Wie Neonazis in Dortmund versuchen, Gegner einzuschüchtern

Hakenkreuze an einer Fassade.
Hakenkreuze an einer Fassade.
Foto: Robert Rutkowski
Was wir bereits wissen
Der Dortmunder Robert Rutkowski wird von Neonazis bedroht. Im Interview erzählt er, wie sein Umfeld auf Todesanzeigen und Hakenkreuze reagiert.

Dortmund.. Robert Rutkowski sieht nicht aus wie jemand, der sich mit dem harten Kern der Dortmunder Neonazi-Szene anlegt. Der 52-Jährige passt nicht ins Bild des eher jugendlichen Antifa-Kämpfers, der sich mit den Rechten Scharmützel liefert. Und doch haben die Rechten Rutkowski auf dem Kieker. Weil er eine Meinung hat und diese lautstark vertitt. In seinem Blog, aber auch auf der Straße. Wenn irgendwo in Dortmund Rechtsradikale auf die Straße gehen, steht Rutkowski auf der anderen Seite und zeigt Gesicht gegen Nazis.

Rutkowski arbeitet für die zwei Dortmunder Piraten-Landtagsabgeordneten Birgit Rydlewski und Torsten Sommer. Über diese Arbeit wurde auch sein Engagement gegen Rechts geweckt. Doch nun ist Rutkowski in den Fokus von Dortmunds Neonazi-Szene geraten. Sie beleidigen ihn auf Twitter, schicken Todesanzeigen oder schmieren Hakenkreuze an Rutkowskis Haus. Mit einigen Leidensgenossen hat Rutkowski nun den Schritt an die Öffentlichkeit gewagt.

Erst zur Polizei, dann an die Öffentlichkeit

"Es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit von solchen Dingen erfährt", sagt Polizeisprecher Kim Freigang. Der erste Schritt solle jedoch immer zur Polizei führen. "Sonst erschwert das die Ermittlungen", erklärt Freigang. Das Problem sei, dass Rechtsextremisten häufig "knapp unterhalb der Strafbarkeit" agierten. Das zu beurteilen obliege am Ende jedoch der Staatsanwaltschaft. "Wir nehmen eine Anzeige nicht schulterzuckend hin, sondern nehmen die Ermittlungen auf", so Freigang.

Wer von Rechtsradikalen bedroht werde, solle entweder die 110 rufen. In Dortmund hat die Polizei eine Beratungs-Hotline zum Thema Rechtsextremismus geschaltet: 0231 132-7777. Inwieweit die Polizei im Falle einer Bedrohung durch Neonazis Schutz bieten kann, hängt laut Freigang vom konkreten Einzelfall ab. Daher sei es wichtig, Solidarität im Freundeskreis und in der Nachbarschaft zu schaffen. "Die Methoden der Rechten nähern sich historischen Vorbildern an", sagt Freigang, ohne den Begriff "SA-Methoden" in den Mund zu nehmen. Umso wichtiger sei es, dass die Zivilgesellschaft Rechtsradikalen die Stirn biete. Freigang erinnert an den Fall einer Familie, die sich im Jahr 2009 angesichts immer heftiger werdender Neonazi-Attacken gezwungen sah, Dortmund-Dorstfeld zu verlassen - auch weil es kaum Solidarität im Ort gegeben habe.

Öffentlichkeit soll Schutz bieten

Robert Rutkowski hat den Schritt an die Öffentlichkeit gewagt. Im Interview erklärt er, was er sich davon erhofft und wie es sich anfühlt, von Neonazis bedroht zu werden.

Herr Rutkowski, Sie werden von Neonazis verfolgt und thematisieren das öffentlich. Welche Hoffnungen verknüpfen Sie damit?

Robert Rutkowski: Hoffnung ist vielleicht etwas zu viel. Ich bin von dieser Todesanzeige ja nicht alleine betroffen. Wenn einer von uns nicht mit dem Schritt an die Öffentlichkeit einverstanden gewesen wäre, dann hätten wir das auch nicht gemacht. Wir glauben aber, dass Öffentlichkeit auch eine gewisse Art von Schutz bietet.

Wie viele Leute sind außer Ihnen noch betroffen?

Rutkowski: Die Todesanzeige richtete sich an sechs Menschen. Von denen haben jetzt drei den Schritt an die Öffentlichkeit gewagt. Darüber hinaus sind ja unzählig viele Menschen in Dortmund gegen Nazis aktiv. Das freut mich ungemein. Wie viele davon aber konkret bedroht werden, weiß ich nicht, obwohl wir alle über das Bündnis BlockaDO sehr gut vernetzt sind.

Wie war das Feedback auf diesen Schritt?

Rutkowki: Überwiegend positiv und solidarisch. Es gab auch Stimmen, die gesagt haben, ich solle doch einfach aufhören, die Neonazis zu provozieren - dann stünde ich auch nicht in ihrem Fokus. Aber das wird nicht passieren, weil das ja genau das ist, was die bezwecken wollen.

Seit wann stehen Sie im Fokus?

Rutkowski: Ich habe in den Neunzigerjahren als Musiker an „Rock gegen Rechts“-Aktionen teilgenommen und sie zum Teil auch initiiert. Damals im Zuge der Geschehnisse in Solingen, Mölln oder Rostock-Lichtenhagen. Dann kursierte plötzlich eine Adressenliste, auf der auch ich stand. Eigentlich wollte ich nur Musik machen und für eine gute Sache da sein. Mit der Zeit wurde mir das zu viel und ich zog mich eher in den musikalischen Mainstream zurück. Vor einiger Zeit habe ich das dann aber wiederentdeckt. Parallel dazu habe ich die Piraten für mich entdeckt. Über viele persönliche Kontakte hat sich dann ergeben, dass die Arbeit gegen Nazis mein Hauptbetätigungsfeld wurde. Die erste Reaktion der Nazis habe ich dann im Juni 2014 bekommen. Damals hatte ich einen längeren Krankenhausaufenthalt und da gab es dann per Twitter eine Meldung, dass es schade wäre, dass ich nicht krepiert bin. Da habe ich zum ersten mal gemerkt, dass die wissen, wer ich bin.

Wie ging es weiter?

Rutkowski: Die Intensität steigerte sich. Ich bekam Anmeldungen zu Newslettern. Die haben ja meine Mail-Adresse, weil ich auch in meinem Blog sehr offen mit dem Thema umgehe und mich klar positioniere. Das mit den Newslettern ist so eine Sache, die die Nazis gerne machen. Nicht alle Newsletter-Anbieter verlangen eine Anmeldebestätigung, und so bekommt man dann halt eindeutig rechte Newsletter. Ich habe auch Post von Küchenherstellern oder Autohäusern bekommen. Das läuft so nach dem Motto: „Hauptsache, der erinnert sich daran, dass wir ihn auf dem Kieker haben.“ In lichten Momenten haben sie sogar Humor. Nach einem Naziaufmarsch in Bad Nenndorf, wo ich an der Gegendemo teilgenommen hatte, bekam ich kurz darauf einen Prospekt für Kuraufenthalte in Bad Nenndorf. Da musste ich sogar mal schmunzeln.

Später gingen dann die Anrufe los. Unternehmen meldeten sich bei mir, weil ich doch um ein Angebot gebeten hätte. Von einem Unternehmen bekam ich schon Zahlungsaufforderungen. Das lässt sich dann aber alles telefonisch klären.

"Wenn ich Schritte hinter mir höre, drehe ich mich um."

Wie wirkt sich das auf den Alltag aus?

Rutkowski: Es wirkt sich natürlich aus. Wenn ich Schritte hinter mir höre, drehe ich mich um. Das hätte ich früher nicht gemacht. Ich rechne nicht mit dem Allerschlimmsten, aber natürlich möchte ich jede Begegnung vermeiden. Im Freundeskreis gibt es fast nur Solidarität. Ich bekomme zum Beispiel Angebote, woanders zu übernachten.

Wie ist das, wenn Sie Neonazis im Alltag begegnen?

Rutkowski: Ich bin mehrere Male am Rathaus angesprochen worden. Da kommt dann so ein nettes „Hallo Robert.“ Das ist oberflächlich freundlich, aber gemeint ist es natürlich als Drohung, dass sie mein Gesicht und meinen Namen kennen. Bei Demos oder anderen Versammlungen ist es so, dass sie versuchen, Dinge, die ich zum Beispiel getwittert oder gebloggt habe, gegen mich zu verwenden. Ich lasse mich davon nicht provozieren. Die nennen immer meinen Namen und geben mir zu verstehen, dass sie wissen, was ich mache.

Sind Sie schon einmal tatsächlich bedroht worden?

Rutkowski: Nicht im Alltag, aber im Zuge einer der vielen Demos Ende 2014. Nachdem die Nazis in der Nordstadt Anne Frank und Thomas Schulz (der Punker Thomas Schulz, „Schmuddel“, wurde von dem Dortmunder Neonazi Sven K. erstochen, Anm. d. Red.) verhöhnt hatten, sind wir nach Dorstfeld gefahren, um eine Kundgebung gegen Antisemitismus zu machen, die uns dann ja von der Polizei abenteuerlicherweise verboten wurde. Wir kamen dann zu dritt am Wilhelmplatz an (das von Neonazis bewohnte Zentrum Dortmund-Dorstfelds, Anm. d. Red) und sahen, dass dort sehr viel Polizei war. Doch plötzlich bewegte sich eine Gruppe aus acht bis zehn Nazis auf uns zu. Gemeinsam mit einem Dortmunder Journalisten gingen wir dann auf einen Polizeiwagen zu, um Schutz zu haben. Die Nazis hatten sich an unsere Fersen geheftet. Die wurden nicht schneller, aber verfolgten uns. Wir haben dann das Tempo angezogen und sind zu einem Taxistand gegangen und in einen Wagen gestiegen. Hinter uns waren die Nazis mit „Ahu! Ahu!“-Rufen. Das hatte ich dann aus dem Auto getwittert. Die Nazis haben das natürlich aufgenommen und feiern das als Sieg - weil sie uns aus „ihrem“ Dorstfeld verjagt haben.

Danach ist Ihr Haus mit Hakenkreuzen beschmiert worden. Was sagen die Nachbarn dazu?

Rutkowski: Ich wohne in einer beschaulichen, fast spießigen Gegend. Da sind viele Menschen der Meinung, dass so etwas, wie ich es mache, da nicht hingehört. Die wollen da nichts mit zu tun haben und wollen ihre Ruhe haben.

Wie gehen Sie mit diesem Desinteresse um?

Rutkowski: Nach den Hakenkreuzschmierereien habe ich ein Flugblatt verbreitet, auf dem ich die Leute darüber aufgeklärt habe, wie und warum sowas passiert. Denn die Absicht hinter solchen Schmierereien ist ja, dass Leute Angst haben und sich von mir distanzieren. Diese Angst wollte ich den Leuten mit dem Flugblatt nehmen. Ich habe natürlich meinen Namen drunter geschrieben - die Leute kennen mich ja alle. Ich hatte gehofft, dass der eine oder andere dann mal was sagt, aber da kam gar nichts. Ich habe eher das Gefühl, dass ich abgelehnt werde. Aber da muss ich wohl durch - ändern lasse ich mich nicht.

Vermutlich ist für die Leute im dörflichen Menglinghausen die Nazi-Problematik zu weit weg. In den Köpfen ist Dorstfeld Lichtjahre entfernt.

Rutkowski: In dem Bereich, in dem ich wohne, leben viele ältere Menschen aus der Generation, die knapp zu jung ist, um die Nazi-Zeit miterlebt zu haben. Die lieben natürlich die Beschaulichkeit und wollen nicht mit Problemen konfrontiert werden. Und jetzt kommen diese Probleme plötzlich dorthin - und ich bin schuld daran.

Sie haben Anzeige erstattet. Wie hat die Polizei reagiert?

Rutkowski: Meine Beamtin war echt erschrocken und sagte sehr glaubhaft, dass sie sich nicht vorstellen könnte, ihren Dienst als Polizistin zu leisten, wenn solche Menschen an die Macht kommen sollten.

Hatten Sie dann auch Kontakt zur Task Force gegen Rechts?

Rutkowski: Zumindest nicht so, dass sie sich als Task Force vorgestellt hätte. Ich hatte Kontakt zum Staatsschutz - die haben die Anzeige aufgenommen. Für mich waren das normale Polizisten. Die tragen ja keinen Button, auf dem „Task Force“ steht. An dem Tag, an dem ich die Schmierereien entdeckt hatte, hatte die Polizei von sich aus den Staatsschutz eingeschaltet. Die haben dann Fotos gemacht und nach Spuren gesucht. Witzigerweise hatten die direkt schwarze Sprühfarbe mitgebracht, weil Hakenkreuze verbotene Symbole sind und aus dem öffentlichen Raum verschwinden müssen. Sie gaben mir den Tipp, dass viele Betroffene aus den Kreuzen Windows-Fenster machen. Wobei ich im Netz auch Kleeblätter gefunden habe. Mein Chef hatte dann einen Malermeister angerufen, und die Hakenkreuze waren ganz schnell verschwunden.

Was denken Sie, warum die Neonazis in Dortmund seit einiger Zeit aggressiver auftreten?

Rutkowski: Vielleicht wollen Sie Nachwuchs rekrutieren, weil sie dort gerade ein Problem haben. Sie sitzen im Rat und treten als Partei auf - das macht sie unattraktiv für radikale Jugendliche. Andererseits setzen sie durch solche Aktionen auch ihr Parteienprivileg aufs Spiel. Die Wahlerfolge der AfD und die Pegida-Bewegung und ihre Ableger haben rechtes Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft hoffähig gemacht. Die Rechten glauben daher möglicherweise, dass sie die breite Bevölkerung hinter sich haben und darum aktiver werden können.

Nehmen Sie diese Sache eigentlich persönlich? Oder meinen Sie, dass Sie austauschbar sind?

Rutkowski: Ich neige zu der Ansicht, dass wir im Grunde alle gemeint sind. Dadurch, dass ich mit meiner Meinung nach draußen gehe, blogge, twittere und mein Gesicht zeige, ist es natürlich einfach, mich in den Fokus zu nehmen. Das würden die mit jedem machen, dessen sie habhaft werden können. Vielleicht gucken sie sich demnächst einen Anderen aus. Im Grunde kann es jeden treffen, der sich gegen Nazis engagiert. Umso wichtiger ist es, dass sich viele Menschen gegen Nazis einsetzen, um zu verhindern, dass die jemals wieder an die Macht kommen.