Wie Reinoldus zum Stadtpatron von Dortmund wurde

Die vier Haimonskinder auf dem Wunderpferd Bayard.
Die vier Haimonskinder auf dem Wunderpferd Bayard.
Foto: Stefan Reinke
Was wir bereits wissen
Reinoldus ist in Dortmund omnipräsent. Wir haben uns an seine Fersen geheftet und sind auf eine spannende Mischung aus Legende und Wahrheit gestoßen.

Dortmund.. Jeder Dortmunder kennt die Reinoldikirche, deren Turm trotz neuer Hochhäuser in der City immer noch eine der prägenden Landmarken des Stadtbildes ist. Es gibt die Reinoldi-Gilde, in der sich angesehene Bürger zusammentun. Der Presseverein Dortmund vergibt seinen Preis "Eiserner Reinoldus" an Personen des öffentlichen Lebens. Der Heilige Reinoldus gehört zu Dortmund wie der BVB – nicht umsonst hat die Ultra-Gruppe „JuBos“ den Stadtpatron in ihr Logo übernommen. Statuen des Reinoldus stehen in der Reinoldikirche — die älteste hölzerne Monumentalstaue Europas! — oder im Foyer des Alten Stadthauses. Doch wer war dieser Mann? Gab es ihn überhaupt?

Wir haben den Lebensweg des Dortmunder Stadtpatrons in einem Multimedia-Spezial nachvollzogen. Dichtung und Wahrheit sind dabei allerdings bunt gemischt, da die Übergänge zwischen echter Biografie und überlieferter Legende fließend sind. Aber gerade das macht das Leben und Wirken des Heiligen Reinoldus überhaupt erst so spannend.

Zum Spezial...

Um Dortmunds Stadtpatron ranken sich zahlreiche Gerüchte und Legenden, einige davon stehen in krassem Gegensatz zueinander. Aber diese Legenden sind der Brückenschlag des heutigen Dortmunds bis ins finstere Mittelalter: zu Karl dem Großen, zur Befreiung Jerusalems und zum Bau des Kölner Doms. Eine belegte Biografie des Stadtheiligen gibt es indes nicht. Aber die Geschichten, die sich um die Figur des Reinhold von Montalban ranken, bieten auch so reichlich Stoff.

Gebeine über ganz Europa verteilt

Auch nach seinem Tod kam der Heilige nicht zur Ruhe. Ursprünglich im heute leerstehenden Reliquienhaus der Reinoldikirche untergebracht, wurden die Gebeine in der Folgezeit mehrfach umgebettet und weit über Europa verteilt. Wo heute noch Überreste Reinholds zu finden sind, entnehmen Sie ebenfalls unserer Karte. Eines sei verraten: Ausgerechnet in Dortmund lagert nur ein ganz kleiner Teil der sterblichen Überreste des so verehrten Patrons.

Reinoldus' echte und fiktive Biografie ergeben am Ende eine spannende Geschichte, die modernen Geschichten von Superhelden mit ihren übermenschlichen Kräften in nichts nachsteht. Wer den Spuren Reinholds folgt, begibt sich auf eine abenteuerliche Reise auf einem magischen Pferd quer durch Europa und seine bewegte Geschichte.

775: Karl der Große erobert die Syburg

Karl der Große führt Krieg gegen die heidnischen Sachsen. Auf seinem Feldzug erobert er die sächsische Fliehburg Sigiburg im heutigen Dortmund-Hohensyburg, oberhalb des Zusammenflusses von Lenne und Ruhr.

Nahe der Burg lässt der Frankenkönig die heutige Kirche St. Peter Syburg bauen – Dortmunds älteste Kirche. Da der König von Syburg aus weiter über den Hellweg Richtung Osten zieht, kommt er wahrscheinlich auch durch das spätere Dortmunder Kerngebiet. Brackel wird Reichshof. Wegen seiner Lage an der Kreuzung des Hellwegs mit der aus Köln kommenden Nord-Süd-Verbindung (heute die Achse Brück- und Wißstraße) entwickelt sich Dortmund im Laufe der nächsten Jahrhunderte zum wichtigsten Königshof zwischen Duisburg und Paderborn.

Die Dortmunder berufen sich daher gerne auf Karl den Großen als Gründer der Stadt. Urkundliche Belege gibt es dafür nicht.

Kirche wurde im Beisein Karls des Großen geweiht

799 erhielt Syburg Marktrechte und richtete eine Wallfahrt am Tage St. Markus ein. Mit der fatalen Folge, dass Dortmund im Jahr 1297 bis auf drei Steinhäuser abbrannte, weil alle Bürger gerade nach Syburg gepilgert waren.

Vor Zerstörungen war aber auch Hohensyburg nicht gefeit. So brannte die Kirche St. Peter, die 799 durch Papst Leo III. im Beisein König Karls geweiht wurde (neuere Forschungen gehen davon aus, dass der Papst sie lediglich besucht hat, da sonst seit ersten Erwähnung 776 zu viel Zeit vergangen wäre), nach einem Angriff der Franzosen im Jahr 1673 ab. Wiederaufgebaut werden musste das Gotteshaus auch nach dem zweiten Weltkrieg, in dem es durch eine britische Fliegerbombe stark beschädigt wurde.

Heute ist Syburg in erster Linie Ausflugsziel am Wochenende. Sei es mit dem Motorrad oder zu Fuß, ein Abstecher zur Aussichtsplatform zu Füßen des Kaiser-Wilhelm-Denkmals muss sein. Unterhalb des Denkmals befindet sich eine der ältesten Zechen Dortmunds. Im Besucherbergwerk Graf Wittekind arbeiten Hobby-Bergleute in einem alten Stollen — ein spannendes Erlebnis.

8. Jahrhundert: Reinoldus wird geboren

Im späten achten Jahrhundert, leider nicht genau datiert, heiratet Karls Schwester Aya den Grafen Haimon von Dordogne – einen Feind Karls des Großen. Graf Haimon gehört zu einer Gruppe Adeliger, die dem König zwar Vasallentreue geschworen hatten, sich aber gegen den von Karl praktizierten Zentralismus zur Wehr setzen. Aus welcher Region Haimon stammt, ist strittig.

Entweder steht "Dordogne" für die gleichnamige Landschaft in Südfrankreich, wo es auch eine Festung namens Montalban (oder Montauban) gibt. Oder aber der Name "Dordogne" leitet sich von "d'Ardennes" ab, was bedeuten würde, dass Haimon aus dem belgisch-französischen Grenzgebiet stammt. Auch für diese These finden sich Hinweise.

Wie auch immer: Die Mutter verbirgt ihre Söhne vor Haimon, da dieser geschworen hat, Karls Geschlecht auszulöschen. Karl und Haimon führen erbitterte Kriege gegeneinander. Doch Haimon entdeckt seine Söhne, die vier Haimonskinder: Adelhard (Allard, Adelaert), Ritsart (Richard, Risaert), Witsard (Guichard, Writsaert ) und Reinoldus (Reinhold, Renaut, Reinhout) von Montalban. Wider Erwarten, schlägt Haimon die Söhne zu Rittern und schenkt Reinhold, dem stärksten der Brüder, das Wunderpferd Bayard.

Andere Quellen schildern den Fall etwas anders. Ihnen zufolge werden die Haimonskinder nicht vor ihrem Vater, sondern vor Karl dem Großen versteckt, da das Paar geschworen haben soll, kinderlos zu bleiben.

Treues Wunderpferd

Den vier Haimonskindern steht ihr Vetter Malegys (frz. Maugis) zur Seite, der Magie beherrscht. Malegys unterstützt die Kinder und hilft ihnen oft aus aussichtslosen Situationen. Der treueste Diener der Haimonskinder ist jedoch das riesige Wunderross Bayard mit seinen übernatürlichen Kräften. Dank seiner Ausdauer und Schnelligkeit können die Brüder immer wieder fliehen oder in Kämpfen gegen Soldaten Karls bestehen. Reinhold hatte das Pferd gebändigt, worauf es ihm und seinen Brüdern bedingungslos treu wurde. Mittelalterliche Darstellungen zeigen die vier Brüder auf dem Rücken Bayards sitzend. Das Motiv ziert auch einen Schlussstein im Deckengewölbe der Reinoldikirche in Dortmund.

8. Jahrhundert: Drama um Reinoldus' Wunderpferd Bayard

Bei einem Fest an Karls Hof in Aachen schlägt Reinhold seinem Cousin Ludwig, einem Sohn des Kaisers, den Kopf ab. Auslöser soll ein Schachspiel auf Leben und Tod zwischen Ludwig und Reinholds Bruder Adelhard gewesen sein. Adelhard siegt, und in einem darauf entstehenden Streit schlägt Reinhold Ludwig den Kopf ab.

Kaiser Karl ist außer sich und verfolgt die Brüder. Sie fliehen zu König Ivo und bauen die Burg Montalban (oder Montauban). Die Festung erweist sich als uneinnehmbar, sieben Jahre lang trotzen Reinhold und seine Brüder den Angriffen des Kaisers. Doch durch einen Verrat verliert Reinhold die Burg und flieht auf Bayard nach Tremonia — Dortmund —, wo er eine Burg besitzt.

Karl aber wird ihres Vaters habhaft und verlangt, dass die Haimonskinder das Pferd Bayard im Tausch für ihren Vater töten. Das Pferd soll schließlich mit einem umgehängten Mühlstein ertränkt werden – entweder an der Mündung von Dender und Schelde oder an der Maas. Bayard kann sich ans Ufer retten. Erst als Reinhold sich von dem Pferd abwendet, ertrinkt es – aus Kummer.

Wo lag die Festung Montalban?

Wo genau die sagenhafte Festung Montalban gelegen haben könnte, ist umstritten. Es gibt einen gleichnamigen Ort bei Nizza, der es aber höchstwahrscheinlich nicht war. Viel wahrscheinlicher ist der Ort Montauban in der Dordogne als Heimatort Reinholds anzusehen. Darauf weisen französische und englische Varianten der Legende um die Haimonskinder hin. Möglicherweise lag das sagenumwobene Montalban aber auch in den Ardennen. Dafür spräche die Tatsache, dass die Haimonskinder per Pferd aus Aachen flohen – eine Festung in den nahen Ardennen wäre da ein realistischer Zufluchtsort. Außerdem wurde das Wunderpferd Bayard im Gebiet des heutigen Dreiländerecks ertränkt.

Noch heute wird die Legende der Haimonskinder im belgischen Ort Dendermonde am Leben gehalten. Seit 1461 findet dort der „Ros Beiaardommegang“ – ein Umzug – statt, bei dem ein 4,85 Meter großes und 800 Kilo schweres Riesenpferd von zwölf Männern durch die Straßen getragen wird. Die Einwohner Dendermondes sehen sich offenbar als unmittelbare Erben der Haimondskinder, denn die Anforderungen an die Darsteller der Brüder sind streng:

  • Es müssen vier Brüder sein, deren Geburtsfolge nicht von Mädchen unterbrochen sein darf.
  • Sie müssen in Dendermonde geboren sein.
  • Die Eltern und Großeltern müssen in Dendermonde geboren sein.
  • Sie müssen zwischen sieben und 21 Jahre alt sein.
  • Sie müssen in Dendermonde oder einem Stadtteil wohnen.

Bewiesen ist dadurch allerdings nichts.

9. Jahrhundert: Reinoldus findet seinen Weg nach Dortmund

Nach dem dramatischen Tod seines Wunderpferdes Bayard ist Reinhold als Pilger ins Heilige Land gereist. Dort kämpft er bei der Befreiung Jerusalems. Nach seiner Rückkehr aus Palästina lässt er sich als Mönch im Kloster St. Pantaleon in Köln nieder.

Gleichzeitig verdingt er sich als gewöhnlicher Arbeiter am Bau des Kölner Doms. Da er bereit ist, für einen besonders niedrigen Lohn zu arbeiten, zieht er den Unmut der anderen Arbeiter auf sich. Die Situation eskaliert und wütende Arbeiter erschlagen Reinhold mit einem Hammer. Sein Leichnam wird in einen Sack gestopft und in den Rhein geworfen.

Das erste Wunder

Doch Reinholds Leiche bleibt nicht in dem Fluss. In einem Traum wird eine gelähmte Frau an den Schauplatz des Mordes gerufen. Sie kann den Leichnam auf wundersame Weise bergen. Fische bringen Reinoldus ans Ufer, Engel singen, der Körper Reinholds leuchtet. Bald darauf wird die Frau von ihren Leiden geheilt. Die Glocken Kölns beginnen zu läuten.

Reinhold soll in einer Kölner Kirche beigesetzt werden, doch weitere Wunder verhindern das. Der Karren, auf dem sich der Leichnam befindet, fährt selbständig bis Tremonia — Dortmund. Als sich der Karren der Stadt nähert, beginnen die Glocken zu läuten. Bürger strömen zu dem Gefährt. Kranke werden auf wundersame Weise geheilt. Die Dortmunder errichten zu Ehren Reinholds eine nach ihm benannte Kirche und erklären Reinhold zum Stadtpatron.

Wann kam Reinoldus wirklich nach Dortmund?

Theorien besagen, dass die Reliquien erst im 10. Jahrhundert von Köln nach Dortmund kamen. Unter welchen Bedingungen das geschah, ist unklar. Andere Quellen behaupten, die Reliquien seien im Jahr 1059 durch den Kölner Erzbischof Anno II. im Tausch mit den Pantaleons-Reliquien von Köln nach Dortmund gekommen.

Die Legende, dass sich der Wagen mit Reinholds Leichnam selbständig von Köln nach Dortmund bewegt habe, hält einer ernsthaften, wissenschaftlichen Überprüfung offenbar nicht stand. Im Übrigen wird Dortmund erst 880 zum ersten Mal schriftlich erwähnt.

Aber – wie gesagt – in der Reinhold-Legende lassen sich Dichtung und Wahrheit nicht auseinander halten.

12.-13. Jahrhundert: Reinoldus hinterlässt Spuren in Europa

Der Städtebund Hanse bestimmt die Warenströme in Europa. Dortmunder Kaufleute spielen dabei eine gewichtige Rolle. Die wichtigste Dortmunder Kaufmannsgilde, die Fernhändler, benennt sich nach dem Stadtpatron: Reinoldigilde.

Der Einfluss Dortmunder Kaufleute reicht bis weit in den Ostseeraum, sowie nach Novgorod, hoch nach Gotland oder auch bis Bergen in Norwegen. Die Dortmunder Kaufleute hinterlassen auf ihren zahlreichen Handlungsreisen Spuren in Form von Reinoldusbänken und Pilgerabzeichen, die erst in der Neuzeit Dortmunder Kaufleuten zugeschrieben werden konnten, im gesamten Ostsee- und skandinavischen Raum.

Dortmunder Münzen im Ostseeraum gefunden

In Gotland wurden Hunderte in Dortmund geprägte Münzen gefunden. Dortmunder Kaufmannsfamilien wie die Sudermanns, Berswordts, Kleppings, Spissenagels oder Muddepennings unterhalten im Mittelalter Filialen in Städten wie London, Brügge, Lübeck, Danzig, Tallinn und Krakau.

Der Heilige Reinoldus spielt im städtischen Leben eine wichtige Rolle – er ist nicht nur Stadtpatron, sondern eine juristische Person. Für Kredite werden beispielsweise Zinszahlungen an Reinhold fällig. Das Geld fällt natürlich der Kirche zu.

Es gibt Historiker, die Anzeichen dafür sehen, dass Dortmunds Heiliger Reinoldus gewissermaßen Modell stand für den weitaus bekannteren — aber jüngeren — Schutzheiligen der Hansestadt Bremen: den Roland. Wer sich das Standbild in der Reinoldikirche anschaut, kann in der Tat zu dem Schluss kommen.

1238: Reinoldikirche erstmals urkundlich erwähnt

Im Jahr 1238 wird erstmals das Patrozinum Reinholds für die Hauptpfarrkirche Dortmunds urkundlich erwähnt. Dass die Kirche bereits bei Ankunft Reinholds nach seinem Eintreffen in Dortmund erbaut bzw. nach ihm benannt wurde, ist fraglich. Allerdings gingen beim Stadtbrand von 1232 zahlreiche Urkunden verloren. Die in der Reinoldikirche untergebrachten Gebeine Reinholds überstanden den Brand unbeschadet.

Wahrscheinlich gab es bereits in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts einen Vorgängerbau. Und noch bevor Dortmund Stadt wurde, soll eine Kapelle der Pfalz an der Stelle der heutigen Reinoldikirche gestanden haben.

Dortmund ist freie und Reichsstadt

Die Stadt ist 1238 Freie Stadt und Reichsstadt. Diese Privilegien erhielt sie bereits unter Konrad III. und Friedrich I. Da auch diese Urkunden beim Stadtbrand vernichtet wurden, erneuert Friedrich II. die Privilegien im Jahr 1236.

Möglich ist, dass die Reinhold-Reliquien im Tausch mit den Pantaleons-Reliquien ihren Weg von Köln nach Dortmund fanden – aber das wäre zu profan und eines heldenhaften Stadtpatrons nicht würdig.

Reinoldus-Statue steht seit 700 Jahren in der Kirche

Ungefähr zu dieser Zeit muss dem Heiligen Reinoldus ein Denkmal gesetzt worden sein, das bis heute überdauert hat. Die hölzerne Reinoldusskulptur aus Eiche, Walnuss und Linde in der Reinoldikirche steht gewissermaßen sinnbildlich für die Wunder, die der Stadtpatron bewirkt haben soll: Sie steht inzwischen seit 700 Jahren an Ort und Stelle und überstand den Zweiten Weltkrieg und sogar den Holzwurm. Es ist die älteste erhaltene hölzerne Monumentalskulptur Europas. Sie ist 2,70 Meter groß und ihre Fertigstellung wird auf vor 1317 datiert. Der Schöpfer der Skulptur ist unbekannt, ebenso der ursprüngliche Standort. Dort, wo sie heute steht, befindet sie sich wohl seit 1450.

Reinhold wird dabei als Kämpfer in Ritterrüstung mit Schwert und in kämpferischer Pose dargestellt. Um seinen Bauch trägt er jedoch auch eine Pilgerschnur und keinen Waffengurt – so vereint das Bildnis sowohl Reinoldus' Rittertum als auch seine Zeit als Bettelmönch.

Reinoldus-Statue war ursprünglich bunt

Ursprünglich war die Skulptur vergoldet und farbig, allerdings ist unbekannt, in welche Farben sie gefasst war. Damals muss der hölzerne Reinoldus eine ganz andere Wirkung gehabt haben als heute. Im Halbdunkel zwischen Kirchenschiff und Chor geht die Figur bisweilen unter.

Ihr gegenüber steht ein ebenso großes Abbild von Karl dem Großen, ungefähr 1470 erstellt. Ausgerechnet Karl und Reinoldus, die einander bekämpften, gelten als Gründer und Beschützer Dortmunds.

1352: Reinoldus hilft Dortmund im Kampf gegen die Nachbarn

Zwischen der freien Reichsstadt Dortmund und den umliegenden Grafschaften herrscht Krieg. 1352 gelingt es Truppen des Grafen von der Mark beinahe in die Stadt einzudringen. Doch die Wächter auf einem Turm der Dortmunder Stadtmauer hören eine klare Stimme, die sie auffordert, die Glocken zu schlagen. Die Wächter reagieren nicht und so bescheint ein heller Lichtstrahl vom Himmel die Angreifer. Die Verteidiger werden aufmerksam und schlagen den Feind zurück.

Das Ereignis findet am Fastensonntag "Letare" statt, an dem der Rettung Jerusalems gedacht wird. Für die Dortmunder ist dies ein göttliches Zeichen. Die Feierlichkeiten zum Gedenken an die Rettung Dortmunds werden daher auf den Tag nach Letare gelegt, Dortmund sieht sich, wie andere Städte auch, in der Tradition Jerusalems, was sich auch im Stadtsiegel niederschlägt, auf dem ein mächtiges, turmbewehrtes Stadttor zu sehen ist.

Schon im 12. Jahrhundert ist Dortmund als „Burgo Tremonia“ bekannt – ein Hinweis auf die starke, als uneinnehmbar geltende Stadtbefestigung. Der Umriss des Walls, der das historische Dortmund umgeben hat, prägt die Stadt noch heute und ist auf jedem Stadtplan sofort erkennbar.

1377 und 1378: Kaiser Karl IV. besucht Dortmund — Kämpfe gehen weiter

Am 22. November 1377 besucht Kaiser Karl IV. Dortmund. Der Kaiser kommt aus Richtung Soest zum Ostentor. Ab Unna erhält Karl IV. das Geleit von 200 Dortmunder Reitern. In Körne werden dem Kaiser von einer Prozession, an der Mönche und Nonnen der Dortmunder Klöster sowie Geistliche und die Stadtspitze teilnehmen, die Schlüssel zur Stadt übergeben.

Haupt und Gebeine des Stadtpatrons werden in einem silbernen Schrein zum Kaiser getragen, den ein Lichtermeer aus Kerzen empfängt – alle verfügbaren Wachskerzen der Stadt wurden gesammelt und entzündet. Karl steigt von seinem Pferd, klappt das Reliquiar, das die Form einer Büste hat, am Kopf auf und küsst die eingeschlagene Schädeldecke des Heiligen.

Über den Ostenhellweg zieht der Tross zur Reinoldikirche. Nach der Messe darf sich der Kaiser zwei Knochen aussuchen. Er wählt unter anderem das rechte Schienbein. Mit diesem Geschenk gelten Stadt und Kaiser als vereint. Der Kaiser nimmt die Knochen mit in den Veitsdom in Prag.

Angriffe der Nachbarn gehen weiter

Dortmund wird weiterhin Ziel der Angriffe der mit dem Erzbistum Köln verbündeten Grafschaften im Umland, insbesondere des Grafen Engelbert III. von der Mark. Die Grafen von der Mark hatten zuvor zahlreiche Siedlungen rund um das Dortmunder Stadtgebiet gegründet.

Schon im 12. Jahrhundert wurden zu diesem Zweck Bauern aus dem Dorf Wellinghofen ins neu gegründete Hörde umgesiedelt. Weitere Siedlungen, die den Ring um Dortmund schließen sollen, sind Herdecke, Witten, Bochum, Castrop, Lünen, Unna und Schwerte.

Bei den Angriffen im Jahr 1377 leisten die Dortmunder heftigen Widerstand. Die Angreifer sind in der Übermacht und besitzen Geschütze. Der Legende nach hilft Stadtpatron Reinhold den Dortmundern und steht mit erhobenem Schwert auf der Stadtmauer und schleudert schwere Steine auf die angreifenden Soldaten.

1378: Der Ursprung des Pfefferpotthast-Festes in Dortmund

Am Sonntag, den 4. Oktober 1378, soll Reinhold abermals bei der Verteidigung der Stadt Dortmund mitgeholfen haben. Die verwitwete – sie war mit dem Dortmunder Kaufmann Sudermann verheiratet – und mit dem Grafen Dietrich von Dinslaken (einem Bruder des Grafen von der Mark) befreundete Agnes von der Vierbecke will an diesem Tag bewaffneten Truppen des Grafen Dietrich Zugang zur Stadt Dortmund verschaffen.

Sie versteckt einige Soldaten in einem Heuwagen, den sie mit einer Fuhre Holz – offenbar gemeinsam mit ihrem Sohn – zum Wißstraßenturm fährt. Vor dem Tor verstecken sich der Graf Conrad von Dortmund und weitere Soldaten. Die Dortmunder Stadttore sind Doppeltore mit einem äußeren und einem inneren Tor. Agnes blockiert mit ihren Wagen das äußere Tor. Anschließend überredet sie den Torwächter Hermann Rübenkamp, ihr einen Topf Pfefferpotthast zu holen. Der Wächter verlässt seinen Posten und geht zu den Fleischbänken.

Verräter werden verurteilt und hingerichtet

Im Glauben, Rübenkamp hätte das innere Tor offen stehen gelassen, gibt Agnes das Signal zum Sturm auf die Stadt – doch das innere Tor ist geschlossen. Unter Mitwirkung des Heiligen Reinoldus werden die Dortmunder auf den Verrat aufmerksam und erschlagen die Angreifer. Agnes, ihr Sohn Arnold und Graf Conrad von Dortmund werden auf dem Wißstraßenturm festgenommen und noch am selben Tag angeklagt und hingerichtet. Rübenkamp, Arnold und Graf Conrad werden enthauptet, Agnes auf ihrem Holzwagen verbrannt.

Der Markgraf beteuert Agnes’ Unschuld und informiert weitere Städte über das seiner Ansicht nach unrechtmäßige Vorgehen der Dortmunder. In der Folge verbünden sich zahlreiche Grafen gegen Dortmund – die große Dortmunder Fehde bricht schließlich 1388 aus. Die Stadt Dortmund hält den Angriffen eines übermächtigen Heeres stand. Da die Bürger Getreide gebunkert haben, misslingt die Belagerung der Stadt. Bei den Angriffen der Feinde steht Reinoldus der Legende nach auf der Stadtmauer und wehrt Steingeschosse ab, fängt sie und schleudert sie auf die Angreifer.

Bogenschützen aus England helfen den Dortmundern

Englische Bogenschützen helfen den Verteidigern, denn die Beziehungen Dortmunder Kaufleute auf die Insel sind hervorragend – schließlich war sogar die englische Krone bis 1344 an ein Konsortium aus westfälischen,, allen voran Dortmunder, Kaufleuten verpfändet, weil das Königreich Kredite für den Hundertjährigen Krieg gegen Frankreich benötigte. Die Dortmunder erhielten außerdem Zugriff auf den englischen Wollhandel. Die Gilde der Dortmunder Fernhändler nannte sich ausgerechnet – Reinoldigilde.

Durch mehr als 100 Ausfälle aus der Stadt erringen die Dortmunder mehrere Siege gegen die Angreifer und können nach und nach auch wieder ihre Felder jenseits der Stadtmauern bestellen. Doch bei dem Versuch, die Hörder Burg zu erobern scheitern die Dortmunder. Erst ein Spruch der Stadt Soest stiftet Frieden. Dortmund muss Geldzahlungen an die Angreifer leisten.

1421: Die Reinoldikirche wird erweitert

Im Jahr 1421 wird die Reinoldikirche erweitert. Beim Neubau des Chors werden die Reinoldus-Reliquien in einem lichtdurchfluteten Gebäude aus Stein und Glas untergebracht. Bemerkenswert: Der Chor wird nicht von der Kirche gebaut, sondern von der Stadt und ihren Bürgern, die somit die Reinoldikirche aus dem Einflussbereich des Erzbischofs von Köln herauslösen. Die monumentale Reinoldus-Statue zieht an ihren heutigen Standort vor dem Chor.

Die weltlichen Stadtoberen lassen sich in diesem heiligsten Bereich der Kirche ein nobles, hölzernes Chorgestühl errichten und machen somit deutlich, wer in der Reinoldikirche das Sagen hat. Die Schlüssel zu den Reinoldus-Reliquien befinden sich in der Obhut der Bürgermeister. 1456 wird in der Reinoldikirche das Reliquienhaus errichtet, das dort heute noch steht.

Überlieferungen schildern, dass die Reliquien reich geschmückt gewesen sein müssen, mit Gold, Silber, Korallen und Edelsteinen. Im Kopf war ein aufklappbarer Deckel, der den Blick auf die eingeschlagene Schädeldecke des Reinoldus ermöglichte. In den folgenden Jahren soll es zu zahlreiche Wunderheilungen im Zusammenhang mit den Reliquien gekommen sein.

Dortmund wird protestantisch

1570 erhält Dortmund ein neues Kirchenregiment, die großen Kirchen der Stadt, allen voran die Reinoldikirche, werden protestantisch. Nur wenige Familien bleiben katholisch, darunter die Kaufmannsfamilie Klepping und die Berswordts.

1614, 1616, 1792: Reinoldus' Reliquien verlassen Dortmund und kommen nach Toledo

Der katholisch gebliebene Kaufmann Albert Klepping kauft am 11. Mai 1614 die Reliquien des heiligen Reinoldus heimlich und übergibt sie im August des Jahres an den Kölner Dompropst Graf Eitel Friedrich von Hohenzollern. Der schenkt sie am 21.3.1616 Erzherzog Albert von Österreich.

Vier große und breite Knochen, sechs kleinere, ein großer Teil der Kieferknochen mit einem Zahn, 20 verschiedene andere Knochen, mehrere andere Knochen und kleinere Teile des Schädels in einem Säckchen wechseln den Besitzer.

Nachdem der Kölner Erzbischof die Reinoldus-Reliquien vom Dortmunder Kaufmann Klepping erhalten hat, hat er sie an den Erzherzog Albert von Österreich weiterverschenkt. Der schenkt sie wiederum dem Erzbischof von Toledo Bernardo de Sandoval y Royas. Die Reinoldus-Knochen werden in einer Holzschachtel übergeben, der Reliquienschrein bleibt in Dortmund. Die Öffentlichkeit interessiert sich nach der Reformation im protestantischen Dortmund nicht mehr für die Reliquien.

Nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges wird der Prager Teil der Reliquien, der 1377 Karl IV. überreicht wurde, in der Schatzkammer des Veits-Doms in Sicherheit gebracht.

1792: Reinoldus-Reliquiar wird für Instandhaltung der Kirche verkauft

1792 verlässt ein weiterer Teil des Andenkens an den Stadtpatron Dortmunds die Stadt. Das in der Reinoldikirche verbliebene Reliquiar muss wegen akuter Finanznot verkauft werden, um die Kirche instandhalten zu können. Da sich kein Käufer findet, der den geforderten Preis zahlen möchte, wird das wertvolle Reliquiar zerlegt und in Einzelteilen verkauft. Insgesamt nimmt die Reinoldikirche 834 Reichstaler 53 Stüber ein. Damit ist Reinoldus’ Erbe verramscht. Das Geld fließt in den Wiederaufbau des Kirchturms.

1982: Dortmund feiert 1100-jähriges Bestehen — Reinoldus kehrt zurück

Dortmund begeht im Jahr 1982 seine 1100-Jahr-Feier, das Jubiläum der urkundlichen Ersterwähnung der Stadt. Ein Teil der Reinoldus-Reliquien kehrt aus diesem Anlass nach Dortmund zurück und wird in der Propsteikirche ausgestellt.

Eine Reliquie verbleibt dauerhaft in Dortmund und wird von Prof. Dr. Herbert Otto, Pathologe der Städt. Kliniken, untersucht. Er führt an einem Schienbein einen Längsschnitt durch. Der Arzt stellt fest, dass es sich um das linke Schienbein eines etwa 30-jährigen Mannes handelt. Der Vergleich mit dem Schienbein aus dem Veits-Dom in Prag ergibt, dass es sich um die Gebeine desselben Mannes handelt.

Als neue Unterkunft für die Reinoldus-Reliquien bietet sich die katholische Propsteikirche an. Der Dortmunder Juwelier Rüschenbeck fertigt ein neues Reliquiar aus Gold und Silber an, versehen mit den Wappen der Städte Dortmund und Toledo. Die kleine Schatzkiste wird in den Altar der Kirche eingelassen — wo sie noch heute besichtigt werden kann.

2000: Altersermittlung der Reinoldus-Reliquien wirft neue Fragen auf

Wie alt ist Reinoldus und wann kam er nach Dortmund? 1982 wurde bereits festgestellt, dass die Reliquien in Prag, Toledo und Dortmund von der selben Person stammen. Nun soll Klarheit über das Alter der Knochen herrschen. Für gewöhnlich sind Reliquien deutlich jünger als es die jeweiligen Heiligen-Legenden glauben machen.

Reinoldus soll ein Neffe Karls des Großen gewesen sein. Doch Historiker gehen davon aus, dass die Reliquien eher aus dem elften Jahrhundert stammen und im Jahr 1059 durch den Kölner Erzbischof Anno II. im Tausch mit den Pantaleons-Reliquien von Köln nach Dortmund gekommen sind.

C14-Messung soll das Alter verraten

Eine C14-Messung soll Klarheit über das Alter der Reinoldus-Reliquie schaffen. Doch dann die Überraschung: Die Gebeine stammen aus dem späten 6. oder frühen 7. Jahrhundert – sind also zu alt, um zu einem Neffen Karls des Großen zu gehören.

Vielleicht war aber auch alles ganz anders. Möglicherweise sind sowohl der sagenhafte Reinhold wie auch Kaiser Karl der Große eher stellvertretend für einen Generationen übergreifenden Konflikt zu sehen. In der Reinoldus-Legende könnte der Kaiser die gesamte Familienlinie seit seinem Großvater Karl Martell verkörpern, während Reinhold Sinnbild für den Kampf der Vasallen gegen ihre Herrscher steht. Das würde zumindest im Ansatz das höhere Alter der Dortmunder Reliquien erklären.

Wie auch immer: Das Rätselraten um die Biografie des Heiligen Reinoldus geht weiter — Ende offen...

Ein ganz herzlicher Dank geht an Prof. Dr. Thomas Schilp (Stadtarchiv Dortmund) und Uwe Schrader (TU Dortmund und Reinoldikirche).