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Jens-Daniel Herzog im Interview

"Wir sind eine Oper für alle"

14.04.2010 | 20:30 Uhr

Er kommt vom Schauspiel. Und leitet ab Mitte 2011 die Oper. Jens-Daniel Herzog erzählt im Interview von seinen Plänen für die Bühne und mit dem Ensemble.

Was interessiert Sie an Dortmund?

Jens-Daniel Herzog Foto: Hans-Jörg Michel

So vieles. Erstmal, spannendes Theater zu machen. Eine Region zu entdecken. Und natürlich ein renommiertes Opernhaus zu leiten.

Sie steigen mit einem Vorvertrag mitten in der Saison in Dortmund ein. Ist das nicht ein bisschen unglücklich?

Das ist so nicht richtig. Bei der Findungskommission hieß es, dass die Intendanz zum 1.1.2010 vakant ist. Es hat aber keinen Sinn, in eine laufende Spielzeit einzusteigen. Andererseits braucht ein geglückter Start eine gute Vorbereitung.

Das heißt, sie werden nur zwischendurch in Dortmund sein?

Ich werde in Dortmund sein, werde vorbereiten, werde die Menschen und die Stadt kennenlernen, aber ich werde nicht operativ die Geschäfte der Oper leiten.

Die bisherige Opernintendantin Christine Mielitz hat den Spielplan bis Mitte 2011 geplant. Wird es eine Zusammenarbeit geben?

Nein. Ich denke, die Übergabe wird in einer guten Atmosphäre stattfinden. Aber wir werden nicht gemeinsam künstlerische Entscheidungen treffen. Ich will etwas Neues und Eigenes beginnen.

Wollen Sie in Dortmund mehr selbst Regie führen oder eher kreative Köpfe zusammenbringen?

Beides. Ich bin als regieführender Intendant gewählt worden. Ich will neben mir aber auch spannende Regiehandschriften haben, die mich herausfordern. Da habe ich schon eine ganz schön lange Liste von Leuten, die ich nach Dortmund locken möchte.

Was planen Sie mit dem Ensemble?

Ich habe schon mit dem Ensemble geredet und gesagt, dass ich mir möglichst alle Vorstellungen angucken werde. Ich werde mir selbstverständlich ein genaues Bild machen. Es gibt noch keine Vorentscheidungen. Ich will neue Stärke hinzuholen und auf alte weiter bauen. Auf jeden Fall wird es nicht so sein, dass ich komme und sage: Alles muss weg.

Sie haben in Dortmund keinen leichten Start: Das Musiktheater hat seit einiger Zeit schlechte Auslastungszahlen. Was wollen Sie dagegen unternehmen?

(lacht) Erstmal gutes Theater machen und das Theater ins Gespräch bringen. Wir wollen mit der Stadt in einen Dialog treten. Wenn der einmal gestört ist, ist es wahnsinnig schwer, wieder anzuknüpfen. Oberstes Interesse muss sein, dass alles, was wir tun, im Dialog mit dem Publikum stattfindet. Die Abonnenten sind dabei besonders wichtig. Ich möchte ihnen deutlich machen, dass sie besondere Kunden für uns sind, die mit besonderen und exklusiven Veranstaltungen gewürdigt werden. Der Spielplan soll zeigen: Wir sind eine Oper für alle. Oper ist nichts Elitäres, sondern eine Volkskunst, die direkt zum Herzen spricht. Wir müssen Theater für 9- bis 99-Jährige machen. Wir werden in einer Stadt, wo wir das Stadttheater sind, keine Zielgruppe ausschließen.

Sie müssen all das mit wenig Geld realisieren: Hat Sie schockiert, direkt in eine Mängelverwaltung zu kommen?

So würde ich das nicht sehen. Noch ist genügend Geld da, um gutes Theater zu machen und spannende Sänger und Regisseure an das Haus zu holen. Aber wir müssen hart arbeiten, um eine starke Präsenz in der Stadt zu zeigen. Ich will eine Aufbruchstimmung erzeugen - die brauchen wir auch.

Ihre Karriere haben Sie mit dem Schauspiel begonnen, haben sechs Jahre das Nationaltheater Mannheim geleitet. Was hat Sie in den letzten Jahren zur Oper gezogen?

Assistiert habe ich schon in den 90er Jahren bei Dieter Dorn in Schauspiel und Oper. Angefangen, Opern zu inszenieren, habe ich 97/98, musste das immer mit meiner anderen Liebe, dem Schauspiel, zusammenbringen und habe es dann zwei, drei Jahre ruhen lassen, um mein Ensemble in Mannheim aufzubauen. Aber seit 2006 widme ich mich fast ausschließlich der Oper. Der Weg dahin: Erstens ist Oper intensiveres Schauspiel. Zweitens hat sich seit 2000 unendlich viel getan bei den Sängern: Die Lust, das Bedürfnis, die Neugierde zu spielen, die Figuren psychologisch zu durchdringen, in dem Bewusstsein, dass sie dadurch ihren Gesang und ihre Ausdrucksstärke verbessern, hat einen Bedarf an Regisseuren wie mich geschaffen. Der dritte Punkt ist der Chor: Das Volk ist Subjekt von Geschichte; der Druck der Massen auf die Eliten – das sind Geschichten, die Sie so im Schauspiel nicht finden. Und natürlich macht es mir Spaß, mit größeren Menschenmengen zu arbeiten und aus ihnen Geschichten zu entwickeln.

Heißt das, dass Ihr Schwerpunkt weniger auf der Musik als auf der Dramaturgie und Psychologie liegt?

Nein, überhaupt nicht. Es heißt ja nun mal Musiktheater. Das Verhältnis von Wort und Ton muss immer wieder bestimmt werden. Beide bedingen sich und erhellen die Oper. Dieser Umgang mit zusätzlichem Material, eben der autonomen Musiksprache, das ist etwas, was mich immer neu herausfordert. Ein gutes Beispiel ist Così fan tutte, wo Ferrando und Dorabella singen, dass sie sich gegenseitig lieben. Die Musik sagt aber: Nö, eure Tonarten passen gar nicht zusammen. Die Musik weiß also etwas, was die Figuren selbst noch nicht wissen. Das ist eine Ebene, die mich immer fasziniert hat. Ich finde an den Opernhäusern, an denen ich arbeite, selten einen solchen Verehrer der Musik wie mich.

Ihnen wird ein progressiveres Kulturverständnis nachgesagt: Identifizieren Sie sich damit?

(lacht) Das wollen ja alle. Ich denke, wir erzählen etwas für heutige Menschen. Es ist wichtig, dass sie die Geschichte nachvollziehen können. Wir müssen die alten Geschichten irgendwie zu uns holen. Aber nicht platt, sondern so, dass sich unser Blick für sie öffnet. Wir nehmen das Publikum an der Hand.

Sie haben Klassiker, aber auch kontroverse Werke wie „Death of Klinghoffer“ inszeniert. Ist das der Mix, der Ihnen für Dortmund vorschwebt?

Ja, ich habe Werke aus dem Kernrepertoire erzählt wie Lohengrin, Tannhäuser, Così fan tutte, Aida. Aber ich habe auch immer große Lust auf neue, unbetretene Wege gehabt. Das Publikum darf darauf durchaus kontrovers reagieren – Hauptsache, es reagiert überhaupt und geht nicht in die innere Emigration. Wichtig ist eine entschiedene und klare Handschrift. Dazu gehören auch neue Wege, auf die ich ein Publikum neugierig machen möchte. Es gibt unendlich viel großartiges Musiktheater, nicht nur die 20 Stücke, die jeder kennt.

Nadine Albach



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