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Interview

Tom Lüneburger — leise Melancholie ohne Depression

26.01.2013 | 00:27 Uhr
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Dortmund. Mit dem Song „We are one“ hat er mit Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß seine höchste Chartplatzierung erreicht. Sein Gastspiel auf der „Lights“-Tour im Dortmunder FZW ist ausverkauft, ein Zusatzkonzert wurde gebucht. Mit dem sympathisch-offenen Singer/Songwriter Tom Lüneburger sprach Antje Mosebach am Telefon über Berlin, Melancholie – und was beides mit ihm und seiner Musik zu tun haben.

Guten Morgen, Tom Lüneburger. Erstmal: Herzlichen Glückwunsch nachträglich! Du bist vor ein paar Tagen 40 geworden. Groß gefeiert?

Tom Lüneburger: Vielen Dank. Nein, ich bin nicht so der Geburtstagsfeierer. Ich weiß auch nicht, was 40 so bedeuten soll. Ich war bei meinen Eltern im Schwarzwald, einfach nur zum Ausspannen. Die Tour (als Support von Silbermond, Anm. Red.) war anstrengend (ein leichte Schwingen des Schwäbischen kommt ans Ohr).

Du wohnst schon viele Jahre in Berlin, aber den Schwarzwald hört man noch ein kleines bisschen . . 

Was (scherzhaft entsetzt und wechselt sofort demonstrativ ins Berlinerische), det kann eigentlich nicht sein!

Du bist in Potsdam geboren, bist als kleines Kind nach Berlin gekommen, dann ganz oft, einige sagen über 20 mal, umgezogen, bis sich Deine Eltern im Schwarzwald niedergelassen haben. Wie war die ganze Umherzieherei denn für Dich als Kind?

Naja, ob das so viel war . . . aber das ist schon krass in jungen Jahren. Wir haben ein bisschen gelebt wie Zirkusartisten. Mein Vater hat recht schnell sein Physikstudium über den Haufen geworfen, um Musik zu machen. Er war da wie ein Getriebener.

Da bist du ja jetzt in die Fußstapfen Deines Vaters getreten. Manchmal ist es doch so, dass man genau das Gegenteil seiner Eltern machen will.

Das war bei mir anfangs auch so. Ich war ohnehin ein Spätzünder, ich habe nicht mit fünf oder sechs klassische Gitarre gelernt, ich wollte immer nur Fußballspieler werden. Mit 14, 15 ging es los, mit Krach. Da musste ich eine E-Gitarre mit Verzerrer haben und es musste richtig laut sein. Da habe ich auch meine erste Band gegründet. Mit 18, 19 hatte ich dann eine Band, mit der ich auch überregional auf Tour gegangen bin, mehr mit Crossover. Es war die Zeit der H-Blockx, aus der Ecke kam unsere Musik.

Wie ging es dann weiter?

Anfang 20 bin ich nach Berlin gegangen, ich habe noch einen großen Teil der Familie dort und kenne Berlin natürlich ganz gut. Ich habe einfach gemerkt, dass der Horizont, um Musik zu machen, da unten (Schwarzwald) etwas beschränkt war. Während unserer überregionalen Tour waren wir einmal in Berlin. Das war einfach toll, die Musikszene in Berlin ist riesig groß, da hat man noch ein richtiges Leuchten in den Augen gehabt.

Hast Du das immer noch?

Vieles hat sich relativiert. Berlin ist der Platz, um kreativ zu sein, aber er ist auch gleichzeitig der härteste – weil viele Leute herkommen, um kreativ zu sein und ein Stück vom Kuchen abzubekommen Ein toughes Business, aber auch spannend. Ich mache das mittlerweile schon so lang, dass ich gar nicht anders kann, sichert mir ja auch meinen Lebensunterhalt. und irgendwie bin ich da auch ein Getriebener...

Erinnert ein bisschen an Deinen Vater, oder?!

Ja, das ist ja auch was Tolles. Ich krieg bei ihm mit, wie er noch weitermacht, es spannend bleibt.

Sprechen wir von Deiner Musik. Nach „Good Intentions“ ist letztes Jahr Dein zweites Soloalbum, „Lights“ herausgekommen. Deine Musik wirkt unaufdringlich, melancholisch, aber nicht langweilig und herunterziehend. Deine Texte sind reflektierend, eine Art Nachbetrachtung von Geschehenem, und auf der Bühne scheinst Du die Texte mitzuleben. Stimmt der Eindruck?

Ja, kann man sagen. Das erste Soloalbum war sehr wichtig für meinen Weg. Es entstand in einer schwierigen Zeit: Nach zehn Jahren hatte sich meine Band aufgelöst. Die habe ich sehr vermisst. Nach ein, zwei Jahren habe ich dann angefangen, mit meiner Gitarre in Clubs zu spielen. Aber ich wollte nie in diese Singer/Songwriter-Klischees fallen, nicht in so eine düstere Depri-Schiene. Ich wollte die Leute rocken, zeigen, dass ich offensiv mit der Situation umgehe. Das wurde ein Selbstläufer. Das zweite Album ist eine Fortsetzung davon. Es belegt mehr Identität mit sich selbst, dass ich kein Überbleibsel einer Band bin, sondern als Solomusiker angekommen bin.

Offensichtlich. Dein Konzert im Dortmunder FZW ist ausverkauft, es brauchte ein Zusatzkonzert. Mit Deinem ehemaligen Bandkollegen „Stoffel“.

Ja. Christoph Clemens ist jetzt mein „Sidekick“, so wie früher der Pocher bei Schmidt. Er ist verantwortlich, was die Unterhaltung des Publikums angeht.

Wie entstehen Deine Songs?

Inspiriert werde ich durch Melodien und Rhythmen. Und irgendwo habe ich ein Schlagwort aufgeschnappt. Dann brauche ich Ruhe, bei mir zu Hause, um mich mit dem Thema intensiv zu beschäftigen. Dann kommt die Stimmung dazu, dann automatisch die Worte. Das funktioniert zugegebenermaßen am besten in schwermütiger, melancholischer oder trauriger Stimmung – denn da ist es wichtig, dass es rauskommt.

Du bist eher der melancholische Typ?!

Melancholisch ja, aber nicht die Selbstmördervariante.

Du bist im Februar und im April hier. Welchen Bezug hast Du zu Dortmund?

Für mich ist die Stadt noch ein weißes Blatt. Aber im Ruhrgebiet kommt man an Dortmund nicht vorbei, sie ist das Herz. Schon wegen des Fußballs, der Kracher überhaupt. Und früher war ich mal in der Westfalenhalle beim Metallica-Konzert „Justice for all“.

Hast Du schon Pläne für die Zukunft?

Ich halte nicht soviel davon, weit vorauszuplanen. Es kommt eh anders, als man denkt. Aber ich habe Bock drauf, mein drittes Album zu machen. Die Songs habe ich schon geschrieben, das Studio kommt später, nach der Tour. Gut dabei ist, dass die Menschen in meinem Umkreis dranbleiben wollen.

Dann wünschen wir Dir dafür viel Erfolg und alles Gute.

Danke, das wünsche ich Euch allen ganz besonders.

Antje Mosebach

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