Vergangenheit holt Kaufland ein
03.08.2010 | 17:16 Uhr 2010-08-03T17:16:00+0200
Aplerbeck.Aplerbecks industrielle Vergangenheit holt die Firma Kaufland ein. Bei Grabungen für die Parkplatzumgestaltung hinter dem ehemaligen Karstadt/Hertie-Gebäude an der Köln-Berliner-Straße stießen die Arbeiter schon nach einem Meter Tiefe auf stabile Betonmauern – Reste von Absatzbecken des ehemaligen Drahtwalzwerkes der Aplerbecker Hütte. Aus den mit industriellem Wasser gefüllten steinernen Behältern wurde später ein Freibad.
Baustellenleiter Gilbert Malanda war zunächst ratlos, hatte Sorge, dass noch mehr ihm unbekannte Altlasten im Untergrund auftauchen könnten: „Bei den Bodenuntersuchungen haben wir vorher nichts gefunden“. Bis er nach einem Insidertipp auf den Heimatforscher Wolfgang Noczynski stieß. Und der machte gestern auf der Baustelle gleich ein ganzes Fass voll Erinnerungen auf.
Nach dem Gespräch können sich Malanda und sein Polier Markus Baer-Olschewski ein Bild machen von dem, was unter dem ehemaligen Karstadt/Hertie-Parkplatz schlummert. Denn der Heimatforscher brachte auch alte Fotos mit, auf denen zu sehen ist, was jetzt zutage kam. Dazu gehören unter anderem ein halbrundes Beckenteil und eine stattliche, schnurgerade Mauer parallel zum künftigen Kaufland-Haus. Auf mehr Altlasten werden die Arbeiter wohl nicht stoßen, vermutet Noczynski, der auf einem alten Luftbild von 1928 den Bereich zeigen kann. Und das, obwohl das Gelände eine wechselvolle Geschichte hinter sich hat. In den 1930er Jahren erwarb die FamilieHobein die Anlage der inzwischen stillgelegten Aplerbecker Hütte und baute sie in Eigenarbeit mit Spitzhacke und Schaufel zu einem Schwimmbad um. Dort tummelte sich bis zum Krieg die Jugend, auch Noczynski hat dort 1936 „zum Eintrittspreis von fünf Pfennigen“ schwimmen gelernt. Ab Oktober 1938 waren dort die „arischen“ Kinder unter sich:
Erst Löschteich, dann Müllabladeplatz
„Den Juden war das Betreten der Bäder verboten“, sagt Noczynski, der auch ein Buch über die jüdische Gemeinde in Aplerbeck geschrieben hat. Viele Juden aus dem Ort wurden damals von den Nazis in Konzentrationslagern umgebracht. Pflastersteine mit den eingravierten Namen der Ermordeten erinnern heute im Ortskern an das schreckliche Pogrom.
Im Krieg wurde das Bad zu einem Feuerlöschteich umfunktioniert, danach missbrauchten die umliegenden Betriebe das Gelände als Müllabladeplatz. Karosserieteile, Felgen und Reifen verschwanden im Löschbecken, und nicht nur dort, sondern auch auf dem angrenzenden Gelände: Diese Altlasten sorgten später unter anderem beim Bau des angrenzenden Aplerbecker Schulzentrums für Unruhe.
Solche „Überraschungen“ blieben dem Bauleiter bisher erspart. Noczynski geht davon aus, dass der Müll entsorgt wurde, als der Karstadt-Parkplatz entstand. Malanda ist erleichtert: „In spätestens drei Wochen sollen die Stahlbetonstützen für das Parkdeck in den Boden eingelassen werden und im Dezember will Kaufland eröffnen“, gibt er den engen Zeitplan an. Verzögerungen kann er da nicht brauchen. Über den Mauerstücken des ehemaligen Schwimmbades schwebt jetzt die Abrissbirne. 360 Parkplätze auf zwei Ebenen werden dort demnächst stehen. Malanda hat Glück gehabt. Ohne Noczynskis historisches Wissen und seine Bilder hätte sich der Bau wahrscheinlich verzögert.
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