Syrische Flüchtlinge in Dortmund drohen mit Hungerstreik

Das sind die ersten Demonstranten unter den syrischen Kriegsflüchtlingen, die an der Huckarder Straße ein Protestcamp einrichten.
Das sind die ersten Demonstranten unter den syrischen Kriegsflüchtlingen, die an der Huckarder Straße ein Protestcamp einrichten.
Foto: Stephan Schütze
Was wir bereits wissen
Über 100 Flüchtlinge aus ganz NRW demonstrieren in Dortmund, um ihre vom Krieg bedrohten Familienangehörigen sicher nach Deutschland holen zu können.

Dortmund.. Vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Dortmund demonstrieren mehr als 100 syrische Flüchtlinge, um vom Krieg bedrohte Familienangehörige sicher nach Deutschland holen zu können. Ändert sich innerhalb einer Woche nichts, wollen sie in den Hungerstreik treten.

Das Schicksal von Fadi Khatib (30) aus Syrien ist typisch für die rund 100 anderen Demonstranten, die aus ganz Nordrhein-Westfalen in das Industriegebiet an der Huckarder Straße gereist sind und am Dienstagmittag (9.6.2015) vor dem Gebäude des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ein Protest-Camp einrichten: Fadi Khatib erreichte Deutschland im Oktober 2014 - seitdem bemüht er sich vergeblich darum, seine Familie ins sichere Deutschland zu holen. "Während sich hier die Verfahren so lange hinziehen, sind unsere Familien in Syrien in größter Gefahr."

Flucht vor Bomben, Tod, Haft und Folter

"Wir sind vor der Hölle geflüchtet", berichten die Männer, die von Bomben, Tod, Haft, Folter, Krieg und Zerstörung sprechen. Unter ihnen sind Ärzte, Ingenieure und Arbeiter. "Vor dem Krieg lebten 25 Millionen Menschen in Syrien", berichtet Nedal Alsay (31), "12 Millionen befinden sich innerhalb des Landes auf der Flucht. 5 Millionen haben Syrien bereits verlassen - und es werden immer mehr, die fliehen müssen." Mit jedem Wort, dass der Syrer über seine Heimat verliert, ist die Verzweiflung zu spüren.

Asyl Deutschland sind die Flüchtlinge dankbar: "Wir bedanken uns bei der Regierung und dem Volk und allen Organisationen, die Flüchtlinge retten", heißt es in einer am Dienstag dem BAMF an der Huckarder Straße übergebenen Erklärung. Doch aus Sorge um ihre Familien fehlt den bereits nach Deutschland gereisten Flüchtlingen die Geduld für langwierige bürokratische Verfahren: Die Verfahren für eine Aufenthaltsbewilligung würden acht bis zwölf Monate dauern. "In dieser Zeit warten unsere Familien in Syrien auf den Tod", stellt Nedal Alsay fest.

Hungerstreik auf offener Straße

Die 100 Kriegsflüchtlinge sind fest entschlossen. Sollte ihnen das BAMF keinen Ausweg bieten. wollen sie auf offener Straße in den Hungerstreik treten. Die Bereitschaft, bis zum Äußersten zu gehen, ist groß. Aktuell verfügen sie nicht über Lebensmittel, Zelte oder Schlafsäcke. Die Demonstranten richten sich auf die erste Nacht ein und arbeiten an einem Schichtsystem für die Protestaktion. Aktuell gibt es 25 Personen, die später in den Hungerstreik treten wollen. Sie hätten nichts mehr zu verlieren, heißt es.

Flüchtlinge Den Berichten der Demonstranten zufolge müssen die Zustände in anderen europäischen Ländern schlimm sein. "In Bulgarien wurde mir gesagt, dass es dort keine Unterkunft und nichts zu essen für mich gibt. Ich hätte unter freiem Himmel schlafen müssen", berichtet einer der Demonstranten. Ein Videofilm auf seinem Mobiltelefon zeigt syrische Flüchtlinge, die, zugedeckt mit Lumpen, wie Obdachlose am Straßenrand liegen. Über ähnliche Zustände berichten Kriegsflüchtlinge, die über Griechenland, Ungarn, Italien und Spanien eingereist sind. Die Unterkünfte in Deutschland dagegen seien gut.

Hohe Schutzquote für Syrer

Dem Bundesamt an der Huckarder Straße wollten die Demonstranten ein in englischer und deutscher Sprache verfasstes Protestschreiben übergeben. Ein Dolmetscher nahm das Papier an. Eine Reaktion von Mitarbeitern vor Ort gab es bislang nicht. Eine Antwort kam auf Anfrage unserer Redaktion von der BAMF-Zentrale aus Nürnberg. Pressesprecher Mehmet Ata sagte, dass das Bundesamt großes Verständnis für die Situation der Flüchtlinge habe. Ende 2014 gelte ein "beschleunigtes Verfahren" speziell für Syrer. Mit einem Reisepass sei die Einreise auch ohne Anhörung möglich. Ata: "Syrer haben eine hohe Schutzquote in Deutschland." Allerdings sei die Zahl der Asylanträge gerade aus Syrien sehr hoch.