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Nächste Haltestelle: Gute alte Zeit

17.08.2012 | 17:40 Uhr
Nächste Haltestelle: Gute alte Zeit
Blick ins Museum: Hier fährt die Straßenbahn rückwärts durch die Jahrzehnte. Foto: Pollkläsener

Hörde.   Als die U41 schlicht „die Eins“ war: In Hörde kann man eine Zeitreise auf Straßenbahngleisen unternehmen.

Wer tief in die Geschichte der Dortmunder Straßenbahn eingetaucht ist und anschließend die U41 Richtung Innenstadt besteigt, dem kommt dieser Zug mit den abgesessenen schwarz-roten Sitzbezügen, den verkratzten Haltestangen aus Plastik und der Anzeige, auf der die Buchstaben blind sind, wie der modernste Wagen der Welt vor.

Kein Vergleich zu den Modellen der 60er Jahre und erst Recht keiner zu den Straßenbahnen aus früheren Jahrhunderten, die noch von Pferden gezogen oder vom Dampf angetrieben wurden. Verglichen mit diesen Raritäten sieht selbst der älteste Wagen der DSW21 aus wie die Krone der technischen Schöpfung.

Denn in seiner Ausstellung „Bus und Bahn im Wandel der Zeit“ stößt der Historische Verein der Dortmunder Stadtwerke eine Tür zu einer Zeit auf, die längst vergangen ist, die jedoch zehn Meter unter der Schlanken Mathilde in Hörde für ein paar Stunden in der Woche wieder zum Leben erwacht. Fred Teppe (66) und Alfred Ahlers (77) führen Besucher durch die engen Räume der Ausstellung, vorbei an einem riesigen Andreaskreuz, vorbei an den Vitrinen mit selbstgebauten Modellen Dortmunder Straßenbahnen, vorbei an alten Uniformen, vergilbten Fahrkarten und abgewetzten Fahrplänen. Dort kann man an Kurbeln drehen, mit denen die Fahrer früher steuerten (Teppe: „Die verdienten ihr Geld mit links und im Handumdrehen“), oder an Leinen ziehen, mit denen die Schaffner die nächste Station angekündigten. Man kann auf Holzbänken sitzen oder sich an ledernen Laschen festhalten, während man die alten Schilder mit längst vergangenen Haltestellen bewundert.

Liebe zum Detail

„Es steckt sehr viel Liebe zum Detail in unserer Sammlung“, sagt Teppe, der die einzelnen Exponate gemeinsam mit anderen Vereinsmitgliedern mühsam zusammengetragen hat – aus Archiven, von Sammlern und Zeitzeugen. Einmal in der Woche und zusätzlich einmal im Monat öffnen sie die gelb-grüne Tür auf der ersten Ebene der U-Bahn-Haltestelle an der Schlanken Mathilde in Hörde für die, die nicht nur vorbeihasten, um die nächste Bahn zu erwischen, sondern für die, die einen Blick hinter die Kulissen werfen wollen. In eine Zeit, als noch vier Mitarbeiter auf einer Straßenbahn fuhren. Männer, die sich kannten und ihre Fahrgäste auch. In eine Zeit, in der eine Fahrt gerade einmal 90 Pfennige und damit trotzdem ein kleines Vermögen kostete. Und in eine Zeit, in der Bahnen in Dortmund nur oberirdisch fuhren. U-Bahnen? Fred Teppe winkt verächtlich ab. Klar, das geht schneller, aber man sieht doch nichts: „Wenn ich früher von der Arbeit mit der Straßenbahn nach Hause gefahren bin, war ich im Kopf fertig mit der Arbeit, sobald ich daheim war. Einfach, weil es unterwegs so viel zu sehen gab.“ Heute gebe es das kaum noch: „Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass ich unter der Erde bin, hätte er mich einen Maulwurf werden lassen.“

Straßenbahnen haben es Teppe und Alfred Ahlers angetan. Die Leidenschaft für die vielen verschiedenen Fahrzeuge lockte den ersten, die Arbeit als Fahrer und Schaffner auf einer Straßenbahn den anderen. Sie kommen ins Schwärmen, wenn sie auf alten Plänen zeigen, wo die ersten Straßenbahnen in Dortmund fuhren und sie lachen wie Lausbuben, wenn sie die dröhnende Straßenbahnglocke läuten. Beide geben gern Auskunft, ohne dabei belehrend zu wirken. Experten wie Laien kommen auf ihre Kosten – kostenlos.

Nur Zeit sollte man mitbringen: Das Stöbern zwischen den tausenden, oft wechselnden Exponaten weckt Erinnerungen. „Eine Straßenbahn steht ja nie für sich allein, sondern immer im Kontext einer Stadt“, sagt Fred Teppe. Auf jedem Foto gibt es ein Stück längst vergangenes Dortmund zu sehen: „Viele kommen auch, weil Stadtgeschichte hier erlebbar wird und sie sich an ihre Jugend oder Kindheit erinnern.“

30 Jahre Lebensdauer

Für Teppe und Ahlers sind Straßenbahnen nicht nur Beförderungsmittel aus Stahl und Glas, die auf Schienen ihre Runden drehen. Sie sind romantische Kutschen, Boten aus Tagen, als Dortmund noch richtiges Bier braute und der örtliche Ballverein noch in der Kampfbahn „Rote Erde“ spielte – und als solches auch ein „Kulturgut“, das es zu pflegen gelte: „Straßenbahnen haben eine sehr lange Lebensdauern, mindestens 30 Jahre“, sagt Fred Teppe. Die Wagen prägen so das Straßenbild einer ganzen Generation, auch wenn sie sich irgendwann dann doch verändern. Teppe und Ahlers sind Romantiker, keine Fortschrittsfeinde. Sie wissen, dass die alten Modelle nicht für immer über Dortmunds Gleise rollen können: „Die Zeit steht nicht still“, sagt Fred Teppe: „Wie eine Straßenbahn.“

INFO

Die Ausstellung ist jeden Mittwoch von 15 bis 17 Uhr ge­öffnet. Zudem können Interes­sierte auch am jeweils ersten Samstag des Monats zwischen
11 und 15 Uhr die Räume unter der U-Bahn-Haltestelle Hörde Bf, Eingang Schlanke Mathilde besuchen. Der Eintritt ist frei.

Von Janis Brinkmann



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