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Umweltamt sucht PCB im Solendo-Sand

12.08.2010 | 20:17 Uhr
Umweltamt sucht PCB im Solendo-Sand
Im Sand der ehemaligen Strandbar Solendo könnte Gift stecken. Das Umweltamt nahm Proben. Foto: Rottmann

Dortmund.Mit Schüppe und Eimer ins Solendo – früher ein Freizeitspaß für die Familie mit Kind, gestern ein Sondereinsatz des Umweltamtes. Markus Halfmann und sein Team buddelten im Sand der früheren Strandbar nach PCB, Dioxinen und Furanen. Gleich gegenüber, im Hafenamt, stellte die Stadt die jüngsten Blutbefunde vor. Alles im Hafen dreht sich um den Giftskandal.

Nicht jedem ist das geheuer. Solendo-Pächter Gerhard Lang blickte finster, als die Experten den Messstab in den ungenutzten Sand stießen. Öffentlichkeit – unerwünscht. „Anweisung vom Chef“, meinte der Abschließer. Vor dem Tor erläuterte Halfmann den Einsatz. 20 Mischproben wurden gezogen, links und rechts des Barzeltes, in zehn bis 40 Zentimetern Tiefe. Ergebnisse: „Ende nächster, Anfang übernächster Woche.“

Lebenslängliche Betreuung

Im Hafenamt stellte das Gesundheitsamt eine Bilanz der Blutbefunde von weiteren 135 Mitarbeitern diverser Envio-Nachbarfirmen vor. Sie bieten „ein sehr differenziertes Bild“, so Amtsleiterin Dr. Annette Düsterhaus. 47 Prozent aller Untersuchten haben völlig unauffällige Werte. 37 Prozent liegen über der Nachweisgrenze für PCB und bekommen auf Wunsch eine Nachbetreuung. 16 Prozent (21 Personen) liegen deutlich über dem Richtwert. „Sechs davon stechen besonders ins Auge“, sagt Düsterhaus. Sie haben viel Gift im Blut.

Dr. Annette Düsterhaus gebrauchte ein Wort von Gewicht: „Lebenslänglich.“ Es ging ihr recht flüssig über die Lippen. „Der Bedarf der gesundheitlichen Nachbetreuung kann und muss bei einigen lebenslänglich sein“, konkretisierte die Chefin des Gesundheitsamtes. Mindestens sechs der 135 zuletzt untersuchten Personen haben diese Perspektive, die nach Zuchthaus klingt.

Hohe PCB-Konzentrationen

Es sind die Höchstbelasteten aus einer Gruppe von 21 Hochbelasteten – ein ehemaliger Envio-Beschäftigter sowie fünf weitere Betroffene aus dem direkten Arbeitsumfeld der Giftfirma. „Sie weisen im Maximalbereich erhebliche Auffälligkeiten auf“, formulierte Düsterhaus einen Satz, der aussagt: Ihr Blut ist vergiftet. Vor allem die Konzentrationen der gefährlichen hoch chlorierten PCB-Verbindungen (PCB 138, 153 und 180), die sich fast gar nicht oder nur quälend langsam im Körper abbauen – sie liegen bei diesen Sechsen bis zum Vierfachen über dem Referenzwert. Das ist besorgniserregend hoch.

„Bei allen Betroffenen gibt es einen sehr deutlichen Zusammenhang“, sagt Düsterhaus und meint: Die Nähe zur Firma Envio hat ihnen diese Giftmengen im Organismus eingebrockt. Noch ein klarer Hinweis auf den Verursacher: „Sie müssen über einen längeren Zeitraum mit PCB in Kontakt gewesen sein“. Nur das erkläre derart hohe Werte.

Bluttests ausgeweitet

Für alle 21 belasteten Personen ist eine medizinische Nachbetreuung Pflicht. Die Gruppe derer, die ein Leben lang regelmäßig zu Ärzten gehen sollte – sie wächst mit jeder Blutwerte-Präsentation. Deshalb wird das Untersuchungsprogramm weiter ausgeweitet. Neben zuletzt oder früher bei Envio tätigen Personen, dort eingesetzten Leiharbeitern sowie Beschäftigten benachbarter Firmen, können nun alle zum Bluttest, „die mit Materialien der Firma Envio umgegangen sind, auch deren Familienangehörige“, so Düsterhaus.

Unter der Internet-Adresse www.pcb-info.dortmund.de sind ab sofort Informationen zu den PCB-Belastungen im Umfeld der Firma Envio zusammengeführt: allgemeine Fakten zu PCB und den möglichen Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit, Handlungsempfehlungen und Beratungsangebote für Betroffene, Untersuchungsergebnisse von Luft, Boden, Wasser, Pflanzen und Staub aus den Betrieben. Über die laufenden Blutuntersuchungen wird in anonymisierter Form berichtet. Für den schnellen Überblick gibt es außerdem einen Block, in dem die am häufigsten gestellten Fragen beantwortet werden. Zahlreiche ‚Links’ führen zu weiterführenden Informationen bei anderen Institutionen.

Besorgte Bürger aus dem Umfeld des Hafens, die auch mit PCB belastet sein könnten, können ihr Blut jetzt ebenfalls wieder auf PCB untersuchen lassen. Interessenten melden sich beim Gesundheitsamt der Stadt Dortmund – entweder telefonisch unter Tel. 0231/ 50-23578 – oder in der Sprechstunde vor Ort, die immer mittwochs von 14.30 bis 17.30 Uhr in den Räumen des Quartiersmanagements an der Schützenstraße 42 stattfindet.

Auch diesem Personenkreis wird in Abhängigkeit von einer festgestellten PCB-Belastung eine Angebot zur Nachbetreuung unter Federführung der zuständigen Berufsgenosschenschaft Energie, Textil, Elektro, Medienerzeugnisse (ETEM) gemacht. Die ist unter den Rufnummern Tel. 0221/3778 - 5002, - 5100 oder - 5120 zu erreichen.

Klaus Brandt

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Kommentare
13.08.2010
02:07
Giftsuche im Hafensand
von vaikl | #1

gibt es außerdem einen Block, in dem die am häufigsten gestellten Fragen beantwortet werden.

Leider ist der immer noch gespickt mit Verharmlosungen.

Z.B. ist das Krebsrisiko für Menschen natürlich noch nicht durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt, da sich kein Mensch freiwillig und bewusst in einem klinischen Test solchen PCB-Dosierungen aussetzen würde, wie sie bei Envio über lange Zeit aufgetreten sind. Die Tierversuche sprechen aber leider eine deutlich andere Sprache.

Und die immer noch existierende Empfehlung, Babys trotz Kontaminationsverdacht weiter mit PCB-belasteter Muttermilch zu stillen, da die Vorteile des Stillens deutlich überwiegen, ist der Hohn.
Diese Empfehlung wurde unter der Annahme ausgesprochen, dass Mütter nur der allgemeinen PCB-Hintergrundbelastung ausgesetzt sind und nicht - wie im Fall der Familie mit dem 3-jährigen verseuchten Kind - Unmengen von PCB-Staub in der Wäsche.

Diese Taktik des Bloß-keine-Pferde-scheu-machens ist im 21. Jahrhundert völlig deplatziert und obendrein gefährlich für Menschen, die trotz Ängsten um eine mögliche Kontamination dermassen bevormundet werden sollen.

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