„Wunder von Dortmund“ erscheint in neuem Licht
26.07.2010 | 18:47 Uhr 2010-07-26T18:47:00+0200
Dortmund.Die Loveparade 2008 in Dortmund wird wohl als die letzte weitgehend störungsfreie Massen-Tanzparty dieser Art in Erinnerung bleiben. Vergleiche mit Duisburg hinken natürlich, doch gibt es Analogien, wie dieser Rückblick zeigt.
Die Bewertung der Dortmunder Loveparade am 19. Juli 2008 fiel damals überwiegend positiv aus. Geschätzte 1,6 Millionen Raver bedeuteten Besucherrekord, Veranstalter Rainer Schaller sprach überschwänglich vom „Wunder von Dortmund“. Einen anderen Zungenschlag erhält diese Bewertung, zieht man das damalige Fazit von Feuerwehr, Polizei und Krankenhelfern hinzu. Ein Wunder, dass bei dem Regen und den Menschenmassen nichts Schlimmes passiert sei, hieß es seitens der Einsatzkräfte trotz äußerst zufriedener Gesamtbilanz.
Hier und da mischten sich kritische Stimmen in den Ablauf 2008, wie es einerseits bei solchen Massenveranstaltungen üblich ist, andererseits durch die Duisburger Vorkommnisse nun unter einem anderen Licht erscheinen lässt. Etwa die damalige Einschätzung, dass Jubel- und Katerstimmung für Hilfsdienste nah beieinander lagen. Während die Veranstalter ihren Erfolg feierten, zogen Sanitätsdienste eine nüchterne Bilanz, was sie in erster Linie auf das damalige Drogenproblem bezogen. 1374 Behandlungen seien im Vergleich zu geschätzten 1,6 Millionen Besuchern aber ein geringer Wert, zumal es 2007 bei der Loveparade in Essen 4000 Patienten, zum Teil wegen Schnittwunden, gab.
Zeitweilig von „Chaos“ die Rede
Damit nicht genug: Auch vor zwei Jahren fiel beizeiten der Begriff „Chaos“, was zuvorderst auf den völlig überlaufenen Hauptbahnhof gemünzt war. Um den Bahnhof nicht wie bei der Loveoparade 2007 in Essen lahmzulegen, hatten Polizei und Bundespolizei das Areal weiträumig abgeriegelt. „Es ist ein Mengenproblem. Und die Sicherheit des Einzelnen hat eben Vorrang”, betonte damals Jürgen Bischoff, Präsident der Bundespolizeidirektion St. Augustin.
Eher vereinzelt gab es Stimmen wie jene von „Andre“ in unserem Portal, der damals für DerWesten folgenden Kommentar schrieb: „Lasst es sein mit der Loveparade im Ruhrgebiet. Uns fehlt einfach der Platz. Gestern war es eigentlich nur viel Glück, das da nicht mehr passiert ist. Berlin ist Berlin, platztechnisch und atmosphärisch!“ Dem standen euphorische Einschätzungen, zum Beispiel von „Wachmann“, gegenüber: „Das war eine Superfete! Ganz toll organisiert und einfach schön!“
Langemeyer lobte Metropole Ruhr
Dem schloss sich der damalige Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer an. Professionell und souverän habe Dortmund dieses größte Ereignis in der Stadtgeschichte gestemmt. Dank hervorragender Zusammenarbeit mit dem Veranstalter Lopavent und den Partnerkommunen in der Region. „Mit der Loveparade stellt sich die Metropole Ruhr wirklich als Metropole dar und beweist, dass wir uns hinter Großstädten wie Berlin nicht zu verstecken brauchen. Wir haben mit unseren über fünf Millionen Einwohnern einfach dieses Potenzial“, sagte Langemeyer.
Differenzierte Betrachtung empfiehlt sich auch heute. Von daher sollte man im Vorfeld der Duisburger Veranstaltung getätigte Äußerungen nicht überbewerten. Dennoch übte auch Dortmund einen gewissen Druck vor einigen Wochen aus, als es um die Finanzprobleme und die Durchführung der Loveparade 2010 ging. Vor einem „riesigen Imageschaden für das Ruhrgebiet“ warnte Dortmunds Kämmerer und Kulturdezernent Jörg Stüdemann, sollte es wie 2009 keine Parade geben. „Duisburg hat wie Dortmund viele private und kommunale Unternehmen, etwa die Stadtwerke, die Sparkasse, große Logistiker im Hafen. Da müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn das Techno-Spektakel am Haushalt scheitern würde“, so Stüdemann vor einigen Monaten. Übrigens leitete Lopavent als Veranstalter der Parade seinerzeit eine interessante Zahl weiter: Laut der Gesellschaft für Konsumforschung hätten die Besucher 2008 bei der Loveparade insgesamt 144 Millionen Euro in Dortmund ausgegeben.
Diesen Erfolg konnten Dortmunder Händler wiederum nicht bestätigen. Sie beklagten gegenteilig keinen besonderen Impuls für ihre Geschäfte. Noch deutlicher formulierten die Anwohner im Kreuzviertel damals ihre Abneigung: „Nie wieder Loveparade“ hieß es von den Bewohnern in unmittelbarer Nähe der B1. Adressat war übrigens der heutige Oberbürgermeister Ullrich Sierau, der das Mega-Ereignis seinerzeit als Stadtdirektor organisierte und nun wegen seines Urlaubs für eine Stellungnahme nicht zu erreichen war. Er dürfte sich an eine Bürgerversammlung nach der Loveparade mit Feuerwehr, Polizei und Bundespolizei sowie an die Frage erinnern, ob sie sich bei diesem Fest der Liebe nicht übernommen hätten.
Temporär zusätzliche Rettungswachen
Aspekte des Dortmunder Sicherheitskonzeptes sahen 2008 u.a. vor, dass Feuer- und Rettungswachen temporär zusätzlich eingerichtet worden waren. „An der Strecke selbst sind 17 Unfallhilfssstellen eingerichtet worden“, erklärte damals Annette Debusmann von den Maltesern in Duisburg. Die ganze Strecke wurde in mehrere Abschnitte unterteilt, so dass die Patienten schnell versorgt werden konnten und kurze Strecken zu bewältigen waren. Und: Für den Fall eines größeren Schadensereignisses hätte den Dortmunder Kräften überregionale Unterstützung zur Verfügung gestanden, die teilweise auf dem Kirmesfestplatz an der Eberstraße zusammengezogen wurden. Die Feuerwehr hatte die Zahl ihrer Einsatzkräfte verdoppelt, die Krankenhäuser hatten zusätzliches Personal auf die Dienstpläne gesetzt.
Die skeptischen Stimmen im Vorfeld blieben vor zwei Jahren weitgehend ohne Auswirkungen. „Menschenströme sind nicht immer leitbar”, sagte Jörg Lukat, im Juli 2008 Leiter des Vorbereitungsstabes der Polizei. Deshalb müsse man auf alles vorbereitet sein und flexibel reagieren können. Damals ging es gut...
02:30
Ach, #3 angie170754
Ich hätte da noch was für Sie:
http://www.derwesten.de/nachrichten/Teilnehmer-Zahlen-zur-Loveparade-waren-gefaelscht-id3317706.html
Das ist aber nicht aus 2008, sondern vom 29.07.2010, also von gestern.
Wenn die Duisburger Staatsanwaltschaft nun schon unseren irrlichternden Ex-Feuerwehrchef Schäfer verhören muss, dann könnte doch auch Sierau als damals verantwortlicher Planungsdezernent und Stadtdirektor seine Kenntnisse beitragen.
16:49
Gut, dass dieser unsägliche Kommerzzirkus nie wieder stattfinden wird. Der ursprüngliche Geist dieser Veranstaltung hatte sich bereits lange Zeit vor ihrem Berliner Aus erledigt.
14:08
erscheint die loveparade 2001 in berlin jetzt auch in anderem licht?
oder silvester 1989 vorm reichstag?
da gab es nämlich auch probleme.
jetzt heißt es nicht überzureagieren.
wenn die regeln für großveranstaltungen eingehalten werden kann man die auch durchführen - gerade in einem so weiten raum wie die metropole-ruhr.
00:06
Wie sagte OB Sierau zum Fall Nazi Schäfer in der WAZ: Er habe Schäfer im Juli 2007 ein Disziplinarverfahren anhängen wollen, da er damals unauthorisiert der WAZ Informationen zur Loveparade gegeben hatte.
Der damalige Feuerwehrchef Schäfer hatte von grundsätzlichen Sicherheitsbedenken bei der Loveparade im Ruhrgebiet im Gegensatz zu den Berliner Verhältnissen gesprochen. Wie recht der doch hatte zeigt sich nun im Nachhinein.
Und dann berichtet die WAZ noch, daß Schäfer auch von Kosten für die Sicherheitskräfte gesprochen hat, die nach den gesetzlichen Bestimmungen nicht vom Veranstalter sondern von den Städten zu tragen seien. Dumm nur, daß Sierau dem Rat der Sradt Dortmund das anders versprochen - besser gesagt: gelogen - hatte.
Eigentlich kann Sierau Schäfer nun dankbar sein, daß er 2008 seine Sicherheitskonzepte, die dem Veranstalter nicht gepasst haben sollen, doch durchgesetzt hatte. Sonst wäre vielleicht schon 2008 in Dortmund grauiges Ende für die Loveparade gewesen.
21:30
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.
21:23
@ #3
Jemand wie Sie, der noch nicht mal die angegebenen Links richtig lesen kann, ist garantiert nicht mein Freund.
21:22
Der Spirit von damals lässt sich nicht wiederbeleben. In Dortmund war die Parade eine tolle Sause aber nicht vergleichbar mit Berlin 1995 oder 1996. Überhaupt ist der Begriff Raver total abgenutzt.In Dortmund und Duisburg waren das z.T. ganz normale Leute, die einfach mal ein bisschen Spass haben wollten. D e n Raver an sich gibt es in der Form schon lange nicht mehr.
21:02
Mein Freund Lohmann! Kann es sein das OB Langemeyer im Jahre 2008 die Besucherzahlen rausgeblasen hat. Welche Rolle hier was oder wer noch spielen wird ist bis heute für Sie noch ein Geheimnis.
20:35
Geschätzte 1,6 Millionen Raver bedeuteten Besucherrekord
Es waren tatsächlich gerade mal die Hälfte, nur Sierau wollte das nicht wahrhaben:
http://www.ruhrnachrichten.de/lokales/dolo/big/Loveparade-Schummel-bei-Besucher-Rekord;art930,336881
http://www.ruhrnachrichten.de/lokales/dolo/Loveparade-Streit-um-Zahlen-Schummelei;art930,337847
Dieses geltungssüchtige Hochschrauben der LP-Teilnehmerzahlen wird auch in den nun folgenden Prozessen gegen die Duisburger Organisatoren eine wichtige Rolle spielen.
19:51
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.