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Rechenschwäche

Verloren in der Welt der Zahlen

22.03.2010 | 16:44 Uhr
Verloren in der Welt der Zahlen

Dortmund. Über mangelndes mathematisches Verständnis wird oft und gerne gewitzelt - auch vom Betroffenen selbst. Doch wenn der Zugang zur Welt der Zahlen komplett verwehrt bleibt, kann eine Störung dahinter stecken: Dyskalkulie - das ist, wenn der Bildungs- zum Leidensweg wird.

„Dyskalkulie, bitte was?”, dachte sich Klaus Fischer*, als er erstmals mit der Diagnose für seine Tochter konfrontiert wurde. Heute weiß er es nur zu gut. Dyskalkulie - das ist eine Störung, Rechenschwäche, schwer zu therapieren. Dyskalkulie - das ist, wenn der Bildungs- zum Leidensweg wird.

Seine Tochter Clara* hat es bis zur Oberstufe gebracht. Als sie noch in der Grundschule war, hätte sich Klaus Fischer nie träumen lassen, welche Sorgen er sich einmal machen würde. Seine Tochter war aufgeweckt. Gut, in Mathe kam sie in der Grundschule nicht über ein „ausreichend” hinaus. Dennoch bekam sie die Empfehlung fürs Gymnasium. „Mathe ist wohl nicht ihre Schokoladenseite”, dachte Fischer. Sprüche eben. Die einen sind gut in Sprachen - die anderen in Naturwissenschaften. Klischees. Verdrängung auch.

"Mit mir stimmt was nicht"

Eines Tages, Klasse 6, kam seine Tochter nach Hause, hielt es nicht mehr aus: „Mit mir stimmt was nicht.” Sie könne machen, was sie wolle - sie könne nicht rechnen. Fischer sprach mit dem Lehrer. Der riet zu einem Test. Für den Psychologen stand schnell fest: Rechenschwäche. Wie die Tochter es überhaupt soweit geschafft hätte, ein Rätsel.

„Wir haben einen Deal mit dem Lehrer gemacht”, erinnert sich der Vater. Wenn Clara versuche, ihre Hausaufgaben zu machen, aufpasse und sich melde, sollte sie keine „sechs” bekommen. Nur „mangelhaft”. Clara erledigte ihre Hausaufgaben mit Fleiß, „sie hat nach ihrem Verständnis gerechnet, die Ergebnisse waren zwar falsch, aber sie hat's versucht”, weiß sich der Vater.

Den Spott im Nacken

Klasse 7. Eine neue Lehrerin. Fischer zog sie ins Vertrauen - doch die Lehrerin habe mit dem Problem nichts anfangen können. „Stattdessen hat sie meine Tochter an die Tafel geholt” - und, den Spott der anderen im Nacken, zur Verzweiflung getrieben. „Clara, streng dich doch mal an!”, habe es oft geheißen. Clara strengte sich an. Vergeblich. Eines Tages sei sie zuhause zusammengebrochen. „Sie krümmte sich wie ein Fötus auf den Fliesen”, sagt der Vater. Immer wieder habe sie gesagt: „Ich bin zu blöd, und ihr müsst für mich zahlen.” Rückblickend ist für Fischer klar: „Ich glaube, meine Tochter stand vor dem Selbstmord.”

Nächster Test. Beim Mathematischen lerntherapeutischen Zentrum in Dortmund (MLZ). Es sollte der vierte sein. Und die vierte Diagnose: Dyskalkulie. Schwierigkeiten beim Abstrahieren, räumlichen Denken, an den Fingern abzählen. In seiner Verzweiflung wandte sich Fischer an einen Staatssekretär des Schulministeriums. Der habe nur gelächelt: Mangelhafte Noten - das sei doch nur „Faulheit”. Ende der Diskussion.

Kein Bewusstsein für das Thema

Derweil hatte die Lehrerin vorgeschlagen, dass Clara eine Klasse wiederholt. „Hätte nichts gebracht”, sagt Fischer. Wenn rausgekommen wäre, warum Clara wiederholt, hätte sie der Spott der neuen Mitschüler getroffen. In der Schule gab es kein Bewusstsein für das Thema.

Jahrelang versuchte Fischer alles im Alleingang. Die Therapien kosteten ihn 7000 Euro. „Es geht nicht um klassische Nachhilfe - wir mussten bei Null anfangen.” Für die Krankenkassen ist Dyskalkulie erst ein Thema, wenn daraus die Diagnose Depression werde. Für die Medien, beim nächsten Amoklauf in einer Schule, vermutet Fischer.

Viel gebracht hätten die Therapien nicht. Wäre die Störung nur früher erkannt worden. Wäre. Und wäre Dyskalkulie doch nur anerkannt - wie Lese- und Rechtschreibschwäche. Zum Glück habe seine Tochter aus dem Leiden gelernt. Sei selbstbewusster geworden, habe sich mit dem Scheitern in der Welt der Zahlen arrangiert. Heute ist Clara in der Oberstufe. Hat gute Noten in Sprachen, kommt trotz Versagens in Mathe noch auf einen guten Schnitt. Wenn sie noch zwei Jahre durchhält, wenn sie zum Abi zugelassen wird, wenn sie wegen Mathe nicht alles verliert - hat sie viel erreicht. *Namen geändert

Peter Ring

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Kommentare
23.03.2010
14:46
Verloren in der Welt der Zahlen
von Tuttifrutti1909 | #3

^Meine Tochter ist 9 Jahre und leidet auch an Dyskalkulie, und rausgefunden hat es die Lehrerin! Eine super klasse Lehrerin die uns in der Sache voll unterstützt und auch voran treibt, aber das Schlimmste was einem in DO passieren kann ist wenn man versucht bei der Stadt DO bzw. beim Jugendamt Hilfe zu bekommen, die haben dafür so gar kein Verständnis denn sonst würde man div. Bürokratische Abläufe die wirklich total über sind einfach sparen. Z.B. die Bescheinigung der Krankenkasse lt. Jugendamt ja so wichtig, die Kassen zahlen seit über 10 Jahren nicht mehr und jeder weiß das, und hier noch ein Papier und da noch ein Termin immer schön zeitverzögert, und wenn man dann mal unangemeldet in das Büro der SB kommt: es gibt Kaffee und Kuchen, nicht das ich das keinem gönne aber um ein wichtiges Papier zu unterschreiben wurde ich eine Viertelstunde vvor die Tür geschickt! Und das morgens um 8.00 Uhr. Soviel zur Hilfe bei Dyskalkulie!!

22.03.2010
21:52
Verloren in der Welt der Zahlen
von yacofred | #2

Warum Dyskalkulie in der Schule ignoriert bis bekämpft wird - von Ausnahmen abgesehen - liegt am Zweck der Veranstaltung Schule. Der Unterricht dient nunmal nicht dazu, noch jedem einzelnen Schüler den Unterrichtsstoff beizubringen, sondern am Unterrichtsstoff entlang gute und schlechte Schüler zu produzieren. Da wären Rücksichtnahmen und echte Förderung inkl. Förderdiagnostik einfach eine kostentreibende Zeitverschwendung. Siehe auch: http://www.rechenschwaecheinstitut-volxheim.de/zdm.html - Artikel: Rechenschwäche - eine schulinduzierte Kognitionsstörung?

22.03.2010
20:35
Verloren in der Welt der Zahlen
von Dyskalkulie | #1

Der ist nur Faul, So blöd kann doch keiner sein, Der muss auf die Sonderschule für Schwererziehbare - diese Sprüche gibt es seit Jahrzehnten für Menschen die keinerlei Bezug zu Zahlen haben - egal wie leicht oder schwer die Störung zuschlägt. Nur wenige der an Dyskalkulie leidenden dürften das Glück haben wenigstens einfache bis mittlere Rechenaufgaben mittels Tricks, Formelrechnen mit Taschenrechner (ohne eine ungefähre Vorstellung zu haben ob das stimmen könnte was der Rechner ausspuckt) leidlich durch das Leben zu kommen. Wer im Laden nicht im Kopf 1,99 plus 17,43 Rechnen kann, wird einfach als schwachmatischer Vollidiot abgetan. Dumme, verbohrte Ignoranz der Gesellschaft. Und Lehrer die sowas seit Jahrzehnten als Faulheit oder Dummheit abtun gehört gekündigt.

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