„Ulla Furchtbar“ und die Knochenmühle Bundestag
08.09.2010 | 10:11 Uhr 2010-09-08T10:11:00+0200
Berlin/Dortmund.Tausende junge Leute arbeiten für die Abgeordneten im Bundestag. Sie haben viel Stress, aber kaum Rechte. Einige Abgeordenete haben einen enormen Verschleiß. Besonders im Fokus: die SPD-Frau Ulla Burchardt aus Dortmund.
Sie sagt über sich: „Ich bin Pädagogin.“ Das ist kein unschuldiger Satz. Er ist der Schlüssel zum Verständnis von Ulla Burchardt. Einmal, zweimal, dreimal erkläre sie geduldig eine Aufgabe. Dann muss es ein Mitarbeiter verstanden haben. Die SPD-Abgeordnete ist gewiss nicht die einzige Ungeduldige im Bundestag, als Arbeitgeberin aber geradezu berüchtigt. Von 2005 bis 2009 verließen 15 Beschäftigte ihr Büro. Das ist, in der SPD zumal, ein Verschleiß, der irritiert. „Ulla Furchtbar“ nennt man sie in den Fluren der Fraktion. Frühere Mitarbeiter wandten sich Hilfe suchend an die WAZ.
Die Frau aus dem Wahlkreis Dortmund II ist „entsetzt“, als sie davon hört. Nun tritt ein, was sie meist zu verhindern wusste. Trennt sie sich von Mitarbeitern, gibt Burchardt ihnen – schriftlich – eine Mahnung mit auf den Weg: Sie werde mit juristischen Mitteln vorgehen, wenn Berichte aus der Zeit der Arbeit bei ihr nach draußen dringen sollten. Das erklärt, warum viele reden, aber jeder anonym bleiben will. Um Rechtsverstöße geht es nicht einmal. Sondern um das Büroklima. Um den Widerspruch zwischen Handeln und Reden.
Sie raste aus, wenn einer krank werde
Ehemalige Mitarbeiter berichten von Burchardts Neigung, „sich in die kleinsten Details der Büroarbeit einzumischen“ und „einem das Wort im Mund herumzudrehen“. Sie neige zu grundsätzlichem Misstrauen. Der kleinste Fehler werde mit „Vertrauensentzug“ bestraft. Sie raste aus, wenn einer krank werde. Einmal wurde eine Mitarbeiterin im Büro ohnmächtig. Man rief den Notarzt. Die Kollegen führen den Kollaps auf Überlastung zurück.
Burchardt weist die Vorwürfe zurück. Nie habe sie einen Arbeitsgerichtsprozess führen müssen. Nie sei sie von Parlamentskollegen darauf angesprochen worden. Nie seien eine Gewerkschaft oder die Mitarbeitervertretung bei ihr vorstellig geworden. Dass die hohe Fluktuation in ihrem Büro auffällt, erklärte sie sich damit, dass sie ihre freien Stellen immer ausschreibe.
Das macht nicht jeder im Hohen Haus. So springt sofort ins Auge, wenn Burchardt jemanden sucht. Viele seien nur deshalb gegangen, „weil sie so qualifiziert sind, dass sie anderswo gute Jobs bekommen“, versichert Burchardt.
Arbeitszeit: von 9 bis 22 Uhr in den Sitzungswochen
Für alle, die es in die Politik lockt, ist die Mitarbeit bei einem Abgeordneten ein Traumjob. Tausende meist junge Leute sind für die 622 Volksvertreter aktiv. Sie lernen schnell auch die Schattenseiten kennen. Arbeitszeit: von 9 bis 22 Uhr in den Sitzungswochen. Bezahlung: mäßig. Sicherheit: prekär. Befristete Jobs, binnen drei Monaten kündbar.
Konflikte sind programmiert: um Bezahlung, Arbeitszeit, Kündigung. Spätestens im Konfliktfall dämmert es den Beschäftigten, dass just der Bundestag ein „demokratiefreier Raum“ ist, wie „Verdi Publik“ schreibt.
Treffen mit Tobias Schürmann, Tarifexperte der Gewerkschaft. Es gibt einen Tarifvertrag für die Verwaltung im Bundestag, der auch für die Mitarbeiter der Fraktionen gilt. In den Abgeordnetenbüros aber endet die Mitbestimmung. Mancher Abgeordnete tut sich schon schwer, bei den Erhöhungen im öffentlichen Dienst mitzuziehen. Bei der letzten Erhöhung 2009 haben nach WAZ-Informationen je 20 Abgeordnete von SPD und Linken Widerspruch eingelegt und verhindert, dass die Erhöhung ausgezahlt wird.
Keine Betriebsräte
Personal- oder Betriebsräte? Fehlanzeige. Alle Versuche, mit einem Rechtsgutachten etwa, das Betriebsverfassungsgesetz im Hohen Haus durchzusetzen, sind gescheitert. Es wäre ein Eingriff in die grundgesetzlich geschützte freie Mandatsausübung. Jeder Abgeordnete verfügt über ein Budget von monatlich 14 712 Euro. Mit den Steuermitteln kann er Mitarbeiter beschäftigen. Wie viele Leute er einstellt, wo er sie einsetzt (in Berlin, im Wahlkreis) und zu welchen Bedingungen, bleibt ihm überlassen.
Von heute auf morgen führen die Abgeordneten ein kleines Unternehmen, und das „in einem Hexenkessel, wo immer Hektik herrscht und die Nerven schnell blank liegen“, so Schürmann. Die Mitarbeiter bräuchten einen Puffer, eine Anlaufstelle. „Gerade deshalb wäre ein Betriebsrat nötig.“ Man behilft sich mit Ersatzlösungen. Es gibt etwa beim Ältestenrat im Bundestag eine Kommission, die sich in Konflikt- und Zweifelsfällen einschaltet. Bei den Grünen sollte ein Abgeordneter als Ombudsmann wirken. Bei der Union gibt es gewählte Sprecher, an die sich die Mitarbeiter wenden können.
Konflikt-Kommission
Die SPD führt eine Konfliktkommission. Das Gremium kann nur dann aktiv werden, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind. Der Mitarbeiter muss gewerkschaftlich organisiert sein und sein Arbeitgeber der Tarifgemeinschaft der SPD angehören. Das trifft nicht auf jeden zu. Ulla Burchardt ist Mitglied von Verdi, aber nicht in der Tarifgemeinschaft. Streitfälle in ihrem Büro schaffen es nicht bis zur Konflikt-Kommission.
16:11
FRAU BURCHARDT, BITTE SEIEN SIE SO KLUG, AUS DIESEM ARTIKEL ZU LERNEN UND FORTAN SORGSAMER MIT DEN SIE UMGEBENDEN MENSCHEN UMZUGEHEN!!!
13:02
Leider ist das Photo keine unvorteilhafte Aufnahme und Frau B. steht symptomatisch für viele Parteibonzen. Berufspolitiker, zum Teil ohne Berufsausbildung, zum Teil ohne beruflichen Werdegang ausserhalb der Partei, sitzen in den Parteivorständen und Parlamenten und bestimmen, was für das Wahlvolk gut ist.Insbesondere die so genannten Pädagogen sehen sich als Vordenker und Bestimmer.
20:05
Dass Frau Burchardt in dieser Hinsicht zu den fünf MdBs mit dem höchsten Mitarbeiterverschleiß gehört ist weitläufig bekannt (Vgl. auch Leserin1110). Ebenso wie die Gründe dafür. Die These, dass die Qualität der Mitarbeiter damit zu tun habe ist haltlos. Ebensowenig hat der Bericht mit Diffamierung zu tun. Lesen wir genau zeigt sich: Er thematisiert neben den Zuständen im Büro einer einzelnen Person, deren offensichtlich fehlgeleitete und kritikresistente Amtsauffassung der menschlichen Würde ihrer Mitarbeiter keinen Raum lässt, vor allem die allgemein prekäre arbeitsrechtliche Situation von Bundestagsmitarbeitern. Beides sind akute Probleme von öffentlichem Interesse. Darüber zu schreiben ist daher richtig und wichtig. Sowohl den ehemaligen Mitarbeitern als auch dem Autoren ist daher meiner Meinung nach Respekt zu zollen, dass sie sich von der vielsagenden Drohung von Frau B. nicht einschücherten ließen.
20:04
Leute mal ganz ruhig bitte: Frau Burchardt ist als Person weder repräsentativ für die SPD, für „die Frau an sich“, noch für den Berufsstand der Pädagogen! Sie ist eben leider KEINE „Pädagogin“. Zwar hat sie Pädagogik studiert (wie übrigens auch Psychologie) und beides steht also vermutlich auf ihrem Unidiplom, [ obwohl man sich auch bei akad. Titeln heute nicht mehr so sicher sein kann, vgl. den Fall des MdB Jasper: Vgl. Art. in SZ Der falsche Doktor Nur garantiert das Studium der Pädagogik noch lange nicht die erfolgreiche Aneignung ihrer Inhalte. Sonst wäre der Artikel über Frau Burchardt nie geschrieben worden. Also bitte Vorsicht mit vorschnellen Urteilen über die genannten Gruppen. Der Aufhänger des Artikels bezieht sich hier lediglich auf die Fehlleistungen von Frau Burchardt als individuelle Arbeitgeberin.
10:33
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Bei den angegebenen Nebentätigkeiten muss ich mal eine Lanze für Fr. Burchardt brechen:
http://www.abgeordnetenwatch.de/ulla_burchardt-650-5790.html
Alles nur ehrenamtliche Nebentätigkeiten - nicht wie bei anderen Hobbyparlamentariern.
Das ist in meinen Augen ein Pluspunkt für Fr. Burchardt.
Das wars aber auch schon ...
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10:19
Die Mitarbeiter haben Stress und die Abgeordneten nebenbei noch einige lukrative Nebenjobs ? Wie kann das denn denn funktionieren. Ein paar von den den Linken konnten es sich sogar erlauben eine Schiffsreise nach Gaza zu gönnen. Für mich sieht es aus als ließen unsere Parlamentarier einen großen Teil ihrer Aufgaben von Mitarbeitern erledigen und das auf Kosten der Steuerzahler. Das mit der Paralellgesellschaft der Politiker scheint sich immer mehr zu bestätigen. Diese Leute werden gewählt, steigen dann auf eine Wolke und schweben dann ganz hoch über den Normalsterblichen. Eine Reform dieses Systems, die eine Streichung vieler teurer Privilegien beinhaltet, scheint dringend geboten.
22:36
ich erkenne Männer an ihren Äußerungen. Dafür hab ich lange genug in Frauengruppen rumgesessen........................
hahahaha. sehr gut. lange nicht mehr so gelacht.
22:12
@ #51
Pauschale Hetze, so wie Sie es meinen, wird hier von allen Parteigängern gegen alle Parteigänger verbreitet. Und da sind Frauen in ihrer Wortwahl mittlerweile genauso deutlich wie Männer.
Ich sehe Fr. Burchardt in erster Linie als SPD-Abgeordnete, die die gleichen Fehler begeht, die sie Anderen vorwirft. Und darum sollte sich die Diskussion drehen, nicht um Aufgeregtheiten wg. frauenfeindlicher Dummheiten. Bleiben wir also sächlich.
21:25
@vaikl
ich erkenne Männer an ihren Äußerungen. Dafür hab ich lange genug in Frauengruppen rumgesessen. Ich hab außerdem nur die Äußerungen zum Foto bemängelt. Und die pauschale Hetze gegen SPD-Mitglieder.
@christoph Ebner
gute Replik. Danke! Sie haben was im Hirn. Kommt ja nicht oft vor hier.
21:00
Frau Wollenhaupt (wenn Sie es denn sind, was Niemand überprüfen kann), ich sehe hier insgesamt 3 von 50 Kommentaren, die garantiert frauenfeindlich sind. In den anderen Kommentaren können Sie lässig Frau gegen Mann tauschen, es würde genau der gleiche Sinn dahinter sichtbar.
Woran Sie jetzt erkennen wollen, dass sich hinter 47 anonymen Nicks ausschließlich Männer verbergen, ist mir als Mann schleierhaft. Oder dürfen Frauen heute keine Meinung zum Thema unsoziale Arbeitsbedingungen im Parlament äußern??