Wenn spät die große weite Welt ruft - Auswandern im Alter

Wenn das Paradies zur Heimat wird: Auswandern hat viele schöne Seiten, birgt aber auch gewisse Risiken.
Wenn das Paradies zur Heimat wird: Auswandern hat viele schöne Seiten, birgt aber auch gewisse Risiken.
Foto: Franziska Lehnert / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Ein Dortmunder macht sich auf nach Afrika: Er will dort Senioren-Wohnungen bauen. Auswandern im Alter? Für viele Deutsche ist das kein Tabuthema mehr.

Dortmund.. Sonne, Meer und angenehme Temperaturen, wenn in Deutschland der Winter Einzug hält: Spanien ist Statistiken zufolge nicht nur eines der liebsten Urlaubsziele der Deutschen, sondern auch liebstes Auswanderungsziel – der Generation Ü65.

Für den Dortmunder Unternehmer Uwe Wallerath ist das nichts. Spanien? Viel zu nah. Ihn zieht es weiter weg und zwar an die Küste Ostafrikas. Genauer gesagt: nach Tansania. Mit 18 Jahren war er das erste Mal dort, seither kommt er immer wieder dorthin, auch beruflich. Sein großes Projekt: Shikamoo.

"Ich halte deine Füße"

In Kiswahili, der tansanischen Landessprache, bedeutet Shikamoo so viel wie „ich halte deine Füße“. Es ist eine respektvolle Begrüßungsformel, die man in Tansania gegenüber Älteren verwendet. Für Uwe Wallerath bedeutet es mehr als das, denn es ist auch der Name des Projekts, an dem er seit mehr als fünf Jahren arbeitet: Shikamoo, die Seniorenresidenz in den Tropen.

Rente Der Dortmunder will Seniorenwohnungen an der tansanischen Küste bauen, in der Nähe von Dar es Salaam, der größten Stadt Tansanias. Zubuchbare Pflege soll es da geben, alles europäischen Standards entsprechend – für verwegene Senioren, die ihren Lebensabend fernab von der deutschen Heimat verbringen möchten. „Ich würde es nicht ‚verwegen‘ nennen, aber definitiv ‚abenteuerlustig‘“, sagt Wallerath.

Warmes Klima und geringe Kosten locken

„Viele ältere Menschen zieht es ins warme Ausland, weil sie hoffen, dass sich mit dem Klima auch ihre Gesundheit bessert“, erklärt Monika Scheid. Sie arbeitet in der Beratungsstelle des Raphaelswerks Hamburg, einem Unterverband der deutschen Caritas. Bei ihr rufen täglich Leute an, die Hilfe suchen bei der Auswanderungsplanung.

Neben dem Klima werden laut Scheid viele Deutsche auch von geringeren Lebenshaltungskosten ins Ausland gelockt. Besonders in asiatischen oder afrikanischen Ländern komme man auch mit einer kleinen Rente besser über die Runden als in Deutschland. Beispiel Tansania: Hier gibt es Essen und Trinken in einem einheimischen Restaurant oft schon für knapp 4000 Shilling – das sind umgerechnet weniger als zwei Euro.

Mieten, kaufen, wohnen

Wer in Deutschland seine Rente bezieht, erhält diese meist auch weiter, wenn er sich längere Zeit im Ausland aufhält. Die Deutsche Rentenversicherung empfiehlt trotzdem allen Interessierten, sich im Vorfeld individuell beraten zu lassen. Auch bei dem Bezug von Arbeitslosengeld ist Vorsicht geboten, warnt Monika Scheid. Denn aufstockende Leistungen erhält nur, wer auch seinen Lebensmittelpunkt in Deutschland hat – also nachweisbar mehr als 186 Tage im Jahr in Deutschland lebt. Kein Ausschlusskriterium für Shikamoo, laut Uwe Wallerath. Nach seinem Konzept können die Wohnungen in Tansania gekauft oder auch nur gemietet beziehungsweise untervermietet werden.

Afrika Bisher ist das aber noch Zukunftsmusik. Seit vergangenem Jahr existieren zwar Baupläne und Grundstücke, die Bagger stünden theoretisch bereit. Was jetzt noch fehlt, sind genügend investitionswillige Interessenten, um diese auch ins Rollen zu bringen.

"Nicht komplett ins Unbekannte starten"

Auswandern in exotische Länder sei nicht gleich der Eintritt ins Paradies, betont Monika Scheid. Insbesondere ältere Menschen hätten oft Probleme, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Sprache, Klima, Infrastruktur – alles neu. Auch der Kulturschock, den man gerade in ärmeren Ländern erlebt, bewege viele zum Rückkehren in die deutsche Heimat.

„Grundsätzlich raten wir allen Auswanderungsfreunden, ihr Zielland zumindest schon einmal bereist zu haben und nicht komplett ins Unbekannte zu starten. Man sollte sich die Entscheidung ‚Auswandern oder nicht?‘ schon gut überlegt haben“, sagt Monika Scheid. „Denn so ein Neuanfang ist immer eine Belastung, nervlich wie finanziell.“ Wer das nicht schafft, kehrt zurück nach Deutschland und muss sich dort unter Umständen eine neue Wohnung oder einen Platz im Altenheim organisieren. „Gerade deswegen ist es wichtig, den Kontakt zu Familie oder Freunden aufrecht zu erhalten und nicht alle Leinen hinter sich zu kappen.“

Schwerfällige Bürokratie - auch in Tansania

Bisher musste auch Uwe Wallerath immer wieder zurückkehren. Wegen seiner Familie in Dortmund, sagt er. Jetzt ist erstmal Schluss damit: Seit zwei Wochen lebt er mit seiner Familie in Tansania. Sie haben sich ein Haus gekauft und bleiben für ein Jahr, vielleicht auch länger. An dem Land hängt sein Herz, genauso wie an Shikamoo.

Ausgewandert Das motiviert ihn jedes Mal aufs Neue, die Hürden zu nehmen, die ihm in den Weg gestellt werden – zum Beispiel von der tansanischen Bürokratie. „In Tansania gibt es kein Katasteramt oder Gelbe Seiten“, seufzt Wallerath. Fünf Jahre habe es gedauert, geeignete Grundstücke zu finden und die richtigen Kontakte zu knüpfen. Dabei sind Deutsche in Tansania gerne gesehen.

„Tansania und Deutschland haben eine gemeinsame Geschichte: Als Kolonialmacht haben die Deutschen viel für unser Land getan“, erzählt Huruma Sigalla. Er ist Dozent für Soziologie und Anthropologie an der Universität von Dar es Salaam und einer der tansanischen Projektpartner von Uwe Wallerath. Ihm gehörten die Grundstücke, auf denen die Seniorenwohnungen entstehen sollen. Seine Frau ist Österreicherin und lebt mit ihm in der tansanischen Metropole. „Ihr Europäer seid gerne hier, euch locken die Sonne und das Abenteuer“, lacht er. „Karibu Tanzania – Willkommen in Tansania!“

Diese Produktion wurde ermöglicht durch das journalistische Trainingsprogramm "Beyond your World".