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Vor dem Häuserkampf in die Kneipe

30.06.2009 | 19:25 Uhr
Vor dem Häuserkampf in die Kneipe

Der Schuss des Amokläufers geht voll zwischen die Augen. Zum Glück ist es nur eine Farbkugel, die an dem Visier meines Schutzhelms zerplatzt. Dennoch: für diese Runde bin 'raus. Im echten Leben wohl für immer. Damit Polizisten bei Amok-Lagen nicht dasselbe passiert, trainieren sie für den Ernstfall.

Denn wenn sie zum Einsatz gerufen werden, schießt der Täter nicht nur mit Farbe.

Auf dem Gelände der ehemaligen Aplerbecker Hütte liegt das Trainingszentrum für Aus- und Fortbildung. Auf 2250 Quadratmetern Übungsfläche mit Einsatzorten wie einer Gaststätte, Straße und Wohnung werden die rund 2000 Polizeibeamten des Polizeipräsidiums Dortmund theoretisch und praktisch geschult. Auch vor dem Hintergrund des Amoklaufs von Winnenden stellen die 19 Einsatztrainer für ihre Kollegen immer wieder verschiedene Bedrohungszenarien zusammen. Doch bevor wir in den Häuserkampf ziehen, geht's in die Kneipe.

Info
Das Zentrum

Im Aus- und Fortbildungszentrum findet die örtliche sowie regionale Fortbildung der Polizei statt. Außerdem ist dort eine Fahrschule und das Sportbüro untergebracht.

Das Einsatztraining 24 ist in vier Module unterteilt. Trainiert werden Taktik, Eingriffstechniken, Einsatzkommunikation und Übungen mit FX-Waffen (Farbmunition). In den Trainingshallen sind eine Fahrzeugszene, eine Wohnung, Gaststätte, Toilettenanlagen, Appartements und ein Detektivbüro nachgebaut.

Demnächst soll eine zweigeschossige Ladenzeile mit Sparkasse, Spielsalon, Bürotrakt und Supermarkt sowie eine Parkanlage entstehen.

In dem Schankraum, der sich mit seinem geklinkerten Tresen, mit grünen Polstern überzogenen Holzstühlen sowie dunkelbraunen Tischen aus dem Gelsenkirchener Barrock in jeder Eckkneipe in Körne befinden könnte, randaliert gerade Ingo Schinck.

»Das schnelle Handeln ist gerade bei Amok-Lagen entscheidend.«

Der Einsatztrainer spielt seine Rolle in dem Bühnenbild täuschend echt. „Komm' schon Andi”, brüllt er den Wirt (auch ein Polizist) an, „ich hatte nur zehn Pils.” Zwei Beamte versuchen den Zechpreller zu beruhigen, doch der geht plötzlich mit einer Wodka-Flasche auf die Polizisten los. Sekunden später liegt er am Boden. Das Pfefferspray - in diesem Fall Wasser - hat ihn außer Gefecht gesetzt. „Die Kollegen bekommen nur den Sachverhalt 'Randalierer in Kneipe' vorgegeben und müssen dann in der Übung selbst Entscheidungen treffen”, erläutert Michael Klingner, Leiter des Trainingszentrums. Wer's versaut, darf noch mal.

Fortbildungsstelle der Polizei Dortmund in Aplerbeck. Trainingszentrum. Einsatztraining. Schutzpolizei.Gregor Boldt im Selbstversuch. Foto: Knut Vahlensieck

Ich übrigens auch. Nur diesmal hinter meinem Kollegen. Rücken an Rücken angedockt tasten wir uns an die Wohnung heran. Amok-Lauf in einem Kindergarten lautet das Szenario. In unseren Händen eine umgebaute P99. Die Dienstwaffe der Polizei verschießt nur Farbmunition. Da die jedoch aus kurzer Distanz abgefeuert auch Schmerzen und Prellungen verursachen kann, tragen wir Helm und Halsschutz. Dazu kommt noch die fünf Kilo schwere Schussweste. Die Atmung unter dem Helm erinnert schnell an das Gekeuche von Darth Vader, das Blickfeld ist stark eingeschränkt. Dann geht's schnell. Geschrei. Wer ist Freund, wer Feind? Ein Mann stürmt auf uns zu. Der Hausmeister. Er will fliehen, doch der Täter schießt ihm in den Rücken und verschanzt sich. Wir gehen 'rein, durch den Flur dorthin, wo wir den Schützen zuletzt gesehen hatten. Ein Schusswechsel und der Täter ist tot. „Gut gemacht. Den Täter unter Druck gesetzt. Das schnelle Handeln ist gerade bei Amok-Lagen entscheidend ”, lobt der Einsatztrainer.

Beim Amoklauf von Winnenden war die Polizei schon drei Minuten nach der Alarmierung vor Ort. Doch da hatte der Täter bereits sechs Menschen getötet.

Gregor Boldt

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