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Interview mit Superintendent

Ulf Schlüter: "Das hier ist nicht das christliche Abendland"

24.08.2014 | 13:54 Uhr
Superintendent Ulf Schlüter ist die Religionsfreiheit wichtig.
Superintendent Ulf Schlüter ist die Religionsfreiheit wichtig.Foto: Oliver Schaper

Dortmund.  Dortmund diskutiert über das Kopftuch und die Äußerungen von CDU-Politikerin Gerda Horitzky. In unserer Interviewserie erläutern Experten ihre Sicht rund um das Verhältnis von Christentum und Islam in der Stadt. Heute erklärt Ulf Schlüter, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises, warum Christen Identitätsprobleme haben.

Seit Wochen beschäftigt uns eine Debatte ums Kopftuch, die sich auch in den Leserbriefen an die Redaktion niederschlägt. Wie erleben Sie diese Entwicklung?
Als Evangelische Kirche bemühen wir uns seit langem, Dialog, Toleranz und gegenseitiges Verständnis zu fördern. Trotzdem zeigt sich: die Ressentiments sitzen so tief und sind so leicht zu dynamisieren, dass solche Effekte wie in den letzten Wochen entstehen können. Dass das auch nach fünf, sechs Jahrzehnten noch so ist, in denen hier ganz selbstverständlich auch Muslime leben, ist einerseits erschreckend, andererseits muss man es realistisch zur Kenntnis nehmen und darf es nicht verschweigen.

Wie geht Ihr Kirchenkreis damit um?
Wir bemühen uns um Koexistenz, um Kooperation, wir betrachten den Islam als Teil unserer Realität. Er ist unter uns, weil wir hier zusammen leben in dieser Gesellschaft. Religionsfreiheit ist für uns ein ganz hohes Gut, und die gilt nicht nur für uns, sondern auch für Muslime.

Das sehen manche anders.
Muslime leben in dieser Gesellschaft, auch als deutsche Staatsbürger, und sie haben natürlich das Recht wie alle anderen auch, auf der Grundlage des Grundgesetzes in Freiheit Religionsausübung gewährleistet zu bekommen. Das kann nicht infrage stehen. Und darin liegt auch das Missverständliche an der Äußerung von Frau Horitzky. Mit der Formulierung "Ich will aber keine Kopftücher mehr sehen" kann sich der ebenso irreale wie gefährliche Wunsch verbinden: Die sollen weg. Das geht nicht!
Grundlage für uns alle hier muss sein: wir leben hier zusammen - und wollen das das friedlich und vernünftig als Vertreter verschiedener Kulturen und Religionen tun. Das hat nichts mit Gutmenschentum zu tun, wie ja auch zu lesen war. Der Begriff ärgert mich ohnehin maßlos. Warum?
Menschen, die sich um eine verantwortungsvolle Koexistenz von verschiedenen Religionen und Kulturen bemühen, nach dem Motto zu diskreditieren: "Das sind Gutmenschen, die um ihres eigenen guten Gewissens willen die Realität nicht wahrnehmen", das wird denen, die sich für Dialog und Toleranz engagieren, in keiner Weise gerecht.

Welche Bedeutung hat das Kopftuch für sie?
Erst einmal ist das Kopftuch Ausdruck einer bestimmten religiösen Haltung. Wenn ich allerdings im muslimischen Kontext aufwachse und es immer als selbstverständlich erlebt habe, dass Frauen ein Kopftuch tragen, ist das Kopftuch gleichzeitig auch einfach kulturell vermittelt. Insofern ist das Kopftuch nicht unbedingt aktiver Ausdruck einer religiösen - schon gar nicht extrem religiösen - Haltung. Vieles aus dem Christentum ist auch schon in unsere Kultur eingewachsenund längst kein Ausdruck einer bewussten religiösen Überzeugung mehr.

Denken Sie, dass wir in einem christlichen Abendland leben?
Die Vorstellung vom christlichen Abendland ist sehr alt. Richtig ist, dass Europas Geschichte und Geistesgeschichte über viele Jahrhunderte hinweg vom christlichen Glauben und den christlichen Kirchen geprägt worden ist. Im 20. Jahrhundert aber, spätestens im Zeitalter der Globalisierung, im 21. Jahrhundert, ist die Vorstellung einer geschlossenen Kultur nun wirklich pass. Das hier ist nicht das christliche Abendland.
Nebenbei: Wenn ich über das rein formale "christlich" hinausgehe, muss ich mich beim Blick auf die vergangenen Jahrhunderte europäischer Geschichte natürlich auch fragen, was daran so "christlich" gewesen ist, zum Beispiel an den großen Konfessionskriegen wie dem 30-jährigen Krieg im 17. Jahrhundert. Heute leben wir in einer multireligiösen, multikulturellen Gesellschaft, und die Pluralität wird in Zukunft zweifelsohne eher noch deutlich zunehmen.
Also: Wie gelingt es uns, verschiedene Religionen und Kulturen in einer Gesellschaft miteinander friedlich und vernünftig leben zu lassen? Das ist die Aufgabe, alles andere ist überholtes Denken. Was ist Ihr Ansatz, das gelingen zu lassen?
Das, was wirklich Menschen überzeugt, was in der Lage ist, Ressentiments aufzubrechen, ist vor allem eine direkte, persönliche und lebendige Begegnung. Nun weiß ich, Schülerinnen und Schüler wachsen eigentlich immer in diesem multikulturellen Zusammenhang auf, trotzdem trägt das nicht immer zum gegenseitigen Verständnis bei - und es entstehen weiterhin Vorurteile. Es gibt ja auch durchaus schlechte Erfahrungen. Trotzdem glaube ich: vor allem offene Begegnung fördert das Lernen, die realistische und differenzierte Wahrnehmung.

Gibt es für Sie Grenzen der Religionsfreiheit?
Religionsfreiheit heißt für mich zunächst, dass "jeder nach seiner Faon selig werden soll", wie Friedrich der II. es gesagt hat. Die Grenzen liegen prinzipiell da, wo die Freiheit anderer tangiert wird. Dass wir als Christen, wie von Frau Horitzky erwähnt, natürlich das Recht hätten, uns mit einem Kreuz auf der Stirn oder um den Hals zu bewegen, steht doch außer Frage. Der Vorgang im Krankenhaus, also die arbeitsrechtliche Frage ist anders zu bewerten.

Inwiefern?
Das ist eine sehr komplizierte Diskussion, die mit dem besonderen Status der kirchlichen Einrichtungen zu tun hat. Christliche Krankenhäuser sind für uns grundsätzlich Orte der Verkündigung. Das ist vielleicht weithin aus dem Bewusstsein verschwunden, für viele Menschen sind das Krankenhäuser wie alle anderen auch. Im Grundsatz aber betreiben wir diese Einrichtungen aus unserem christlichen Glauben heraus, um ihn nämlich auf diese Weise mit Leben zu füllen.
Ich denke durchaus, dass in einem christlichen Krankenhaus muslimische Mitarbeiter mit dem gleichen Grundverständnis arbeiten können: dass der Mensch, der Patient, im Mittelpunkt steht. Wenn allerdings eine dezidiert nicht-christliche Religionsäußerung hinzutritt, passt das nicht in diesen Rahmen. Das ist genau der Punkt im Johannes-Hospital. Hätten Sie genau wie das Johannes-Hospital entschieden?
Ich denke ja. Ich wünsche mir allerdings eine Debatte in der Kirche darüber, wie unser Anspruch, Toleranz und Dialog zu fördern, auch in unseren Einrichtungen und in unserem Arbeitsrecht sich abbildet. Da ist noch Klärungsbedarf. In der Gesellschaft stellt sich die Sache grundsätzlich anders da: Da gilt Freiheit der Religionsausübung. Wir leben hier in der Nordstadt, da sind viele Religionen präsent, und jeder hat das Recht, seine Religion auch in der Öffentlichkeit zu leben. Gott sei Dank! Im Übrigen glaube ich, dass ein Teil des Konfliktpotenzials darin liegt, dass wir als Christen unsererseits heute in der Breite Identitätsprobleme haben.

Identitätsprobleme - wie meinen Sie das?
Ein Teil der Ressentiments Muslimen gegenüber hat meines Erachtens damit zu tun, dass viele Menschen in unserem kulturellen Kontext ihre eigene Religion nicht mehr bewusst als Teil ihrer Identität erkennen und betrachten. Auf der anderen Seite aber erleben sie in vielen Muslimen Menschen, die eine sehr klare religiöse Identität haben. Das schafft Verunsicherung.

Warum bekennen sich weniger Menschen öffentlich als Christen?
Das hat vielschichtige Gründe. Wir haben eine andere geistesgeschichtliche Entwicklung genommen, als etwa viele Länder der muslimischen Welt. Bei uns hat schon die Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert nachhaltig das Weltbild verändert. Die Vorstellung eines Gottes, der alles geschaffen hat, der Mensch geworden ist, ließ sich schon damals für viele nicht mehr mit dem Anspruch vereinbaren, die Welt wissenschaftlich durchdringen und erklären zu wollen.
Der Prozess der Industrialisierung und schließlich die Individualisierung unserer Tage spielen ebenfalls eine große Rolle. Wobei gerade die Individualisierung ja ihre theologischen Wurzeln hat: Die Reformation war der Aufbruch in eine andere geistesgeschichtliche Epoche. Dass der Einzelne sich und seinen Glauben vor Gott verantwortet und eben nicht mehr durch die Kirche sein Heil gewährleistet sieht, schuf die Voraussetzung für das individuelle und freiheitliche Denken.
Zu meinem Selbstverständnis gehört natürlich weiterhin das Vertrauen darauf, dass ich Geschöpf bin, dass es einen Gott gibt, der die Menschen liebevoll in den Blick nimmt und uns im Leben und im Sterben trägt. Das ist für mich ein wesentlicher Teil meiner Identität, wohl wissend, dass die Menschen grundsätzlich frei sind, dies so nicht mehr sehen zu wollen oder zu können. Warum leben Christen eigentlich weniger bibeltreu als Muslime korantreu?
Gott hat sich für uns nicht in einer Schrift wie im Islam offenbart, sondern in dem Menschen Jesus von Nazareth, im Besonderen in seiner Kreuzigung und Auferstehung. Den Streit über das Verständnis und die Interpretation der Bibel gibt es natürlich schon sehr lange. Martin Luther hat das Wichtige für mich überzeugend auf den Punkt gebracht: Die Bibel ist danach zu verstehen und auszulegen, "was Christum treibet".
Das heißt: Wir müssen die Texte daraufhin betrachten, wie sie sich zu diesem für uns Christen zentralen Geschehen der liebevollen Hinwendung Gottes zum Menschen verhalten. Alttestamentliche Gesetze etwa, die dazu nicht passen, haben insofern für mich keine Relevanz. Ich verstehe die Bibel durch Christus und von Christus her.
Dazu gilt heute: Wir lesen die Bibel seit langem nicht mehr unkritisch, sondern als historisches Dokument. Sie ist von Menschen zu bestimmten Zeiten und unter bestimmten Bedingungen als Glaubenszeugnis geschrieben - und nicht einfach vom Himmel gefallen.

Wie bewerten Sie dann die Äußerungen von Gerda Horitzky?
Das eine ist, was jemand als private Meinung vertritt oder welche Empfindungen, vielleicht auch Ängste, er in seinem Herzen oder Kopf bewegt. Das andere ist, was die stellvertretende Bürgermeisterin eines Stadtbezirks formuliert, in dem mehr als die Hälfte der Menschen Migrationshintergrund haben und in dem seit Jahrzehnten sehr viele Muslime leben. In einer solchen öffentlichen Funktion liegt nun einmal Verantwortung für alle Bürger dieses Stadtbezirks.
Ich hätte mir insofern eine Distanzierung von dieser Äußerung gewünscht. Diejenigen, die das politische Gemeinwesen vertreten, sollten einen besonders sensiblen und respektvollen Umgang mit den Rechten aller Bürger pflegen - auch mit dem Recht der freien Religionsausübung.

Warum ist das so?
Weil die Vertreter des Gemeinwesens besondere Verantwortung für das friedliche Zusammenleben der Bürger in ihrem Bereich haben.Wenn ich durch meine Äußerungen ein von vornherein gebrochenes Verhältnis zu einem großen Teil der mir anvertrauten Bürger dokumentiere, kann das nicht gut gehen. Einen Teil der Bevölkerung hier im Grunde nicht sehen zu wollen, widerspricht dem öffentlichen Amt, das in besonderer Weise der Verfassung verpflichtet ist; und die Verfassung garantiert bei uns die freie Religionsausübung. Sind christliche Werte eigentlich anders als Werte anderer Religionen?
Der Kern der christlichen Religion ist das Bekenntnis zu einem Gott, der sich in einem Menschen zu erkennen gibt, einem Menschen, der sich liebevoll anderen zugewandt hat und in letzter Konsequenz dafür bis ans Kreuz gegangen ist - um durch solche Liebe den Tod zu überwinden. Das ist eine besondere Vorstellung. Trotzdem gibt es im Islam oder im Buddhismus ebenfalls eine große Tradition, von der Barmherzigkeit Gottes zu reden, von Nächstenliebe. Das sind alles Vorstellungen, die in den großen Religionen angelegt sind.

Was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn es immer weniger Christen gibt?
Durch zwei Jahrtausende hindurch ist viel von den christlichen Grundüberzeugungen eingewandert in unsere Kultur, in unsere sozialen Systeme und in unsere Rechtsnormen. Menschenwürde ist heute im Grundgesetz verankert und keine Frage der Religion mehr, was biblisch Gottes Ebenbildlichkeit ist, ist heute übersetzt im Artikel 1 des Grundgesetzes. Dass wir soziale Verantwortung wahrnehmen für Menschen am Rand der Gesellschaft, hat irgendwann in christlichen Bewegungen begonnen, nicht zuletzt die ersten Krankenhäuser und Hospize haben dort ihre Wurzeln. Heute scheint das alles wie selbstverständlich.
Ich mache mir jetzt nicht so schnell Sorgen, wir könnten durch Kirchenaustritte und kleiner werdende Kirchen sehr schnell zu einer unchristlichen oder unzivilisierten Gesellschaft werden.

Was ist die beste christliche Antwort auf die derzeitige Debatte?
Ich würde dringend empfehlen, gelassen zu bleiben. Biblisch gesagt ist der erste Satz immer: Fürchte dich nicht! Wir leben in einer freiheitlichen Gesellschaft, dürfen hier als Christen leben, und können eben auch andere Religionen ohne Furcht und mit Respekt in unserer Nähe akzeptieren. Und wir sollten - so oft wie möglich - den lebendigen Kontakt zu diesen Menschen suchen. Zur Person: Der 52-jährige Ulf Schlüter hat Theologie in Bethel und Bochum studiert. Anschließend absolvierte er sein Vikariat in Bottrop. Für die westfälische Landeskirche arbeitete er sechs Jahre lang in Villigst. Ab 1994 war er Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Asseln. Seit Anfang 2014 ist Schlüter Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Dortmund.

Sarah Bornemann

Kommentare
25.08.2014
22:10
Ulf Schlüter: "Das hier ist nicht das christliche Abendland"
von bekabe | #11

Sollte es wirklich so sein, dass dies nicht mehr das christliche Abendland ist, liegt es an Leuten wie Herrn Schlüter, dass das passieren konnte....
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2014-08-24 13:54
Dortmund