Von faberhafter Düsternis

Jürgen Werner ist ein Vielschreiber, Drehbücher sind sein Geschäft. Aus seiner Feder stammen die ersten fünf Tatort-Folgen um den Dortmunder Ermittler Faber und sein Team. Für die ersten vier Folgen ist Werner am 20. Januar für den renommierten Grimme-Preis nominiert worden. Wir sprachen mit ihm.

Sie kommen gebürtig aus Stuttgart. Welchen Bezug hatten Sie eigentlich zu Dortmund, bevor sie angefangen haben, Drehbücher für den hiesigen Tatort zu schreiben?

Zu Dortmund direkt keinen. Doch die Mentalität ist mir vertraut, meine Frau stammt aus Duisburg. Als es dann hieß, ich soll Dortmund machen, habe ich mich ins Auto gesetzt und einige Tage in der Stadt verbracht und mich in der Folge immer mehr mit der Stadt auseinandergesetzt.

Was für ein Bild haben Sie heute von der Stadt?

Dortmund, wie auch das Ruhrgebiet, ist eine der spannendsten Gegenden Deutschlands, das werden wir noch mehr erzählen müssen. Durch den Strukturwandel passiert so viel - im Positiven wie im Negativen. Und wenn Dinge sich so extrem verändern, gibt es Menschen, die das mitgehen können. Und andere bleiben auf der Strecke. Eine ganze Region muss sich neu erfinden.

Sie erfinden ja nicht nur: Ihr Buch zum zuletzt ausgestrahlten Tatort bewegte sich recht nahe an der Realität, oder?

Ich habe vorher viel gelesen, mich mit dem Thema beschäftigt, in Dortmund recherchiert. Weil es ein hochsensibles Thema war, wollte ich nahe an der Realität bleiben, um Substanz zu erzeugen - ohne Menschen direkt zu benennen.

Neonazis, Immigrationsprobleme - Sie suchen sich auch eher die düsteren Themen?

Natürlich. Faber ist in seiner Anlage eher düster. Davon ab: Für mich waren das wichtige Themen. Die drängendsten Themen, die daliegen, die ich einfach nehmen musste.

Unter anderem diese Themenwahl sorgt dafür, dass man den Dortmund-Tatort liebt - oder hasst.

Uns allen war bewusst, dass wir keine Geschichte über "Jedermanns Liebling" erzählen. Es ist kein Kölner oder Münsteraner Ermittlerteam, die natürlich jeder mag.

Dort haben Sie zwei Ermittler, hier sind es gleich vier. Wie komplex ist es, alle vier lebendig zu halten?

Hätte ich gewusst, auf was ich mich einlasse, hätte ich es bleiben lassen. Es treibt einen in den Wahnsinn, denn hier haben wir vier wirklich tolle Schauspieler, die müssen alle gut bedient werden. Sie müssen alle etwas zu tun haben und keiner soll nur irgendwie rumstehen. Und das ist mit das Schwierigste bei der Entwicklung der Drehbücher: eine Struktur zu entwickeln, dass alle gut zu tun haben und beschäftigt sind.

Wie wird man eigentlich Drehbuchautor für den Tatort?

Ich bin Quereinsteiger, ich habe vor 15, 20 Jahren angefangen mit den Vorabend-Serien und habe mich dann langsam herangearbeitet. Erst war ich Assistent des Script-Editors bei den "Wagenfelds", eine Soap. Es folgten viele Bücher für den Marienhof, so konnte ich eine Menge über das Schreiben von Dialogen lernen. "Schwester Stefanie", "Alpha-Team", 120 Folgen am Stück "Forsthaus Falkenau", dann Fernsehspiele, irgendwann war die Zeit reif, sich in der Oberliga zu versuchen. Tatort ist Oberliga, dafür braucht man Zeit.

Vom Assistenten des Script-Editors bis hin zur Grimme-Preis-Nominierung müssen ein paar Zeilen liegen.

Viele Bücher. Drehbuchschreiben ist ein Beruf, man muss ihn lernen, braucht Erfahrung.

Und Verantwortung?

Mit Sicherheit. Die Verantwortung, dass das, was man schreibt, auch anständig recherchiert und keinen Unsinn erzählt. Auf der anderen Seite darf man keine Dinge schreiben, wo alle sagen: "Ja, so ist es." Man soll polarisieren und vielleicht auch mal ein Stück weit provozieren - wie es jetzt mit "Hydra" ja auch war.

Ein Gebot, das lautet: Du darfst nicht langweilen?

Ja, genau. Dazu gehört, dass man es sich nicht einfach macht, nicht schwarz-weiß zeichnet. Wir haben die Rechtsradikalen als scheinbar nette Jungs von nebenan erzählt, das Opfer war ausgerechnet der Obernazi - durch so etwas bekommt man eine andere Sichtweise hinein und kann im besten Fall auch andere Diskussionen lostreten. Das ist auch eine Verantwortung: Themen so zu erzählen, dass sie polarisieren.

Und Ihre Inspirationen dazu bekommen Sie beim Spazierengehen oder unter der Dusche?

Die Dusche stimmt sogar, das passiert öfter. Ansonsten lese ich ständig Zeitungen, dann hat man mal zehn Stück an verschiedenen Tagen gelesen und plötzlich setzt sich aus verschiedenen Puzzleteilen ein Bild zusammen. Ich habe Ideen, andere haben Ideen, daraus mache ich verschieden Exposs. Daraus suchen wir uns ein Thema. An dem arbeite ich dann weiter, dann geht es ans Schreiben.

Wie lange dauert das - von der Idee bis zum Drehbuch?

Oh, das ist schwer zu sagen - vier, fünf Monate vielleicht? Wir denken gerade über das Thema für den nächsten Tatort nach, in einem halben Jahr dürfte die erste Fassung auf dem Tisch liegen.

Wo geht das Drehbuch hin?

Wir haben jetzt eine neue Situation. Ich habe die ersten fünf Drehbücher für den Dortmund-Tatort geschrieben, ab jetzt schreiben auch andere Autoren. Spannend ist jetzt die Frage, wie wir die Horizontalen, die Geschichten der Ermittler, weiter erzählen. Wohin schicken wir Faber? Vielleicht kommt er demnächst ein bisschen besser drauf? Nein, wahrscheinlich nicht.

Was sind die Themen, die Sie reizen könnten?

Spannend wäre jetzt mal die andere Seite von Dortmund. Es gibt den Technologiepark, das ist mit Sicherheit ein Thema, das man sich anschauen sollte. Irgendwann wird auch einmal der BVB ein Thema. Ich hatte mal ein Drehbuch zwischen dem BVB und Schalke vorgeschlagen - aber da war die Begeisterung nicht so groß (lacht).

Die ersten fünf Drehbücher eines komplett neuen Tatorts zu schreiben - das ist ja schon auch so etwas wie eine Geburt, oder?

Ganz klar ja. Dass der WDR mich das hat machen lassen, da kann ich dem Herrn nur jeden Tag "Danke" sagen. So etwas werde ich bestimmt nie wieder erleben. Das war superklasse.

Andere finden den Tatort super, Sie wurden gerade für den renommierten Grimme-Preis nominiert.

Wenn ich selbstkritisch bin, muss ich sagen, dass der erste Tatort nicht so auf den Punkt war, wir haben uns insgesamt rangerobbt und versucht, die Figuren besser zu machen. Das geht nur, wenn man Zeit hat. Und gute Leute, die einem helfen. Sonja Goslicki als Produzentin und Redakteur Frank Tönsmann gehören da genauso dazu. Wir haben Zeit gebraucht, die Figuren so zu setzen, dass sie auf eine schöne Art polarisieren. Und diese Zeit haben wir zum Glück bekommen.

  • Jürgen Werner wurde am 31. Oktober 1963 in Stuttgart geboren. Seine erste Tatort-Folge schrieb er vor sechs Jahren für die Kölner.
  • Die sechste Folge des Dortmund-Tatorts, die erste, die nicht von Werner stammt, soll im Frühjahr 2015 ausgestrahlt werden.