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Was wollen Sie denn in der Nordstadt?

05.11.2007 | 20:37 Uhr

"Nicht schon wieder Berlin", sagt Ulrike Brödermann. Dann schon lieber das Ruhrgebiet mit seiner jahrzehntelangen Integrationserfahrung. ...

Und Duisburg-Marxloh ist als Beispiel für einen Multikulti-Stadtteil mit all seinem Charme und seinen Problemen inzwischen medial überstrapaziert. Schließlich erinnerten sich einige von Brödermanns Co-Autoren an ihre Studienzeit in Dortmund. So fiel die Wahl auf die Nordstadt: Mit der dreiteiligen Dokumentation "Rap, Koran und Oma Bonke" taucht das ZDF ins Leben(sgefühl) des sozialen Brennpunkts ein. Eine Innensicht - kein Blick von außen - soll geboten werden. "Klischees kommen vom Nicht-Wissen", meint Autorin Brödermann, die wissen will - und Klischees vermeiden. Deshalb wohnten sie und die vier anderen Autoren sogar monatelang in der Nordstadt. Brödermann mietete sich in der Schüchtermannstraße ein, direkt am Nordmarkt. "Dort bei und mit den Leuten zu leben, war eine wichtige Voraussetzung für den Film", sagt sie im WAZ-Interview. Gespräche morgens beim Bäcker und abends in der Kneipe hätten die Nordstädter dazu bewegt, dann auch vor der Kamera über ihre ehrlichen Gefühle zu sprechen.

Brödermann erfuhr schnell, mit welchem Stigma die Nordstadt belegt ist: "Jeder Taxifahrer in Dortmund - egal ob Deutscher, Türke oder Libanese - sagte mir: Oh Gott, was wollen Sie denn in der Nordstadt?" Antwort: Nicht über die Menschen dort sprechen, sondern mit ihnen. Zum Beispiel mit der Spielplatzpatin Ilsegret Bonke, mit Jugendarbeitern, Kontaktbeamtinnen, Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen. "Es gibt nicht d i e Menschen in der Nordstadt. Wir haben es mit Einzelgeschichten zu tun. Integration ist eine Frage von Einzelgeschichten." Brödermann will sie erzählen.

"Es gibt dort Menschen, die sich integrieren wollen - andere weniger", sagt sie. Das Wort Ghetto will sie vermeiden, Parallelgesellschaft erst recht. "Die Nordstädter haben über Integration und was damit gemeint sein soll nie nachgedacht. Sie leben hier einfach." Einfach so. Selbstverständlich. Das soll auch der Untertitel der Reportage ausdrücken: "Nordstadt - ein deutsches Viertel". Ironisch ist das nicht gemeint. "Es ist eine Zustandsbeschreibung. Deutschland hat sich verändert. Nehmt das zur Kenntnis", ruft Brödermann aus.

Nach den Monaten in der Nordstadt muss man sie schon fast Expertin nennen. Sie glaubt: "Die Stadtväter wollen viel. Die Zeiten sind vorbei, als es hieß: Ein bisschen die Augen schließen, ein bisschen Geld reinstecken." Die Engagierten der Nordstadt und die Politik sollten mit kleinen Schritten weitermachen, müssten den Bürgern klarmachen, dass es dauert, neue Perspektiven und Ansätze für die Nordstadt zu entwickeln und umzusetzen.

Ein Patentrezept hat auch Brödermann nach monatelanger Arbeit nicht parat. Aber eines ist für sie alternativlos: "Die Gesellschaft muss sich um Kinder mit Migrationshintergrund kümmern. In 20, 30 Jahren werden sie unsere Alten pflegen und unsere Renten finanzieren."

Dann gibt die Autorin aus Berlin noch ein persönliches Bekenntnis ab: "Wenn ich in Dortmund studieren würde, zöge ich hundertprozentig in die Nordstadt, nicht ins Kreuzviertel, nicht in die Südstadt. Das Leben dort kommt meinem Lebensgefühl, meiner Weltsicht am nächsten."

Und ein visionäres Ziel hat sie vor Augen. Es ist erreicht, wenn die Taxifahrer nicht mehr vor der Nordstadt warnen, sondern Kneipentipps geben - für das neue, szenige Ausgehviertel Nordstadt.

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Von Timo Günther

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