Auf der Suche nach den jüdischen Wurzeln
03.02.2012 | 16:37 Uhr 2012-02-03T16:37:00+0100
Aplerbeck.Wenn Leah Moss ihre Mutter nach der Vergangenheit fragte, stieß sie immer auf eine Wand des Schweigens. Edith Golding, geborene Meyers, geschiedene Houben, reichte es, dass sie als Jüdin überlebt hatte, damals in den Konzentrationslagern Westerborg (Holland), Theresienstadt und Auschwitz.
„Niemals wollte sie erzählen, was ihr passiert war in Deutschland oder Holland“, sagt ihre Tochter, der nur ein paar Fotos geblieben sind. Noch nicht einmal ihren Geburtsort gab sie preis. Erst 2004, 14 Jahre nach dem Tod ihrer Mutter, erfuhr Lea Moss beim Niederländischen Roten Kreuz, dass Edith Golding 1911 in Aplerbeck geboren worden war.
Auch die Großeltern, die Tante und der Onkel schwiegen. Die jüdische Familie Meyers floh im Dritten Reich vor ihren Häschern aus Aplerbeck nach Jakarta (Indonesien). Doch auch mehrere tausend Kilometer von Deutschland entfernt war sie vor dem Zugriff der braunen Machthaber nicht sicher. Sie kamen in ein Lager, der mit den Deutschen verbündeten Japaner. Beate Meyers, die jüngste Schwester der Mutter, wurde dort schlimm gefoltert. Sie blieb bis zum Lebensende gelähmt. Mit Leahs Großmutter Hulda reiste sie nach dem Krieg nach Amsterdam. Der Rest der Familie wanderte nach Amerika aus.
Mehr gab die Familienchronik nicht her. Bis ihr belgischer Freund Willem Verbist im Oktober letzten Jahres auf einen Artikel in der Stadtteil-Zeitung über Stolpersteine in Aplerbeck stieß. Redakteurin Susanne Meyer stellte den Kontakt zum Heimatforscher Wolfgang Noczynski her, der ein Buch über die jüdische Gemeinde im Amt Aplerbeck 1815-1945 geschrieben hatte. „Jetzt fängt der letzte Teil meiner Geschichte an“, jubelte Leah Moss, die plötzlich ganz viele neue Fakten in den Händen hielt. Beim Stadtarchiv in Dortmund stieß die 58-Jährige jetzt auf weitere Spuren: „Jetzt weiß ich, dass ich auch einen Halbbruder hatte“. Rolf Houben, geboren am 29. Mai 1930 , starb aber schon 1991.
Und Noczynski hatte die Familie Meyers gekannt. In seinem Buch erzählt er von Leahs Großvater Bernhard Meyers, der sich im Jahr 1914 mit einem Textilgeschäft auf der (heutigen Köln-Berliner Straße 24 selbstständig gemacht hatte. Bernhard Meyers war unter anderem Mitglied im ASC 09. Seine Tochter Edith heiratete am 13. Mai 1932 Heinrich Houben jr., dessen Familie die Ziegelei an der Ringofenstraße besaß.
Der Heimatforscher fand heraus, dass sich das junge Paar am 21. November 1935 scheiden lassen musste. Das schrieben die Nürnberger Gesetze damals vor: Eheschließungen zwischen „Ariern“ und Juden waren streng verboten.
Vor Edith Houben lag ein langer Leidensweg, der erst mit der Befreiung von Auschwitz am 27. Februar 1945 endete. Später fand sie ihr Glück in England mit dem aus Russland stammenden Juden Jessel Golding. Die gemeinsame Tochter Leah wurde am 30. Juli 1954 geboren. Als Jessel im Jahr 1985 starb, wollte auch die Witwe nicht mehr leben. Zumal die Erinnerungen an die schrecklichen Erlebnisse in den Konzentrationslagern sie nicht losließen, vermutet die Tochter. Edith Golding, geborene Meyers, beging 1990 Selbstmord.
Leah Moss, die heute bei Manchester in England lebt, kommt mit ihrem Lebenspartner Zeb und ihrem Freund Willem Verbist im März nach Dortmund, um die Orte zu besuchen, an denen ihre Familie einst zuhause war. Und um vielleicht von Zeitzeugen noch mehr zu erfahren: „Falls jemand dieses liest und uns helfen kann, würden wir uns schrecklich freuen, wenn er sich meldet“.
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