Flussregenpfeifer bremst Bagger auf Phoenix-West

Seit 1998 stehen die Hochöfen auf Phoenix-West in Hörde still. Mit dem Rückzug der Stahlindustrie hat sich die Natur ihr Terrain zurückerobert. Das Landesunternehmen "NRW Urban" will Flächen auf Phoenix-West verkaufen - doch nun machen ihm brütende Vögel einen Strich durch die Rechnung. Fragen und Antworten zu dem kuriosen Fall.

Hörde.. Was ist Phoenix-West?

Das 1998 stillgelegte Hochofenwerk ist seit dem Verfall der Stahlindustrie im Dortmunder Stadtteil Hörde zu einem Technologie-Standort entwickelt worden. Zwei alte Hochöfen, ein Gasometer und andere Werksgebäude sind noch erhalten. Die Europäische Union investierte viel Geld in das Projekt. Doch die Grundstücke verkaufen sich nur langsam.

Wo brüten Vögel und welche Folgen hat das?

An der Robert-Schumann-Straße möchte die Nordwest AG aus Hagen eine neue Zentrale für 330 Mitarbeiter bauen. Das Areal liegt im Westzipfel des Technologie-Standorts. Im Hintergrund rauscht der Verkehr über die Bundesstraße 54, das Dortmunder Westfalenstadion bildet die Kulisse. Genau dort brüten Flussregenpfeifer. Sie sind vom Aussterben bedroht und stehen in Europa unter Schutz.

Wer hat die Flussregenpfeifer entdeckt?

Der Dortmunder Tierfotograf Hermann Hirsch fotografierte die ersten Flussregenpfeifer im Jahr 2010 und informierte den Naturschutzbund über seine Entdeckung. Laut Dr. Hans-Dieter Otterbein von der Arbeitsgemeinschaft für Amphibien- und Reptilienschutz in Dortmund gehört der Flussregenpfeifer mit der Kreuzkröte zu den "Pionieren" auf Phoenix-West. Beide Tierarten sind selten, lieben das gleiche Schotterflächen-Milieu und sind ökologische Nachbarn.

Flussregenpfeifer brüten auf einem Baugrundstück - und jetzt?

Dorothee Scharping vom Naturschutzbund und der Naturbeobachter Günter Hennemann drängen auf einen Baustopp. Ihre Bitte: Die Nordwest AG soll den Baubeginn um etwa acht Wochen aufschieben, damit die drei Flussregenpfeifer-Paare in Ruhe ihre am Boden abgelegten Eier ausbrüten und später mit den dann geschlüpften Jungvögeln davonziehen können. Dorothee Scharping: "Wenn die Jungvögel geschlüpft sind, verschwinden die Flussregenpfeifer. Wohin, wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass sie wiederkommen. Denn sie sind sehr ortstreu."

Der Flussregenpfeifer: Wer ist das?

Ein seltener Vogel. Der Naturschutzbund (Nabu) ernannte ihn 1993 zum "Vogel des Jahres". Einst brütete der bis zu 40 Gramm leichte Vogel an Flussufern. Inzwischen hat er in der von Menschenhand veränderten Natur seine Nieschen gefunden: er bevorzugt Kies- und Schotterflächen. Auf dem Baugelände auf Phoenix-West haben die Paare ihre weißen Eier auf weiße Steinchen gelegt. Mit seinem sandbraunen Federkleid kann sich der Flussregenpfeifer auf dem erdigen Areal sehr gut tarnen. Ihn mit bloßem Auge zu entdecken ist kaum möglich. Vogel-Beobachter nutzen Ferngläser und können ihn mit geübtem Blick erspähen.

Wie viele Flussregenpfeifer sind gesehen worden, welche Zukunft haben sie?

Dorothee Scharping spricht von drei brütenden Paaren und einem Single. Sollte die Nordwest AG den Baustart verschieben, könnte versucht werden, die Tiere umzusiedeln. Wenn die Jungvögel flügge sind, ziehen die Flussregenpfeifer ohnehin weiter. Bei einer Rückkehr müssten sie sich ein andere geschottertes Areal suchen. Darin ist diese Art ohnehin kreativ.

Worauf sollten Spaziergänger achten?

Der Nabu bittet Spaziergänger - und vor allem Hundehalter - das Areal nicht zu betreten. Zu erkennen ist das Gelände zurzeit auch an dem rot-weißen Flatterband, das an dünnen Holzpfählen befestigt worden ist. "NRW Urban" will die Vögel damit "vergrämen", denn sie sollen das Areal verlassen. Damit die Nordwest AG dort bauen kann.

Ist ein Aufschub des Baustarts überhaupt möglich?

Seltene und unter Schutz stehende Vögel dürfen während der Brutzeit nicht gestört werden. Das regelt ein Gesetz. Das Umweltamt der Stadt Dortmund prüft, wie jetzt zu verfahren ist. NRW Urban und die Nordwest AG äußerten sich noch nicht. Da es sich nur um einen acht Wochen dauernden Zeitraum handelt, sollte eine Verzögerung zu verkraften sein.