Wie eine junge Familie Schicksalsschläge übersteht

Als Corinna Sierpinski die Diagnose Lymphdrüsenkrebs erhält, ist sie gerade 18. Mit Unterstützung ihres Mannes übersteht sie die Krankheit - doch weitere Schicksalsschläge folgen, auch für das spätere Baby des Paares. In unserer Glücks-Serie berichten wir über eine kleine Familie, der das Schicksal übel mitgespielt hat.

Dortmund.. Lymphdrüsenkrebs. Überlebenschance 50:50. Ihr erster Gedanke war, sich vor den nächsten Zug zu schmeißen. Dass sie es nicht tat, darüber ist sie heute froh - denn sonst gäbe es den kleinen Lennard nicht: einen großen Charmeur, der schon mit sieben Jahren erste Liebesbriefe erhält.

Corinna Sierpinski sagt, das positive Denken aller aus ihrer Familie beeinflusse das Leben und gebe ihm immer wieder glückliche Wendungen. Des Glückes eigener Schmied sein - kein Spruch träfe auf die Sierpinskis besser zu.

Mit 16 kennengelernt

Im Bettchen von Lennard liegt Minimuh, eine kleine schwarz-weiße Kuh und seit 16 Jahren auf der Welt. Seiner Mutter brachte Minimuh als Talisman Glück, und auch der kleine Lennard konnte Glück schon gut gebrauchen. Verdammt gut.


Seine Mutter war 16, als sie ihre große Liebe Thomas kennenlernte. Thomas war drei Jahre älter. Neun Jahre später sollten die beiden heiraten. Da hatte Thomas eine geheilte Frau an seiner Seite. Er, der nie müde wurde, ihr Mut zu machen. Mut zum Weiterleben.

Heilung nur mit Chemo

Der 30. April 1999 war Corinnas bisher schwärzester Tag im Leben. Sie hatte einen Knoten am Hals bemerkt, und dass sie schlecht Luft bekam. Ihr Hausarzt hatte sie zum Radiologen überwiesen, der röntgte ihre Lunge, veranlasste dann eine Untersuchung im Computertomographen und sagte ihr: "Sie haben Morbus Hodgkin."

Die 18-Jährige verstand nicht und fragte arglos zurück: "Wie kann ich das heilen? Mit Tabletten?" "Nein, mit Chemo", bekam sie zur Antwort. Und dann stürzte die Welt ein.Corinna, die damals noch Klemm mit Nachnamen hieß, hatte Lymphdrüsenkrebs. Er saß im Hals, in einer Achselhöhle und in beiden Lungenflügeln.

"Ausgedehnter Befall"

Sie hatte Morbus Hodgkin der Stufe 4. Es ist die höchste und bedeutet: "Ausgedehnter Befall". Ein Jahr vorher war ihr Opa an Darmkrebs gestorben, jetzt sah sich Corinna selbst am Abgrund. Sie war mitten in der Ausbildung zur Zahnarzthelferin und wollte nicht mehr leben.

Ihre Eltern holten sie aus dem tiefen, seelischen Loch, und ihre große Liebe Thomas, obwohl alle unter Schock standen. Die Operation des Knotens am Hals im St.-Johannes-Hospital verlief gut. Den anderen Tumoren rückten die Ärzte mit Chemo aufs verheerende Wachstum.

Verdacht auf Neubildung

Am 17. Mai 1999 wurden bei Corinnas erster Chemotherapie 6,5 Liter chemische Substanzen, Glukose und Kochsalz in ihr Blut gepumpt. Die junge Frau bekam vier von diesen Einheiten in acht Chemozyklen.Am 31. Juni 1999 war Corinna komplett haarfrei am Körper, am 13. Oktober 1999 bekam sie die letzte Chemo. Doch nur ein Vierteljahr später wurde sie erneut durchgeschüttelt.

Im Januar 2000 hatten die Ärzte den Verdacht auf eine Neubildung, auf ein Rezidiv an der Thymusdrüse. Der Krebs kam nicht zurück. Bis heute nicht. Ihr späterer Mann kämpfte an ihrer Seite, gab ihr Kraft, sprach ihr Lebensmut zu, lenkte sie ab. Beide gingen in die Disco, tanzen, wollten etwas anderes sehen als Infusionsbeutel. Mutter Ute Klemm war und ist die engste Freundin, Vater Reinhard immer zur Stelle.

Wechseljahre mit 23

Heute ist Corinna Sierpinski 34 Jahre alt, ihr Mann Thomas 37. Die Hochzeitsglocken läuteten 2006, im März 2007 kam Lennard zur Welt. Dass seine Mutter ein Kind bekommen würde, war nach den schweren Chemotherapien alles andere als wahrscheinlich.

Nach dem Absetzen der Pille im September 2004 kam sie umgehend in die Wechseljahre, mit allen denkbaren Nebenwirkungen. Corinna war 23 Jahre jung. Ihre Frauenärztin verschrieb ein Eisprung-auslösendes Medikament, und als Corinna im Juni 2006 per Apotheken-Test daheim gemeinsam mit ihrem Thomas die Schwangerschaft feststellte, flog der Himmel aus den Angeln: "Ich hab so geheult vor Freude", sagt sie. Ihre Gynäkologin hatte zuvor gemeint, ein Sechser im Lotto sei wahrscheinlicher.

Zyste im Kopf

Aber das Leben legte der jungen Familie die nächsten Prüfungen auf. Sohn Lennard wurde mit einer Zyste im Kopf geboren. Sie wuchs und wuchs. Er war nicht einmal ein Jahr alt, als ihm die Ärzte in der Essener Uniklinik die Schädeldecke öffnen mussten, um den gutartigen, mit Nervenwasser gefüllten Hohlraum zu fenstern. Fenstern meint: Durch die Öffnungen kann das Nervenwasser abfließen und so dem Gehirn Platz schaffen für eine normale Entwicklung.

Schwer verletzt - Unfallflucht

Lennard geht es heute gut. Und sein Vater hat die Folgen eines schweren Motorradunfalls nicht vergessen, aber überstanden. Eine Autofahrerin hatte Thomas Sierpinski die Vorfahrt genommen, ihn voll erwischt und mit ihrem Wagen in einen Graben geschleudert. Dort ließ die Unfallverursacherin den Schwerverletzten einfach liegen und flüchtete.


Wieviel Leid kann eine Familie ertragen? "Wir sind Kämpfer, alle", sagt Corinna Sierpinski, die sich vor fünf Jahren als kosmetische Fußpflegerin selbstständig machte. Mit Hilfe des Gründerzentrums "garage". Seither fährt sie zu ihren Kunden nach Hause, hört viele traurige, aber auch lustige Lebensgeschichten während ihrer Arbeit und sagt heute strahlend: "Mir geht‘s blendend. Ich steh mitten im Leben und genieße jeden Tag."

Glück und Mut

Sie spricht von Glück und von Mut. Mut machen möchte sie mit ihrer Lebensgeschichte allen Menschen, die auch in jungen Jahren an einer so lebensbedrohlichen Krankheit leiden.