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74-Jährige trägt jetzt Doktorhut

04.01.2013 | 16:11 Uhr
74-Jährige trägt jetzt Doktorhut
Gisa Zigan hat in Münster promoviert.

Wichlinghofen.   Nach vielen Wendungen des Lebens hat Gisa M. Zigan an der Uni ihrer jungen Jahre, in Münster, promoviert. Mit 74 Jahren.

Vor 55 Jahren hat sie ihr Studium in Münster aufgenommen. Damals war sie 19. Jetzt, mit 74 Jahren, hat Gisa M. Zigan an der Uni ihrer jungen Jahre promoviert. Ein langes, gelebtes Leben liegt dazwischen. Das einer Studentin, Lehrerin, Mutter, Schriftstellerin.

Sie kann das so schön flapsig sagen, wenn Bekannte sie fragen: „Warum promoviert jemand in diesem Alter?“ „Ich kann keine Socken stricken“, antwortet Frau Dr. phil. Gisa M. Zigan dann, „ich kann nicht Bridge spielen. Was soll ich da einfach in Wichlinghofen sitzen?“ Und dann fügt sie hinzu: „Außerdem: Es macht Spaß zu studieren.“

Die Universität ihrer jungen Jahre, die in Münster, hat sie einst mit dem Staatsexamen verlassen. An die Promotion war damals nicht zu denken. Das ließen die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht zu. Und überhaupt: Der Vater sah das als keineswegs notwendig für eine junge Frau an. Die heirate ja doch.

Lehrerin, Hausfrau, Mutter

Als Lehrerin arbeitete Gisa M. Zigan später unter anderem am Goethe-Gymnasium in Hörde. Als ihre beiden Kinder zur Welt kamen, nahm ihr Leben eine Wendung, wie sie damals typisch war. Familie und Beruf ließen sich nicht dauerhaft kombinieren. Statt Wissensdurst wurden die Kinder gestillt. Der Abschied aus dem Beruf folgte.

INFO
Kolumnen und Kriminalromane

Gisa M. Zigan hat als Schriftstellerin zahlreiche Romane veröffentlicht. Zuletzt erschien in Neuauflage der Sylt-Krimi „Spiel nicht mit dem Wassermann“(Pomaska-Brand-Verlag).

Für die Westfälische Rundschau schrieb Zigan viele Jahre lang Kolumnen.

Über das Leben der Frauen im 20. Jahrhundert hat die Dortmunderin geforscht, seit sie nach einer schweren Erkrankung 2008 wieder mit dem Studieren begonnen hat. Ihre Doktorarbeit im Fach Kommunikationswissenschaften heißt „Frauen ante portas. Die Darstellung und Präsenz der weiblichen Studierenden der Universität Münster im Semesterspiegel 1954 bis 2009.“ Es habe lange gedauert, schildert Zigan, bis Studentinnen nicht nur als Lustobjekt und Tanzdame, sondern als Kommilitoninnen wahrgenommen wurden. 1969 hätten sie in Münster das Ruder in die Hand genommen. Die Redaktion der Studierendenzeitung „Semesterspiegel“ wurde von ihnen besetzt, mit männlichen Klischees wurde aufgeräumt und abgerechnet. Diese Zeit an der Universität, die aufkommende Frauenbewegung, hat Gisa M. Zigan nicht mehr bewusst erlebt. „Ich war ja Hausfrau und Mutter“, sagt sie, „ich hab’ ja vieles gar nicht so mitbekommen.“

„Nur zwei Buchstaben mehr“

Ist die Doktorarbeit also auch eine Kompensation von nicht gelebtem Leben? Das mag die frische Frau Dr. phil. so nicht sehen. Eine ernsthafte wissenschaftliche Arbeit habe sie immer schreiben wollen. Aber der Doktortitel an sich bedeute ihr nicht viel. Sie sagt’s wieder flapsig: „Das sind nur zwei Buchstaben mehr, die mein Mann später auf meinen Grabstein setzen lassen muss.“ Die Erkenntnis allerdings, dass sie anderen Mut machen könnte, die ist durchaus im Kopf. Vielleicht anderen Frauen ihrer Generation? Die jetzt, im Alter, noch einmal durchstarten können? Das 20. Jahrhundert sei ja schon eines gewesen, „das die Frauen eingeengt hat“, sagt Zigan. Und schiebt nach: „Dass es sie unglücklich gemacht hat, will ich gar nicht behaupten.“

Und nun?

Die Arbeit muss noch gedruckt werden. Eine Fete muss noch gefeiert werden. Aber nicht in Dortmund. Sondern unter den Kommilitoninnen und Kommilitonen in einer Studentenkneipe in Münster.

Von Jürgen Potthoff

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