dieser Tage entlassen wird, wog bei der Geburt 430 Gramm.

Das Perinatalzentrum, vor 30 Jahren das erste in NRW, gehört heute zu den größten Deutschlands.

Aber auch heitere Dinge fallen Claudia Oberndorf ein, wenn sie an die ersten Lebensmonate ihrer ältesten Tochter denkt. Zum Beispiel der Versuch, für dieses winzige Mädchen Kleidung zu bekommen. „Ich bin ins nächste Spielwarengeschäft und hab’ nach Puppenkleidern gefragt.“ Die 37 Zentimeter Körperlänge von Pia sollten als Richtschnur für die Größe dienen, „doch die Verkäuferin meinte, es wäre besser, wenn ich die Puppe mitbrächte,“ erzählt sie und muss in Erinnerung an diesen seltsamen Dialog unwillkürlich lachen. Die rote Mini-Hose samt Oberteil findet sich heute noch in einem der Fotoalben aus den ersten Lebensjahren Pias.

Auch zu Hause am Monitor

Das erste Weihnachtsfest musste das Mädchen im Krankenhaus verbringen. Erst drei Monate nach der Geburt durfte es nach Hause. Mutter und Vater hatten zuvor in einem Kurs gelernt, wie man ein Baby reanimiert , dazu war Pia zu Hause Tag und Nacht an einen Monitor angeschlossen, der Atmung und Herzfrequenz prüfte. Immer noch wirkte sie zerbrechlich, aber immerhin zeigte die Waage 2500 Gramm. Fast Normalgewicht!

 „Packen Sie Ihre Tochter nicht in Watte. Das ist eine Kämpferin, die schafft das“, hatte einer der Ärzte Claudia Oberndorf mit auf den Weg gegeben. Ein Rat, den sie versuchte zu befolgen. „Allerdings war Pia in den ersten Lebensjahren sehr anfällig für Infekte und häufig krank. Und immer sofort über 40 Fieber“, erinnert sich die zweifache Mutter. Das änderte sich erst, als die Tochter fünf Jahre alt war. „Da hatte sie dann offenbar in der körperlichen Entwicklung alles nachgeholt.“

Pia und ihre Mutter Claudia Oberndorf besuchen jedes Jahr die Frühchen-Station des Klinikums Dortmund.Foto: Knut Vahlensieck

Was das Team der Frühgeborenenstation für das Leben ihres Kindes getan hat, hat Claudia Oberndorf nie vergessen. „Jedes Jahr bin ich mit Pia zu einem Besuch auf der Station gewesen.“ Auch in diesem Jahr, kurz vor dem 18. Geburtstag. Für Pia sind diese Besuche sehr berührend. „Es ist immer schön, wenn wir ein heranwachsendes, gesundes Frühchen sehen“, versicherte ihr einer der Ärzte.

Für Claudia Oberndorf ist ihre erwachsene Tochter „ein Wunder“. „Und für dieses Wunder“, sagt sie, „bin ich dankbar.“ Auch dann, wenn die Pubertät mal wieder stressig für Mutter und Tochter ist oder der Nachwuchs allzu selbstbewusst agiert. Aus dem zerbrechlichen Frühchen ist halt eine junge Frau geworden.

Heike Becker-Sander


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