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Landgericht

Verteidigung wettert gegen Gutachter im Envio-Prozess

31.10.2012 | 17:25 Uhr
Ex-Envio-Chef Dr. Dirk Neupert zwischen seinen Verteidigern Prof. Ralf Neuhaus (l) und Dr. Christian Tünnesen-Harmesazf der Anklagebank des Dortmunder LandgerichtesFoto: Ralf Rottmann

Dortmund.   Im Envio-Prozess sagten gestern die ersten von insgesamt sieben Gutachter aus. Einer der Experten hat sich bereits den Unmut der Verteidigung zugezogen: Prof. Ralf Neuhaus, Anwalt des Ex- Envio-Chefs Dirk Neupert, sieht bei einem der Mediziner die Gefahr der Befangenheit.

Insgesamt sieben Gutachter sollen in den nächsten Verhandlungstagen im Envio-Prozess aussagen. Unter anderem zu der Kernfrage, ob das giftige Isoliermittel PCB zweifelsfrei als Ursache diverser Krankheiten feststeht. Gestern erschienen die ersten – und einer der Experten hat sich bereits den Unmut der Verteidigung zugezogen.

Rechtsanwalt Prof. Ralf Neuhaus, Verteidiger von Dr. Dirk Neupert – dem ehemaligen Envio Chef wird Körperverletzung von 51 Arbeitern sowie schwere Umweltverstöße vorgeworfen – hat beantragt, den Sachverständigen Prof. Rainer Frentzel-Beyme wegen Besorgnis der Befangenheit abzulehnen. Grund: Im Oktober 2011 ist der Epidemologe auf der Veranstaltung „Umweltratschlag“ aufgetreten.

Gericht wird über Antrag entscheiden

Der verantwortliche Veranstalter berichtete darüber unter anderem mit den Worten, dass Unternehmen wie „Envio in Dortmund für zahlreiche Unternehmen stehen, in denen auf menschenverachtende Weise die Gesundheit und das Leben der Arbeitskollegen billigend aufs Spiel gesetzt werden, um Maximalprofite zu erreichen.“

Envio-Skandal vor Gericht

Und weiter ließ der Veranstalter verlauten: „Doch nicht nur die Vergiftung der Beschädigten, auch die Belastung der Dortmunder Nordstadt durch PCB wurde von Envio ganz bewusst und billigend in Kauf genommen.“ Die Staatsanwaltschaft beantragte, den Antrag zurückzuweisen, die 35. Große Strafkammer wird darüber am nächsten Prozesstag, dem 7. November, entscheiden.

Krankheiten sind individuell nicht zu bestimmen

Zuvor hatte der Sachverständige Prof. Karl-Heinz Jöckel von der Universität Essen auf die Schwierigkeiten hingewiesen, das in 209 verschiedenen Formen auftretende PCB als Ursache von Krankheiten auszumachen. „Erkrankungen wie Krebs oder Diabetes wird man individuell nicht bestimmen können“, erklärte der Direktor des Instituts für medizinische Informatik und Epidemiologie.

Video
Die Befürchtungen haben sich bestätigt. 15 Blutproben weisen kritische PCB-Werte auf.

Anders sehe das bei Gruppenstudien aus – doch auch da nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Wenn zum Beispiel von 300 Leuten aus dem Envio-Umfeld auffallend viele Diabetes hätten, könne man schon darauf schließen, „dass das mit PCB zu tun hat“. Eine Kausalität sei jedoch nur dann festzustellen, wenn sie durch eine Vielzahl wissenschaftlicher Analysen gegeben sei.

„Eine schädliche Gefahr ist gegeben“

Was die Gruppe beträfe, so laute die Devise: Je mehr Teilnehmer, je besser. Die Zahl der 51 in der Anklage verzeichneten Arbeiter sei knapp bemessen, 300 dagegen könnten reichen. Parallel dazu sollte auch eine „unverdächtige“ Kontrollgruppe untersucht werden.

Auf die Frage von Nebenklage-Vertreter Dr. Reinhard Birkenstock, ob PCB überhaupt schädlich sei, antwortete der Experte: „Eine schädliche Gefahr ist gegeben. Ich selbst möchte nicht unbedingt damit in Kontakt kommen.“

Kathrin Melliwa



Kommentare
31.10.2012
23:30
Und weiterhin fehlt...
von vaikl2 | #1

...seitens der Medien und anscheinend auch seitens des Gerichts eine umfassende und wesentlich - im Sinne der Klägerseite - ergiebigere Untersuchung der Kontamination der Envio-Arbeiter durch Tetrachlorethen (Per), das als PCB-Lösungsmittel in großen Mengen mit der Haut der Arbeiter in Kontakt kam und bei dem die selben Arbeitsschutzverstöße begangen wurden wie bei PCB, also auch vorsätzliche Körperverletzung in Frage kommt.

Für Per gibt es im Gegensatz zu PCB massenhaft Arbeitsschutz-Grundlagenforschung und medizinische Studien, die dessen Toxizität eindeutig belegen. Nicht umsonst werden alte Reinigungsfirmen und deren Gelände mit großem Aufwand gift-saniert. Schon früh hatten Arbeiter gegenüber der WR beklagt, dass dem Thema Per kaum bis gar keine Aufmerksamkeit gewidmet wird - weder durch Ärzte noch durch BG oder untersuchende Ämter.

Diese Nichtbeachtung wird auch während des Prozesses von den Klägern bemängelt - warum berichten die WR nicht *darüber*??

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