Syrische Familie findet eine neue Heimat in Dortmund

Die Familie Refai ist aus iher Heimat Syrien geflüchtet und lebt nun in einer Erstausnahmeeinrichtung in Dortmund. Auch der 8jährige Ahmad und seine 13jährige Schwester Alia wohnen nun im Ruhrgebiet.
Die Familie Refai ist aus iher Heimat Syrien geflüchtet und lebt nun in einer Erstausnahmeeinrichtung in Dortmund. Auch der 8jährige Ahmad und seine 13jährige Schwester Alia wohnen nun im Ruhrgebiet.
Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Servi
Was wir bereits wissen
Die Familie Refai ist übers Meer aus Syrien nach Deutschland geflohen. Ein Jahr lang begleiten wir das Ehepaar und seine vier Kinder in Dortmund.

Dortmund.. Als Jusef ein Jahr alt wurde, war er mit seiner Familie bereits elf Mal umgezogen. An seinem Ehrentag bekam er keinen Geburtstagskuchen, und keine Kerze durfte für ein neues, hoffnungsvolles Lebensjahr scheinen. Als Jusef ein Jahr alt wurde, da hatte sich seine Familie längst auf eine Reise ins Ungewisse gemacht. Auf eine Reise, die nie wieder in der Heimat Homs in Syrien enden würde, sondern zwei Jahre später in Deutschland. Heute ist Jusef drei Jahre alt. Ein zarter, blonder Junge, der in der grau laminierten Dortmunder Flüchtlingsunterkunft mit ihren grauen Spinden verloren wirkt. Dass er über Pinocchios Scherze lauthals lacht, die gerade im Kinderkanal für harmlose Abwechslung sorgen, lässt seine Eltern hoffen. Sie hoffen, dass ihr Jüngster keine Erinnerungen an seine Heimat im Bürgerkrieg hat: ,,Die Kinder müssen alles vergessen.“

„Sie müssen vergessen“

„Sie müssen vergessen, damit sie ein neues Leben beginnen können“, sagt sein Vater Ammar Refai. Der 44-Jährige ist vor fünf Monaten zusammen mit seiner Frau Huda (37), seinen Töchtern Alia (13) und Lela (10) sowie seinen Söhnen Ahmad (8) und Jusef in Deutschland angekommen. Hier sehen sie ihre Zukunft. Doch die Vergangenheit wiegt schwer – und sie hat Spuren hinterlassen.

Spendenaktion Ahmad, der nicht versteht, was seine Eltern auf Englisch erzählen und ihre Lippenbewegungen mit großen Augen verfolgt, hat es am Oberschenkel erwischt und am Bauch. Es war ein Granatsplitter, der den damals Fünfjährigen verletzte. Ahmad hat den Tag, an dem er verletzt wurde und sein Vater ihm das Leben rettete, verdrängt. Seine Eltern erzählen ihm, er habe sich mit heißem Wasser verbrüht: ,,Er soll ruhig in dem Glauben bleiben. Warum soll er sich fürchten?“ Ammar und Huda haben nur ein Ziel: „Wie wollen, dass unsere Kinder es hier schaffen und stark werden.“ Sie selbst wollen das auch.

„Wir hatte ein gutes Leben“

So wie in Syrien. ,,Wir hatten ein gutes Leben“, erzählen sie. Ammar hat Medizin studiert, Huda war Apothekerin. Hier in Deutschland ist das erstmal nichts wert. Hier müssen sie kämpfen um ihren Status, hier müssen sie eine Wohnung finden, hier müssen sie ihre Kinder so schnell wie möglich auf deutsche Schulen schicken, damit sie nicht auf der Strecke bleiben.

In Homs waren sie wer, hier sind sie Bittsteller. Eine Familie unter Tausenden. ,,Go away – geh weg - come back in four weeks – komm in vier Wochen wieder“. Ammar ist aufgebracht, als er von seinem Erlebnis bei einer Dortmunder Behörde berichtet. „Ich wurde behandelt wie ein Niemand.“ Stolz kann man sich als Flüchtling nicht leisten. Das war einmal.

Lachende Menschen

Ammar und Huda Refai lebten in einer stattlichen Wohnung in Homs. Jedes der vier Kinder hatte ein eigenes Zimmer. Fotos, die sie auf ihrem Mobiltelefon gespeichert haben, zeigen lachende Menschen auf ausladenden Polstermöbeln vor Brokattapeten. Sie zeigen stolze Großeltern mit rausgeputzten Enkelkindern vor Wandteppichen in türkis und blau. Huda blättert weiter auf ihrem Handy – die Ruine der zerbombten, ausgebrannten Wohnung. Das Lächeln gefriert.

Bürgerdialog Nach Ausbruch der Revolution 2011 gegen das Assad-Regime, das selbst die eigene Bevölkerung mit Giftgas und Bomben tötet, hilft Ammar zunächst, wo er kann und operiert bei Straßengefechten verletzte Menschen. In der Not interessiert es niemanden, dass er sein Studium nicht abgeschlossen hat und ,,lediglich“ Medizintechnik verkauft. Ammar wird festgenommen, von Assads Leuten, wie er sagt. Im Gefängnis bricht man ihm seinen Arm und schlägt ihm Zähne aus dem Oberkiefer aus. Als er nach zehn Tagen zurückkommt, beschließen die Refais, Homs zu verlassen. „Wir dachten für ein, zwei Monate. Dann würde es bestimmt vorbei sein.“

Kriegskinder mir Bunkererfahrung

Doch der Krieg folgt ihnen nach Damaskus. Bomben, Raketenbeschüsse und rohe Gewalt bestimmen ihr Leben. Aus sorglosen Kindern sind längst Kriegskinder mit Bunkererfahrung geworden. In Damaskus erfahren sie, dass ihre Wohnung in Homs zerstört wurde und ausgebrannt ist: ,,Da war uns klar, dass wir Syrien verlassen müssen, um zu überleben.“ Auch der Rest der Familie verlässt die Heimat Richtung Jordanien und Saudi-Arabien. Der Abschied ist schmerzhaft. Mit dem Auto fahren die Refais nach Jordanien, später geht es weiter nach Ägypten. Alles, was sie noch besitzen, passt in eine Reisetasche. Das Ersparte – 40 000 US-Dollar – brauchen sie, um die Flucht zu bezahlen.

In Alexandria in Ägypten lebt die sechsköpfige Familie auf Abruf. In einem leeren Appartement soll sie sich bereit halten für die Flucht übers Meer. Wochenlang warten die Refais hier, bevor endlich das Telefon klingelt. Ammar, Huda, Alia, Ahmed, Lela und Jusef sollen auf ein Boot im Hafen gehen. Es ist ein rostiges Transportschiff ohne Dach. 420 Flüchtlinge sind auf dem Boden kauernd zusammengepfercht. Die Kinder müssen Windeln anlegen, Toiletten gibt es nicht. Strickjacken sind der einzige Schutz vor Wind und Wetter auf hoher See. Männer und Frauen werden getrennt, dann geht die Reise los.

Die Todesangstt reist mit

Die Todesangst, im Mittelmeer zu ertrinken, reist mit. Fünf Tage und Nächte wird das Schiff unterwegs. sein. Meistens ist es gespenstisch still, bis auf das Wimmern einiger Kinder. ,,Warum sind wir hier? Warum machen wir das?“, fragt Lela ihre Mutter immer wieder. Sie lässt sich nicht beruhigen. „Wir hatten keine Wahl. Es gab keinen anderen Ausweg“, sagt Huda. Ihr Gesicht ist grau, die Höllenfahrt ein Trauma.

Dann der Schock: Die Refais kommen nicht in Italien an, sondern auf Kreta in einem Flüchtlingscamp. Die teuer bezahlte Absprache ist nichts wert. In Griechenland müssen sie vier weitere Monate ausharren. Ammar gelingt es für viel Geld, falsche Pässe und Flugtickets nach Mailand zu besorgen. Zunächst fliegen der Vater, Ahmad und Alia. Huda folgt mit Jussef und Lela. In Mailand nehmen sie den Zug nach Düsseldorf. Am 1. August 2014 kommen sie in Dortmund in der zentralen Aufnahmeeinrichtung an und beantragen Asyl.

,,Jetzt fängt ein neues Leben an“, sagt Ammar. Familie Refai beginnt bei Null.