Zwölf-Stunden-Lauf ist Quälerei im Dienste der Wissenschaft

Michele Ufer bei einem Ultra-Lauf.
Michele Ufer bei einem Ultra-Lauf.
Foto: Honorarfrei
Was wir bereits wissen
Der Sportpsychologe Michele Ufer forscht zum Thema "Runner's High" und bittet im Februar zu einem besonderen Laufevent: einem Lauf über zwölf Stunden.

Dortmund/Schwerte.. Viele Läufer kennen dieses Gefühl, wenn sich Zeit und Raum irgendwie aufzulösen scheinen und Geist, Füße und Weg zu einer Einheit verschmelzen. Sie laufen einfach. Schmerzen schwinden, Gedanken kommen und gehen. Es ist ein tranceähnlicher Zustand. Mal dauert er sehr lange, mal ist es nur ein flüchtiger Augenblick. De Rede ist vom "Runner's High". Für andere Läufer wiederum ist dieses Gefühl nicht mehr als ein Gerücht. Für sie ist jeder Lauf Quälerei oder zumindest harte Arbeit - von Trance keine Spur.

Wie Läufer und andere Sportler das Runner's High erreichen können, daran forscht der Sportpsychologe Michele Ufer im Rahmen seiner Doktorarbeit. Allerdings meidet Ufer den Begriff "Runner's High" und verwendet stattdessen lieber den wissenschaftlicheren Terminus "Flow". Für seine Arbeit befragt der gebürtige Dortmunder mit Wohnsitz in Herdecke Sportler bei verschiedenen Laufveranstaltungen rund um den Globus. Bei mehrtägigen Etappenrennen lässt er die Teilnehmer Fragebögen ausfüllen und sammelt so Informationen über die Befindlichkeiten der Extremsportler. Dabei kann Ufer auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen, denn der 42-jährige ist selbst Ultraläufer und ist bereits bei Rennen auf der ganzen Welt ins Ziel gekommen.

Am 7. Februar wird Ufer allerdings nicht an irgendeinem entlegenen Winkel der Welt forschen, sondern im heimischen Wald. An der Stadtgrenze zwischen Dortmund und Schwerte lädt Michele Ufer Extremläufer zum "Hillymanjaro", einem Forschungslauf über zwölf Stunden. Wir sprachen mit Ufer über die Veranstaltung. Wer Interesse hat, kann sich auf Michele Ufers Internetseite über die Anmeldeformalitäten informieren.

Herr Ufer, was genau muss man sich unter dem Hillymanjaro vorstellen?

Michele Ufer: Der Hillymanjaro ist ein Zwölf-Stunden-Lauf, den ich veranstalte, um Daten für meine Dissertation zu erheben - ein richtiger Forschungslauf. Die Teilnehmer werden eingeladen, man muss mich also vorher davon überzeugen, dass man in der Lage ist, zwölf Stunden auf einem Trail zu laufen.

Was muss man als Bewerber mitbringen?

Marathon Ufer: Die größte Herausforderung ist, dass man in der Lage sein muss, während des Laufs einen sieben Kilo schweren Rucksack zu tragen. Und da kommt noch Wasser hinzu. Das verlange ich nicht aus Willkür, sondern weil ich einige der physischen Herausforderungen simulieren will, denen die Teilnehmer bei einem mehrtägigen Etappenlauf ausgesetzt sind. Bei solchen Läufen haben die Teilnehmer ihr gesamtes Equipment inklusive Nahrung beim Laufen auf dem Rücken. Alle zehn bis 15 Kilometer erhalten die Läufer Wasser von uns, können sich frisch machen und den Rest dann auf den Weg mitnhmen. Wie bei einem Wüstenlauf auch. Dort hat man auch alle 15 Kilometer einen Checkpoint, wo es nicht als ein Lächeln und eine Flasche Wasser gibt. Die Teilnehmer sollten in der Lage sein, innerhalb des Zeitfensters von 12 Stunden mindestens 70km zurückzulegen.

Wie ist die Strecke beim Hillymanjaro beschaffen?

Ufer: Es ist eine naturnahe Strecke, also ein Traillauf auf einem ungefähr dreieinhalb bis vier Kilometer langen und abwechslungsreichen Rundkurs. Der Höhenunterschied beträgt ungefähr 90 Meter pro Runde, das läppert sich über einen Zeitraum von zwölf Stunden natürlich ganz schön. Es gibt Passagen, wo man es bequem laufen lassen kann, aber auch solche, bei denen man schauen muss, wo man den Fuß aufsetzt. Das ist anders als bei einem Straßenlauf oder auf der Bahn. Die Konzentration und die Aufmerksamkeit der Läufer ist gefordert.

Und diese Strecke ist dann Ihr Labor - was genau untersuchen Sie denn dann dort?

Ufer: Ich untersuche, wie sich der Einsatz verschiedener mentaler Strategien und Aspekte der Sportlerpersönlichkeit auf das Flow-Erleben - im Volksmund Runner's High - und auf die Leistung und Zufriedenheit unter Extrembedingungen auswirken. "Extrem" heißt bei meinen aktuellen Studien: Ultramarathonläufe unter körperlich wie mental besonders herausfordernden Rahmenbedingungen, wie etwa bei großer Hitze in der Wüste, bei großer Kälte am winterlichen Polarkreis, hoher Luftfeuchtigkeit im Amazonas Regenwald, großer Höhe im Himalaya sowie bei schwieriger Orientierung und technisch anspruchsvoller Strecke.

Was genau ist denn der Flow aus wissenschaftlicher Sicht?

Ufer:Ganz ehrlich? Es gibt verschiedene Theorien, wobei die populäre Ansicht, dass während der sportlichen Aktivität Beta-Endorphin im Gehirn entsteht und zu euphorischen Gemütszuständen führt, als widerlegt gilt. Wahrscheinlicher ist, dass es zu einer Aktivierung des Endocanabinoid-Systems und zu einer Ressourcenverschiebung kommt. Dabei werden die Hirnareale, die für die Steuerung der motorischen Prozesse verantwortlich sind, stärker aktiviert, während der präfrontale Kortex, der für bewusste, kognitive Prozesse verantwortlich ist, heruntergefahren wird. Das könnte eine Erklärung sein, ist aber wahrscheinlich auch noch zu kurz gegriffen.

Laufblog Den Zustand als solchen kann man so beschreiben, dass man in seiner Tätigkeit aufgeht und alles leicht und locker von der Hand geht. Alles fließt, die Wahrnehmung der Zeit ändert sich, das Schmerzempfinden ist herabgesetzt.

Haben Sie dieses Gefühl regelmäßig bei Ihren Läufen?

Ufer: Unterschiedlich. Ich kann mich ganz gut in solche Zustände versetzen, aber nicht permanent. Für die Forschung möchte ich wissen, wovon das mit Blick auf eine größere, heterogene Probandengruppe abhängt und welche Paramater tatsächlich einen Einfluss haben.

Ist es nicht gefährlich, wenn der Geist bei so anspruchsvollen Läufen abschweift?

Ufer: Manche Experten äußern Bedenken, dass beim Flow-Erleben Teile des Hirns herunterfahren und die Urteilsfähigkeit schwindet. Ich kann das aus meiner Erfahrung und aus meiner Forschungsarbeit nicht bestätigen. Man ist ja beim Laufen nicht völlig abgespaced. Die Dinge laufen eher systematisch unbewußt ab, wie auf Autopilot sozusagen und diesen Autopiloten kann man natürlich auch gezielt programmieren. Außerdem ist es für viele Läufer auch hilfreich, während des Laufens gezielt an andere Dinge zu denken, Abschweifen mit System sozusagen.

Aus Extremsituationen für den Alltag lernen

Interview Lässt sich dieser Flow denn nur bei extremen Läufen erreichen? Ich habe beim Laufen schon hin und wieder das Gefühl, dass ich so etwas wie einen Flow verspüre.

Ufer: Auf jeden Fall. Flow kann man bei jeder Tätigkeit erleben, auch beim entspannten 30min Jogging, dem Lesen eines Buches, musizieren oder beim Spielen mit der Playstation, beim Lernen und so weiter. Es braucht nicht das Extreme für Flow. Meine Arbeit zielt darum auch gar nicht nur auf Extremläufer ab. Das lag aktuell einfach nahe, weil ich in der Szene auch privat drin stecke. Es sind aber Folgeprojekte angedacht, das Thema auf Bergsteiger, Naturforscher, professionelle Künstler, Musiker oder auch in den Bereich Führung und Management auszudehnen und da gibt es auch bereits Interesse. Das Forschungsprogramm zielt letztlich auf alle Bereiche, in denen Höchstleistung unter großem Druck oder sonstigen extremen Bedingungen abgerufen werden muss. Ich denke, wenn wir wissen, wie Flow-Erlebnisse unter Extrembedingungen entstehen, ist es leichter, sie auch unter alltäglichen Gegebenheiten zu erzeugen. Ich will aus der Arbeit Wissen ziehen, dass für den Alltag relevant ist.

Der Hillymanjaro ist nicht das einzige Event, bei dem Sie forschen. Wo waren Sie noch aktiv?

Ufer: Im Februar habe ich beim Ice Ultra in Schweden, einem Lauf über mehrere Etappen am Polarkreis, die ersten Daten erhoben. Dort habe ich als Läufer teilgenommen und nach den jeweiligen Etappen die Athleten befragt. Weitere Untersuchungen haben im Amazonas-Regenwald und etwa bei einem Lauf in der Kalahari stattgefunden.

Wie reagieren die Sportler auf die Fragen?

Laufblog Ufer: Unterschiedlich. Bei manchen ist ein bisschen Genöhle dabei, wenn ich während oder nach einem schweren Rennen noch mit meinen Fragen ankomme. Was aber verständlich ist, denn die Athleten gehen bei diesen Events ja auch körperlich und mental an ihr Limit. Meistens schlägt es dann aber schnell um, wenn die Läufer merken, dass meine Fragen sie selber zum Nachdenken anregen und sie dadurch eine neue Sicht auf ihre eigenen Leistungen erhalten. Andere sind von vorneherein ganz fleißig dabei und finden es klasse, dass sich jemand so intensiv mit dem Thema beschäftigt und auch die Athleten in der Form einbezieht.

Was berichten die Läufer denn?

Ufer: Das ist sehr unterschiedlich und hat auf die Idee zu einem neuen Buchprojekt gebracht. Nach unserem Lauf in der Kalahari habe ich mehrere Interviews geführt, die so spannend waren, dass sich sie auch anderen Leuten zugänglich machen möchte. Die Leute erleben innerhalb eines Tages die ganze Bandbreite. Es gab da einen Zweikampf um die Position der besten Frau. Eine der Läuferinnen klagte mal über Magenkrämpfe oder mentale Probleme, dann lief es wieder einwandfrei. Viele Leute bestätigen, dass die ersten 100 Kilometer der Körper läuft, danach der Kopf. Es gibt viel Zeit für negative Gedanken und Selbstsabotage. Wir hatten einen Teilnehmer, dem das komplette Gepäck abhanden gekommen war. Der war panisch. Das Teilnehmerfeld hat für ihn gesammelt und Klamotten aus den eigenen Beständen zusammengesucht, um den Mann an den Start zu bekommen. Der war den Tränen nah. So eine Herzlichkeit und so einen Teamdenken kannte er nicht von herkömmlichen Marathonläufen.