Wie ein Bulgare in der Dortmunder Nordstadt für sich und seine Familie sorgt

An der Mallinckrodtstraße in Dortmund sammeln sich die Männer. Viele hoffen, angeheuert zu werden.
An der Mallinckrodtstraße in Dortmund sammeln sich die Männer. Viele hoffen, angeheuert zu werden.
Foto: WR
Was wir bereits wissen
Der Bulgare Suna Aslanoglu hat weder eine regelmäßige Arbeit noch bekommt er soziale Unterstützung. Dennoch ist das Leben in der Dortmunder Nordstadt besser als in seiner Heimat. Christina Römer war mit ihm unterwegs und erlebte, wie er es schafft, für sich und seine Familie zu sorgen.

Dortmund.. 50 Euro hat er für zwei Tage Arbeit bekommen. Eigentlich waren 100 Euro vereinbart. Suna Aslanoglu ist trotzdem zuversichtlich, dass er das Geld noch bekommt. Der Bulgare muss Vertrauen haben – vertraglich abgesichert ist er nicht. Es sind Jobs auf Baustellen, mit denen er sich und seine Familie durchbringt. Die Aufträge bekomme er „auf Empfehlung“, sagt er auf Türkisch – die Sprache der Roma aus Plovdiv. Wie viele seiner Landsmänner steht er morgens an der Straße und wartet, ob ein Transporter kommt und ihn einlädt. „Schwarzarbeiterstrich“ nennt sich das. Der 34-Jährige muss nehmen, was er kriegen kann.

Auch wenn Suna Aslanoglu (sein türkische Name, im Pass steht der bulgarische) keine regelmäßige Arbeit hat und keinerlei soziale Unterstützung bekommt – für ihn und seine Familie ist das Leben in Dortmund besser als in seiner Heimat, im bulgarischen Plovdiv. Genauer: in Stolipinovo, dem Armen-viertel der Roma, aus dem viele Bulgaren nach Dortmund geflüchtet sind. „Dort hatte ich gar keine Arbeit“, erzählt der 34-Jährige. Dabei warteten Zuhause vier hungrige Münder. Das Paar hat zwei Kinder, einen 14-jährigen Jungen und ein fünfjähriges Mädchen.

Mit dem Geld, das Aslanoglu in Dortmund verdient, können sie zumindest den Kühlschrank füllen. Und die Miete zahlen. „Für andere Sachen ist nichts übrig“, meint der Bulgare. Für die Krankenversicherung zum Beispiel. – Und da beginnen die ganz großen Probleme.

Familie braucht Krankenversicherung

Denn um in Deutschland dauerhaft leben zu dürfen, bräuchte die Familie eine Krankenversicherung. Und sie muss in der Lage sein, ihren Unterhalt selbst zu bestreiten. Das muss sie nachweisen. Das Einkommen sollte so hoch sein, wie die Familie an Hartz IV beziehen würde – was ihr nicht zusteht. Für Familie Aslanoglu sind das nicht zu bewältigende Hürden. Dabei hatten sie versucht, alles richtig zu machen.

Sie folgten dem Rat eines türkischen Bekannten und besorgten einen Gewerbeschein und eine Freizügigkeitsbescheinigung. Für Neueinwanderer aus Bulgarien gilt diese zunächst drei Monate, danach müssen die Nachweise nach Versicherung und Lebensunterhalt erbracht werden. Die Freizügigkeitsbescheinigung ist lange abgelaufen. Suna Aslanoglu wusste das nicht, schließlich kann er kein Deutsch.

Kinder sollen eine gute Aussbildung erhalten

Für Aslanoglu wird es schwer sein, genug Geld zusammenzubekommen, um eine Krankenversicherung zu bezahlen. Dabei hätten die Familie diese bereits dringend gebraucht. Denn kurz nachdem sie in Dortmund angekommen waren, wurde ihre Tochter krank. „Sie hatte eine schwere Erkältung und bekam eine Lähmung im Gesicht“, erzählt der Bulgare. Die Eltern gingen mit dem Kind zum Arzt. Mussten 50 Euro für jede Behandlung zahlen. Dass es Ärzte gibt, die sie kostenfrei behandelt hätten – auch das wussten sie nicht.

Der Fünfjährigen geht es jetzt wieder besser. Ihre Mutter passt auf das Kind auf. „Wir würden sie gerne in einen Kindergarten schicken, doch das ging bislang nicht“, sagt Suna Aslanoglu.

Sohn besucht die Hauptschule

Der 14-jährige Sohn besucht die Hauptschule. „Er hat sich gut eingelebt.“ Seine Eltern sind stolz auf ihn, zeigen Bilder von ihm und seinen neuen Freunden. „Seine Noten sind besser geworden“, erzählen sie. Deutsch würde er dort lernen. Doch wie gut der Junge die Sprache spricht, können seine Eltern nicht beurteilen. „Es macht ihm nur manchmal zu schaffen, dass wir ihm nichts kaufen können“, sagt Suna Aslanoglu. Sachen, die seine Schulkameraden haben, neue Schuhe zum Beispiel. Und manchmal höre er in der Schule hanebüchene Geschichten. Zum Beispiel, dass alle Bulgaren in einem Jahr Deutschland verlassen müssten. „Er machte sich Sorgen, weil er dann noch nicht mir der Schule fertig ist“, erzählt seine Mutter.

Der Traum von einer festen Anstellung

„Deshalb sind wir hier: Damit die Kinder eine gute Ausbildung bekommen“, sagt Aslanoglu mit Nachdruck. Der 34-jährige Bulgare hat einen Traum: eine feste Anstellung. Dann hätte die Familie Sicherheit. Auch seine Frau möchte gerne arbeiten. „Was man als Ungelernte eben arbeiten kann.“

Bescheidene Wünsche. Das Paar ist bereit, aus sehr wenig sehr viel zu machen. Wie aus ihrem Zuhause. Eine Wohnung in der Nordstadt. Die Möbel sind bunt zusammen gewürfelt, aber es ist gemütlich. Wer eintritt, muss die Schuhe ausziehen. „Ich fühle mich wohl in der Nordstadt“, sagt Suna Aslanoglu. Genau wie seine Frau: „Ich fühle mich sicher hier.“

An den Bulgarinnen, die an der Straße stehen und wie der 34-Jährige auf ein anhaltendes Auto warten, geht sie vorbei. „Ich weiß, dass es Prostituierte gibt, aber damit habe ich nichts zu tun“, sagt sie. „Ich werde auch nicht von der Polizei kontrolliert – die erkennen den Unterschied.“ Suna Aslanoglu und seine Frau haben gute Erfahrungen mit den Menschen in Dortmund gemacht. Und deshalb vertrauen sie. Und hoffen.