Vorsitzender führt AWO-Ortsverein nach eigenen Regeln

Rudi Geyer ist seit 30 Jahren der König im AWO-Ortsverein von Wellinghofen. Doch jetzt hat der heute 90-jährige Vorstandsvorsitzende die Revisoren der Arbeiterwohlfahrt an der Backe und die Fortsetzung einer Mitgliederversammlung vor sich, die ihn schon im März als Vorstand nicht entlasten wollte. Es geht um Ungereimtheiten in der Kassenführung.

Wellinghofen.. Er ist der König der AWO Wellinghofen: Der 90-jährige Rudi Geyer führt den Ortsverein seit 30 Jahren nach Gutsherrenart und versteht die Kritik der Revisoren und der Mitglieder nicht, die ihn als Vorstand schon im März nicht entlasten wollten.

Damals vernahmen rund 40 von 210 Ortsvereinsmitgliedern im ehemaligen Amtshaus in Wellinghofen staunend, was die Revisoren des Unterbezirks über Ungereimtheiten bei der Kassenführung vortrugen. Rein rechnerisch stimmte zwar alles, aber es fehlten unter anderem Belege über Einnahmen aus Kaffee, Kuchen, Musik und Fußpflege. Die Einnahmen aus Speisen und Getränken wurden nur einmal im Monat als Gesamtsumme festgehalten und nicht gegengezeichnet.

Auch gab es keine Vorstandsbeschlüsse für Ausgaben, etwa für die Investition in eine 500 Euro teure Musikanlage. Dafür legte Geyer Fantasie bei der Geldbeschaffung an den Tag, wenn es darum ging, der Stadt vertragswidrig Miete für ihre eigenen Räume abzuknüpfen.

Pfeffer aus der AWO-Küche

Für dieses Verhalten musste sich Rudi Geyer schon einiges im Unterbezirksvorstand anhören. Er müsse Verträge einhalten, das Belegwesen ordentlich führen und sich nach Vorstandsbeschlüssen richten. Ihm das einzutrichtern, hatten schon Mitglieder des achtköpfigen Ortsvereins-Vorstands vergeblich versucht und sich deshalb an den Unterbezirk gewandt. Und der schickte im vergangenen Oktober die Revisoren zur Buch- und Kassenprüfung los.

"Es gibt Kritik an Rudi, dass er autoritär ist", bestätigt Andreas Gora, Geschäftsführer des AWO-Unterbezirks. Auch wenn Gora sagt, "das ist grenzwertig, was Rudi tut", - dass Rudi Geld veruntreut, glaube im Ortsverein niemand.
Doch wenn er zu Hause mal keinen Pfeffer mehr habe, dann nehme er den aus der AWO-Küche oder gönne sich an seinem Geburtstag ein bis zwei Kaffeepakete mehr als die anderen Geburtstagskinder des Vorstands bekämen, heißt es aus seinem Umfeld.

Auch Braten von Aldi, die Geyer über den Ortsverein abgerechnet habe, seien nie in den Geschenktüten gelandet. "Da kann ich nur drüber lachen über so einen Scheiß", sagt Rudi Geyer, wenn man ihn danach fragt. "Wer das gesagt hat, hat gelogen."

"Geld hat nirgendwo gefehlt"

Die das sagen, bezeichnen ihn als altersstarrsinnig und dickköpfig. Er würde wahrscheinlich eher sagen, meinungsstabil: "Wir machen das schon 30 Jahre so. Ich habe das übernommen. Geld hat nirgendwo gefehlt." Früher habe man für die Einnahmen nie Belege gebraucht, verteidigt er sich, "das Vertrauen muss sein. Ich habe das Bundesverdienstkreuz und die Ehrenurkunde der AWO."

Das betont er stets, wenn Kritik an ihm laut wird. Oder er wird grob und wettert, wenn einer mal im Vorstand nachhakt: "Halt die Schnauze!" Und wenn es ganz dicke kommt, packt er einfach seine Sachen und geht. Auf Nachfrage sagt er: "Ich leite die Vorstandssitzungen selbst, und ich kann immer noch in den Spiegel gucken."
Einen Fehler räumt er allerdings ein: Dass er von der Stadt Miete verlangt habe für die Nutzung ihrer eigenen Räume. "Das ist wirklich ein bisschen ärgerlich."

Insgesamt 610 Euro musste der Ortsverein an die Stadt zurücküberweisen, rückwirkend für zwei Jahre, darunter 180 Euro für unberechtigte Miete für zwei VHS-Kurse ("Hatha Yoga" und "Politik in der Zeitung"). Ein neuer Kassenprüfer hatte die Verstöße gegen die Kassenführung und die Verträge mit der Stadt aufgedeckt.

Miete für die eigenen Räume gezahlt

Davor hatte Geyers Parteigenosse Peter Pfeifer, Vorstandsvorsitzender des SPD-Ortsvereins Wellinghofen, die Kasse geprüft. Und offensichtlich nicht so genau hingeguckt, bemängeln heute Vorstandsmitglieder. Wie sonst hätten die Ungereimtheiten solange unentdeckt bleiben können? Ihnen ist auch ein Rätsel, dass die Stadt nicht gemerkt hat, dass sie Miete für ihre eigenen Räume gezahlt hat. Aber das ist eine andere Geschichte.

Peter Pfeifer sollte eigentlich im März auch die Mitgliederversammlung leiten, zum Ärger einiger Vorstandsmitglieder, die als Filzstopper zwischen die örtliche Verflechtung von SPD und AWO grätschten. Filz regiere auch, wenn es um die Nutzung von Geyers Büro gehe, berichten Insider. Geyer behalte schon deshalb das Sagen beim AWO-Ortsverein, weil er in dem Büro auch Arbeiten für die SPD - er ist Ortsvereins-Vize - und die IG Metall erledige. Die entsprechenden Ordner stünden im Büroschrank. Geyer weist das zurück: "Die IG Metall hat ihre eigenen Büros." Einmal war er bereit, Ehrenvorsitzender zu werden, wollte aber das Büro behalten. Er ist Vorsitzender geblieben.

Angst um Gemeinnützigkeit des Vereins

Das will er nun auch weiter bleiben und - erst einmal als Vorstand entlastet - sich bei der Fortsetzung der Mitgliederversammlung am heutigen Montag (1. Juni) erneut wählen lassen. Schließlich kandidiere niemand anderes für das Amt. Und er sammle neuerdings auch Belege. Die muss er auch noch für die letzten zwei Jahre nachreichen. Deshalb wurde im März die Sitzung unterbrochen.

Sollte er im Amt bleiben, haben andere Vorstandsmitglieder bereits angekündigt, nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Sie fürchten auch um die Gemeinnützigkeit ihres Ortsvereins.