Wie aus einer Kirchhörder Garage ein Digitalunternehmen wurde

Es gehört schon fast zum Klischee. Ein Start-up, das seine Anfänge in einer Garage nimmt. So auch bei zwei Dortmundern, die ihre Firma 2010 in einer Kirchhörder Garage starteten. Hobbymäßig, neben dem Studium. Und mit diesen speziellen Karosserieteilen feiern sie großen Erfolg.

Dortmund.. Sie zählen sie heute zu den am stärksten wachsenden Digitalunternehmen Deutschlands. So steht es auf einer Liste des Magazins Gründerszene: Sie versammelt die wachstumsstärksten Digitalunternehmen 2016 basierend auf den vergangenen drei Geschäftsjahren. Die Liste erstellt hat die Unternehmensberatung Ernst & Young. Auf Platz 50: die Firma Carbonfiber Dynamics (CFD), deren Umsatz dieses Jahr erstmals die Millionen-Marke knacken dürfte. "Da zu stehen, als kleines Dortmunder Unternehmen, macht uns schon stolz", sagt Malte Schütt, einer der Gründer.

Via Internet verkauft CFD den meist Motorsport-affinen Kunden in ganz Europa Teile wie Motorhauben, Frontlippen, Auspuffrohre und Spoiler aus Kohlefaser (englisch: Carbon). Hinter der Firma stecken Freunde: Die alte Erfolgsgeschichte von Kumpels und Kohle erhält so gesehen gerade ein neues Kapitel.
8500 Euro nach China

Aus einer "Sofa-Idee" wurde 2010 ein "Hobby-Ding"

2010 machten die Schulfreunde Schütt und Ingo Scheuermann, damals 27 und 26, aus einer "Sofa-Idee" ein "Hobby-Ding" (Schütt). Er studierte Maschinenbau, Fachrichtung Automotive, und hatte die Idee, die Kohlefaser-Teile online zu verkaufen. "Aber alleine hatte ich Schiss." Also gründete er mit VWL-Student Scheuermann eine GmbH, sie überwiesen 8500 Euro nach China - in der Hoffnung, dass die bestellten Teile zum Weiterverkauf tatsächlich geschickt würden.

Wurden sie. Das Geschäft in den Kirchhörder Garagen lief gut an, 2011 folgte der Umzug in den Keller der Firma "Five Star Performance" der Tuner Jean Pierre Kraemer und Sidney Hoffmann. Schütt und Scheuermann stellten Freunde als Mitarbeiter ein, die sich um Vertrieb und Versand kümmerten - die Gründer selbst arbeiteten bei einem Start-up in Münster. "Unser Laden plätscherte hobbymäßig nebenher", sagt Schütt.

Bis 2012. Dann stieg mit Constans Jersch ein weiterer Schulfreund mit ein: "Er hat das auf eine seriöse Plattform gebracht", erzählt sein Bruder Jannis. Dieser ist seit 2014 an Bord und kümmert sich ums Marketing. Mittlerweile hat CFD sieben Mitarbeiter und aktuell schon den zweiten Auszubildenden.

Die Firma wurde bekannter, der Umsatz stieg rasant. Noch Anfang 2014 blickte Schütt von Münster auf "sein" Unternehmen in Dortmund: "Ich wäre lieber dort gewesen." Als 2014 der Umsatz erneut um 100 Prozent wuchs, war die Sache klar - Schütt stieg mit seinem in Münster gesammelten E-Commerce-Wissen voll bei Carbonfiber ein.

Anfang 2015 reisten der heute 33-Jährige und der heute 25-jährige Jannis Jersch zur weltgrößten Tuning-Messe, dem Tokyo Auto Salon. Ihr Ziel: Generalverträge mit den japanischen Unternehmen 3DDesign und Varis abschließen, die zu den führenden der Branche zählen. "Pass‘ auf, wir machen euch in Europa groß", habe man den Japanern gesagt, erinnert sich Schütt und lacht. Gelacht hätten auch die deutlich älteren Unternehmensvertreter. In Japan spielen Alter und Erfahrung im Geschäftsleben eine große Rolle - und dann kommen da zwei junge Dortmunder daher.

Doch diese hatten sich gut vorbereitet, überzeugten mit Expertise, und gaben direkt eine Bestellung für 50 000 Euro auf. Kurzum: CFD erhielt die exklusiven Vertriebsrechte für die Kohlefaser-Teile von 3DDesign und Varis in Europa.

Seit Ende 2015 an der Halleschen Straße

Inzwischen vertreibt CFD auch Marken von in der Branche bekannten Herstellern wie 56NORD, Boca Design und Vorsteiner: "Carbonfiber Dynamcis ist das Zalando des Carbons", wie es Jannis Jersch formuliert. Anders als bei Zalando sind bei CFD "99,9 Prozent" der Kunden männlich: "Die einzigen weiblichen Kunden gibt es vor Weihnachten, wenn sie Teile für ihre Männer kaufen."

CFD zog zwischenzeitlich an die Untere Brinkstraße, seit Ende 2015 ist der Firmensitz an der Halleschen Straße. Dort lagern rund 400 verschiedene Kohlefaser-Komponenten für Marken von Audi über BMW, Ferrari und Nissan bis zu Porsche und VW; im Online-Shop sind 2000 Produkte im Angebot.

Dass CFD in Dortmund bisher kaum bekannt ist, habe verschiedene Gründe, sagt Schütte. Einer: Beim Stichwort Tuning denken hier viele genervt an Raser auf Phoenix-West und am Wall. "Es geht uns und unseren Kunden um die Verschönerung von Autos und um Emotionen", sagt Schütte, für den Sicherheit über allem stehe: "Das hat nichts mit den Wallrasern zu tun."

Die Kohle-Kumpels von CFD jedenfalls sind gewillt, sich auch in Dortmund einen Namen zu machen - eines der nächsten Ziele ist eine eigene Halle auf einem eigenen Grundstück. 2017 will mit Ingo Scheuermann auch der zweite Gründer endlich voll in "seine" Firma einsteigen.

Auf Kohlefaser-Teile für Autos wurde Malte Schütt 2009 als Kunde der Firma "Five Star Performance" aufmerksam. Deren Chefs Sidney Hoffmann und Jean Pierre Kraemer erlangten durch die TV-Sendung "Die PS-Profis" Bekanntheit. Inzwischen haben beide je eine eigene Tuning-Firma in Dortmund: Sidney Industries und JP Performance.