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Gentrifizierung

Wie wird ein Arbeitervorort zum Szeneviertel?

05.11.2010 | 15:05 Uhr
Wie wird ein Arbeitervorort zum Szeneviertel?
Der Nordmarkt. WR-Bild: Ralf Rottmann

Dortmund.   Vom Problemvorort zum Szeneviertel – der Phoenixsee soll Dortmund-Hörde neues Leben einhauchen. Aber was ist mit der Nordstadt? Mit Duisburg-Marxloh? Oder mit Essen-Rüttenscheid? DerWesten sprach mit Geograf Dr. Achim Prossek.

Wenn in einem Stadtteil wie Dortmund-Hörde die alteingesessene Bevölkerung durch neue, wohlhabendere Einwohner ersetzt wird, spricht der Geograf von „Gentrifizierung“. DerWesten sprach mit dem Experten für Raumordnung Dr. Achim Prossek (40), der bis vor kurzem noch an der TU Dortmund forschte und lehrte und unter anderem den „Atlas der Metropole Ruhr“ verfasst hat.

Herr Prossek, wie lässt sich Gentrifizierung am ehesten beschreiben?

Achim Prossek: Gentrifizierung ist der Austausch einer Bevölkerung in einem Stadtquartier. Sie verläuft in mehreren Phasen. Zunächst kommen die Pioniere. Das sind oft Künstler und Kreative, die eine gewisse Offenheit haben und auf der Suche nach günstigen Wohnungen sind. Die lassen sich dann in Stadtvierteln nieder, die ein schlechtes Image und eine schlechte Bausubstanz haben, aber aufgrund der günstigen Mieten und eventuell vorhandener freier Flächen attraktiv sind. In der zweiten Phase kommen Nachfolger, die merken, dass es sich nicht mehr um ein klassisches heruntergekommenes Viertel handelt. Dann kommt auch die entsprechende Infrastruktur, Cafés, Galerien und so weiter.

Die Dortmunder Nordstadt mit dem Borsigplatz bietet großes Potenzial für Gentrifizierung. Foto: Blossey

In der dritten Phase kommen dann Investoren, die das verbesserte Image des Viertels nutzen. Das kann dann soweit gehen, dass die ursprünglichen Pioniere verdrängt werden, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können.

Was auf jeden Fall auch passiert, ist eine Abnahme der alteingesessenen Bevölkerung.

Warum nimmt die alteingesessene Bevölkerung ab?

Prossek: Das weiß man nicht genau. Man weiß nicht, ob die wirklich wegziehen oder ob einfach alte Menschen sterben. Am Ende haben wir in dem Viertel auf jeden Fall eine andere Bevölkerung und ein anderes Image.

Was ist die Initialzündung, jetzt ein bestimmtes Viertel zu gentrifizieren?

Prossek: Günstige Mieten reichen nicht aus. Sie sind ein wichtiger Faktor. Das Viertel muss innenstadtnah oder verkehrsgünstig gelegen sein. Duisburg-Bruckhausen hätte zum Beispiel das Potenzial gentrifiziert zu werden, liegt aber nicht nah genug an der Innenstadt. In der Regel handelt es sich um gründerzeitliche Stadtquartiere. Und es sollte Freiräume für Galerien oder Ateliers geben.

Wo findet das momentan in Dortmund statt?

Prossek: Das Kreuzviertel und das Kaiserstraßenviertel sind schon gentrifiziert. Die Mieten dort sind gestiegen, es gibt interessante Läden und Kneipen. Die Kaiserstraße ist dabei schon ein bisschen gesetzter als das Kreuzviertel.

Was ist mit der Nordstadt?

Prossek: Der Nordstadt wird immer das Potenzial zugesprochen. Sie erfüllt auch viele Bedingungen: Die Mieten sind günstig, die Innenstadt nah. Es gibt Ansätze, wenn man sich die Künstler-Szene dort ansieht. Aber eine klassische Gentrifizierung gibt es dort noch nicht. Dafür fehlt die Masse und vielleicht auch die räumliche Ballung. Die Nordstadt ist ja relativ groß.

Lässt sich der Prozess steuern? Mit dem Phoenixsee wird ja versucht, Hörde aufzuwerten. Und schöne alte Bausubstanz gibt es auch.

Prossek: In Maßen lässt sich das steuern. Der alte Stadtkern von Hörde wird durch die Bebauung am See ergänzt. Da wird sich eine andere Klientel als die alteingesessene ansiedeln. Hörde hat sicherlich großes Potenzial, weil es noch ein geschlossenes, harmonisches Ortsbild hat. Ein Anreiz für einen Bevölkerungsaustausch bietet Phoenix West mit dem Kulturbetrieb in der Phoenix Halle. Ob es aber ein angesagtes Kreativ-Viertel mit Mode, Kunst und Nachtleben wird, weiß ich nicht. Die Sozialstruktur wird sich aber ändern.

Wie groß ist denn das Konflikt-Potential, wenn eine neue Bevölkerung für höhere Mieten sorgt und die alteingesessenen Bewohner verdrängt?

Dr. Achim Prossek. Foto: Reinke

Prossek: Der Prozess ist seit 20 bis 30 Jahren zu beobachten. Dabei ist es kaum zu nennenswerten Protesten oder Widerständen gekommen…

… in Berlin zum Beispiel.

Prossek: Ja, stimmt. Rund um den alten Flughafen Tempelhof, auf der Neuköllner Seite. Da wird gezielt versucht, Gentrifizierung zu verhindern. Dort kursieren Tipps, wie Aldi-Tüten ins Fenster zu stellen oder möglichst viele Graffiti an die Wände zu sprühen, um die Lage gezielt unattraktiv zu halten. Aber da werden die Investoren nicht drauf reinfallen. In Dortmund oder im Ruhrgebiet sehe ich so etwas noch nicht.

Wie ist die Situation generell im Ruhrgebiet? Was ist mit Duisburg-Marxloh?

Prossek: Marxloh ist…

… türkische Gentrifizierung…

Prossek: … genau. Das wäre eine neue Kategorie. Marxloh ist ein sehr lebendiger, vielfältiger Stadtteil, der sehr viele Probleme hat. Vergleichbar mit Teilen der Dortmunder Nordstadt. In Marxloh hat sich ein türkischer Mittelstand etabliert, zum Beispiel mit diesen ganzen Brautmoden-Geschäften. Man sieht auch an der Ästhetik der Ladeneinrichtungen, dass dort viel investiert wird. Da existiert eine funktionieren Ökonomie, die aber ethnisch-spezifisch ist.

Essen-Rüttenscheid gilt als etabliertes Viertel, obwohl es nie ein wirklich schlechtes Image hatte. Im Essener Norden wird rund um die Viehofer Straße etwas versucht, aber da geht es eher um die Ansiedlung von Geschäften.

Das Pollmannkreuz in Duisburg-Marxloh. Foto: Ulla Michels

Insgesamt sind eigentlich alle Ruhrgebietsstädte sehr gut geeignet – eigentlich erfüllt ganz Wanne-Eickel die Voraussetzungen für Gentrifizierung. Das große Potenzial im Ruhrgebiet bietet aber die Dortmunder Nordstadt.

Ist es denn überhaupt realistisch, dass sich Gentrifizierung im Ruhrgebiet durchsetzen wird? Städte wie München, Hamburg oder Berlin bieten den Pionieren ja ein anderes Umfeld.

Prossek: Stimmt. Es ist immer die Frage, ob schon eine kritische Masse vorhanden ist. Es gibt ja eine aktive Kunstszene in Dortmund und dem Ruhrgebiet, die zum Beispiel mit der kurzfristigen Besetzung der alten Kronen-Brauerei ein Zeichen gesetzt hat. In Essen gab es Vergleichbares. Es gibt Künstler, die sich formieren und Freiräume haben wollen. Man darf auch nicht vergessen, dass inzwischen arrivierte Kulturbetriebe wie die Zeche Carl, die Zeche Bochum oder der Bahnhof Langendreer auch diesen Ursprung haben.

Trotzdem ziehen immer noch Künstler und Kreative aus dem Ruhrgebiet weg. Es gibt wahnsinnig viele Menschen, die in der Kreativwirtschaft arbeiten, inzwischen aber in Hamburg oder Berlin sitzen, weil sie mit den Verhältnissen im Ruhrgebiet unzufrieden sind. Die sagen, man müsse hier permanent Pionierarbeit leisten. Das ist auf Dauer zu anstrengend.

Der Vorteil hier ist aber sicherlich, dass man entspannter arbeiten kann und ist nicht so von Hypes getrieben. Aber wenn es um Professionalisierung oder Vernetzung geht, reicht vielen das Ruhrgebiet nicht mehr. Das Image des Ruhrgebiet reicht immer noch nicht aus, um wirklich als Kultur-Metropole zu gelten. Manche Künstler müssen sich ja förmlich dafür rechtfertigen, hier noch zu leben.

Stefan Reinke

Kommentare
06.11.2010
14:16
„Die Dortmunder Nordstadt hat großes Potenzial“
von pro.ruhrgebiet | #37

die nordstadt ist verloren wenn sich da nicht wirklich was änder da bringen keine gastronomen, vereine oder firmen was! die dealer weg, nutten und...
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2010-11-05 15:05
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