Tocotronic "ist heute mehr als ein Lebensgefühl"

Tocotronic, Deutschlands meistgelobte Band, singt auf ihrem neuen, ungewöhnlich poppigen Album über vermeintlich profane Dinge wie die Liebe und das Erwachsenwerden. Das Quartett aus Hamburg und Berlin kommt im Oktober ins Dortmunder FZW.

Dortmund.. In ihrem Hamburger Probenraum zwischen Raumschiffmodellen aus Lego und einem Küchenschrank aus Großmutters Zeiten erzählen der Bassist Jan Müller und der Schlagzeuger Arne Zank von Liebesliedern, Chaos, Dilettantismus und warum man niemals satt und zufrieden sein soll. Sie wurden allerdings auch schon als Sprachrohr einer intellektuellen Verweigerer-Generation bezeichnet und als schnöselig, anti-modern und verkünselt geschmäht.

Das Oberthema der neuen Platte "Das rote Album" ist Liebe. Wie kam es dazu?

Jan Müller: Der rote Faden hat sich so ergeben. Im Vorfeld haben wir viel über Dirks Texte gesprochen, weil jeder eine Meinung zum Thema "Liebe" hat. Dirk hat dann versucht, sich weiter damit zu befassen.

Arne Zank: Ohne Dirk reinreden zu wollen, kann man diese zwölf Stücke getrost als Liebeslieder sehen. "Love Song" ist zwar ein sehr abgelutschter Begriff, aber bei allem Abgrenzen interessieren uns auch klassische Formate, die wir gerne ausdehnen. Das wirft dann interessante Fragen auf, wie: Ist "Solidarität" überhaupt noch ein Liebeslied? Ich finde es schön, Grenzen zu überschreiten.

Ein Lied heißt Chaos. Was interessiert Sie am Chaos?

Müller: Zuerst einmal beschreibt dieses Lied die sexuelle Komponente der Liebe. Und dann sollte Chaos für eine Rock-Pop-Band immer ganz wichtig sein. Man will ja nicht das Bestehende bestärken, sondern etwas Neues schaffen. Chaos ist produktiv.

Ist es Ihre Aufgabe als Künstler, in der Gesellschaft Chaos in die Ordnung zu bringen?

Zank: Ach, Aufgaben für Künstler möchte ich nicht stellen. Aber für das eigene Arbeiten ist es extrem wichtig, eine gewisse Unordnung zuzulassen und für fruchtbar zu erachten.

Finden Sie es banal, wenn andere sich von Ihrer Musik trösten lassen?

Müller: Überhaupt nicht, ganz im Gegenteil! Ich habe nie verstanden, wenn immer gesagt wurde, unsere Musik sei abstrakt, verkopft oder intellektuell. Natürlich können einen die Texte auf intellektueller Ebene ansprechen, aber Musik funktioniert doch auf vielen Ebenen zugleich. Vielleicht macht ja die Musik das Textverständnis einfacher. Natürlich ist es erst mal angenehmer, wenn uns jemand als intellektuell und nicht als dumm bezeichnet, aber manchmal wird das wie ein Ressentiment vorgetragen. Und das ist dann nicht so angenehm.

Zank: Dadurch wird eine Hierarchie aufgemacht, die wir überhaupt nicht haben wollen. Wir erheben uns ja nicht per se über unser Publikum. Wir wollen immer Verständlichkeit haben. Vieles, was Dirk in seinen Texten sagt, lassen wir anderen übrigens einfach so stehen. Manchmal übt gerade das, was man nicht versteht, einen großen Reiz aus.

Haben Sie bei Dirk von Lowtzow diesmal viel nachfragen müssen?

Müller: Ich ja. Weil es mich aufgrund des Themas - Liebe - interessiert hat. Wir haben dann viel mehr geändert als bei der letzten Scheibe. Dirk hat auch die Größe, das Urteil seiner Bandmitstreiter gelten zu lassen. Er arbeitet in der Regel sehr schnell, aber diesmal noch viel präziser.

Wie perfektionistisch sind Sie?

Zank: Leider sehr. Manche Stücke machten während der Produktion eine große Wandlung durch.

Müller: An dem Album arbeiteten wir anderthalb Jahre intensiv. Ich finde, diese Verantwortung hat man als Künstler. Klar ist ein Album wie "Digital ist besser" damals sehr schnell entstanden. Aber man darf nicht vergessen, man hat davor schon 22 oder 23 Jahre gelebt und diese Songs hatten sich angestaut. Ein Künstler darf nicht selbstzufrieden werden und glauben, alles zu können. Es ist nämlich jedes Mal sehr schwierig, solch ein Album herzustellen, wenn man den Anspruch hat, es auf einem gewissen Niveau zu machen.

Was haben Sie sich aus Ihrer Anfangszeit bewahrt?

Müller: Vieles. Ich hoffe, dass wir nicht total vermuckt sind, auch wenn wir unsere Instrumente heute ganz gut beherrschen. Wir bereiten hier im Probenraum gerade unsere Live-Konzerte vor und gucken, was wir aus unserem Repertoire so spielen können. So haben wir die Stücke "Samstag ist Selbstmord" und "Du bist ganz schön bedient" wieder aus der Mottenkiste hervor geholt, weil sie eine ähnliche Geisteshaltung haben wie die heutigen Stücke.

Zank: Ich glaube, wir haben uns die dialektische Gegenseite des Perfektionismus bewahrt: das Chaos und den Dilettantismus. Und dass man diese ganze Musik nicht allzu ernst nimmt.

Ausufernde Schlagzeug- und Gitarrensoli werden bei Tocotronic auch in Zukunft verpönt sein?

Müller: Die Gitarristen in unserer Band schätzen zu unserem Leidwesen Neil Young sehr. Das liegt ja auf der Hand, aber wir müssen sie manchmal ein bisschen bremsen, damit die Gitarrensoli nicht so ausufern.

Dirk von Lowtzow sagte mal in einem Interview, er fände es grauenvoll, Vorbild für junge Bands zu sein. Wie sehen Sie das?

Müller: Der Satz klingt erst mal gut! Es gibt ja diesen alten Punk-Spruch "No More Heros!" Aber natürlich haben uns andere Künstler inspiriert, in meinem Fall waren das dilettantische Punkbands, die mir überhaupt erst den Mut gaben, selber ein Instrument in die Hand zu nehmen.

Wollten Sie immer alles genau anders herum machen als andere Bands?

Müller: Eigentlich nicht. Im Grunde machen wir ganz konventionelle Musik, die sich an klassischen Akkorden bedient. Vielleicht ging es uns eher darum, sehr konzeptorientiert zu arbeiten und die technische Umsetzung eher zu vernachlässigen. Wir fanden es spannend, eine Popband zu erfinden. Damals musste man immer für viel Geld Demos in irgendwelchen Studios aufnehmen und diese dann an Plattenfirmen verschicken. Das alles haben wir für uns vermieden und einfach die Behauptung aufgestellt, wir seien eine Band. Aber wir haben sicher nicht alles anders gemacht, sondern bei aller Abgrenzung auch vieles in uns aufgenommen.

Worum geht es Ihnen heute?

Müller: Es gibt mehrere Ebenen. Natürlich muss der Song gut sein. Und er muss eine Aussage haben. Vor allen Dingen aber muss es uns Spaß machen.

Welches Lebensgefühl transportiert Ihre Musik?

Müller: In unserer Frühphase grenzten wir uns noch von vielen Dingen ab, ohne dabei direkt punkig-ordinär zu sein. Wir haben die Hälfte unseres bisherigen Lebens mit der Band verbracht und mit der Zeit einen differenzierten Blick auf die Welt gewonnen. Ich glaube, Tocotronic ist heute mehr als ein Lebensgefühl, die Band steht für einen bestimmten Blick auf die Welt, wobei man sich aber nicht immer einig sein muss. Natürlich hinterfragen wir die bestehenden Verhältnisse. Wenn das nicht mehr stattfinden würde, hätte unsere Band ein Problem. Wären wir satt und zufrieden, wäre unsere Kunst vielleicht nicht mehr interessant.

Tocotronic live 2015:
15. Oktober 2015, Dortmund, FZW