Wie der Kita-Streik auf dem Rücken der Familien ausgetragen wird

Durch den Kita-Streik der Erzieherinnen wird’s für Familien stressig: Friederike Meyer-Belitz mit ihren Kindern Milian, Julian und Carla.
Durch den Kita-Streik der Erzieherinnen wird’s für Familien stressig: Friederike Meyer-Belitz mit ihren Kindern Milian, Julian und Carla.
Foto: Kai Kitschenberg
Was wir bereits wissen
Bei allem Verständnis für die Erzieherinnen geraten Eltern im Kita-Streik langsam an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Der Arbeitskampf werde auf ihrem Rücken ausgetragen.

Ruhrgebiet.. Friederike Meyer-Belitz ist die Ruhe selbst. Auch jetzt, nach einem langen Arbeitstag, bremst sie das Quengeln von Milian mit gelassenem Lächeln aus. Und den Streit zwischen ihm und seiner fünfjährigen Schwester Carla um das schönere Wasserglas („Meins!“, „Nein, meins!“) löst sie diplomatisch, indem sie zwei neue Gläser auf den Tisch stellt. Es ist 6 Uhr abends. Die 39-Jährige hat bereits einen Zwölf-Stunden-Tag hinter sich – und das in den harten Zeiten des Kita-Streiks.

Jeder Tag im Kita-Streik will organisiert sein

Vier Tage Urlaub hat Meyer-Belitz inzwischen genommen, weil sie die fehlende Betreuung nicht ausgleichen kann. Zusätzlich engagierte sie für diese Woche nachmittags einen Babysitter. Ansonsten hangelt sie sich von der Streik-Notgruppe einer Kita zu jener Notfallbetreuung, die ihr Arbeitgeber in Kooperation mit der Arbeiterwohlfahrt anbietet. Kein Tag ist wie der andere, jeder will organisiert sein. „Ich hab das Gefühl, dass die Kinder unruhig sind, dass sie darunter leiden, ständig irgendwo geparkt zu werden!“

Kita-Streik Meyer-Belitz arbeitet als internationale Berufsberaterin bei der Bundesagentur für Arbeit, ihr Mann Werner ist in der Jugendhilfe tätig. Bei drei Kindern im Alter von drei, fünf und sieben Jahren ist ihr Alltag schon im Normalfall minuziös getaktet. 5.30 Uhr Aufstehen, 7.15 Uhr die Kinder in Schule und Kita bringen. Arbeiten gehen. „Wenn ich die Kinder morgens hinbringe, holt mein Mann sie nachmittags wieder ab und umgekehrt. Der jeweils andere kann an diesem Tag länger im Büro bleiben“, erklärt sie und fügt hinzu: „Ohne meinen Mann würde ich das nicht schaffen!“

Gewerkschaftliches Engagement ist wichtig. Eigentlich.

„Als ich hörte, dass dieser Verdi-Streik ein unbefristeter sein soll, bin ich selbst bei Verdi ausgetreten“, sagt Meyer-Belitz und betont sofort, wie wichtig ihr gewerkschaftliches Engagement ist. Eigentlich. Und eigentlich unterstützt sie auch die Forderungen der Erzieherinnen. Deren soziale Situation müsse eindeutig aufgewertet werden. Was die Dortmunderin jedoch für fragwürdig hält, ist die Methode dieses Streiks. „Da werden Streiktechniken aus der Industrie auf den sozialen Bereich übertragen. So wird kein Druck auf die Arbeitgeber aufgebaut, sondern auf die Eltern. Dabei haben wir doch keine Entscheidungsmacht“, sagt sie. Und, im Gegenteil, die Kommunen profitierten auch noch von dem Streik, weil sie in dieser Zeit das Gehalt der Erzieherinnen nicht zahlen müssten.

Erzieher-Streik Friederike Meyer-Belitz kann sich alles Mögliche vorstellen, wie dieser Arbeitskampf ausgetragen werden könnte. „Ich gebe den Erzieherinnen gerne meine Kinder mit, um eine Ratssitzung zu besuchen und da Tumult zu machen“, sagt sie, und: „Warum besetzen sie statt des Friedensplatzes in Dortmund, wo es keinen stört, nicht mal die B 1?“

So idyllisch und grün Meyer-Belitz’ Reihenhaus im Dortmunder Süden auch liegen mag, in diesen Tagen findet die Familie hier kaum Ruhe. Auch, weil es keine Großeltern gibt, die sie entlasten könnten. Die einen leben in Süddeutschland, arbeiten selbst noch. Die anderen sind einfach schon zu alt. Und der Streik geht weiter. Die Erzieherinnen wollen ihn durchziehen, wollen endlich mehr Anerkennung ihres Berufes, auch finanziell.

Die Urlaubstage werden durch den Kita-Streik knapp

In zwei Wochen schon wird Friederike Meyer-Belitz auf Dienstreise nach Talinn gehen. Im Sommer haben sie und ihr Mann den Urlaub so arrangiert, dass er sich mit den Kita-Ferien deckt. „Da bleiben also nicht mehr viele Urlaubstage um Streiktage zu überbrücken. Wir sind ohnehin auf Kante genäht ... Aber solch eine wochenlange Belastung!“, sagt sie genervt.

Arbeitskämpfe So wie Familie Meyer-Belitz geht es inzwischen vielen im Land. Bei aller Sympathie für die Forderungen der Erzieherinnen spüren sie jeden Streik-Tag, der auf ihrem Rücken ausgetragen wird. So solidarisch sich die Eltern auch unter einander helfen, sich die Kinder abnehmen.

Carla Meyer-Belitz, Friederikes kleine Tochter, ist vor ein paar Tagen fünf Jahre alt geworden. Geplant war, diesen Geburtstag in ihrer Kita zu feiern. Mit all ihren Freundinnen dort. Eine Feier in der Not-Kita jedoch wollte Carla nicht. Nicht mit all den Kindern, die sie ja gar nicht kennt. Carla war den Tränen nahe.