Streit um Leinenpflicht für Hunde geht auch nach Gerichtsurteil weiter

Hund trifft Frau mit Kinderwagen: Berner Sennenhund Anubis allerdings ist total gelassen. Foto: Ralf Rottmann
Hund trifft Frau mit Kinderwagen: Berner Sennenhund Anubis allerdings ist total gelassen. Foto: Ralf Rottmann
Foto: Ralf Rottmann
Nach einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster dürfen Städte in Wäldern keine Leinenpflicht für Hunde aussprechen. Eine Entscheidung, die nicht nur auf Freude trifft. Denn eine einheitliche Regelung fehlt weiterhin - das fördert den Streit zwischen Hundehaltern, Joggern, Spaziergängern und Jägern.

Dortmund.. Eigentlich hat Stefanie Podgornik keine Angst vor Hunden, ist ihnen auch nie ausgewichen, wenn sie ihnen begegnet ist. Aber seit ihre Tochter auf der Welt ist, seit sie die acht Monate alte Lilli im Buggy vor sich herschiebt, hat sie ein mulmiges Gefühl, wenn sie in der Bittermark in Dortmund spazieren geht: vor allem dann, wenn die Hunde frei herumlaufen, nicht auf ihre Besitzer hören und auf den Kinderwagen zusteuern.

Erst neulich ist ihr das wieder passiert: Da raste in dem Wald ein Hund ohne Halsband und Leine zielgerichtet auf das Mädchen im Wagen zu. Gleich dreimal musste sie sich mit dem Buggy im Kreis drehen, einmal gar das Bein dazwischenhalten, damit der Hund dem Kind nicht zu nahe kam. Erst danach machte sich der Besitzer auf den Weg, um seinen Hund zu sich zu holen.

Städte und Gemeinden können keinen Leinenzwang für Hunde erlassen

„Sie hätten sich ruhig entschuldigen können“, sagte die 37-jährige Ärztin daraufhin zu dem Mann, worauf sie die Antwort erhalten habe: „Passen Sie auf, was Sie sagen. Sie haben schließlich meinen Hund getreten.“

Related content Kein Einzelfall: Wenn Hundebesitzer und Nicht-Hundebesitzer aufeinander treffen, wenn Eltern Angst haben und Kinder in Hundehaufen treten, wenn Vierbeiner nicht hören und ihre Herrchen und Frauchen auch noch unfreundlich reagieren, oder wenn Mütter panisch ihre Kinder auf den Arm nehmen, wenn ihnen ein Hund entgegengetrottet kommt, liegen die Nerven auf beiden Seiten blank.

Auf umso mehr Aufmerksamkeit stieß daher jetzt ein Urteil des Oberverwaltungsgerichtes Münster: Städte und Gemeinden können demnach auf Waldwegen in Nordrhein-Westfalen keinen Leinenzwang für Hunde erlassen. Dem Urteil zufolge dürfen die Hunde frei laufen, solange sie den Weg nicht verlassen. Ausnahmen gelten nur in Naturschutzgebieten und auf ausdrückliche Anordnung der Forstbehörden des Landes, etwa in ausgewiesenen Erholungsgebieten.

Hintergrund: Eine Hundebesitzerin hatte gegen die Stadt Hilden geklagt und schließlich gewonnen. Die Stadt sei für ein Verbot nicht zuständig, entschied das Gericht. Das Landesforstgesetz sieht nur abseits der Wege eine Leinenpflicht vor. Ein Urteil, das Konsequenzen hat, die Gemüter erhitzt und die Geister scheidet. Ein Überblick:

Das sagt das Gericht zum Leinenzwang

Dr. Ulrich Lau, Sprecher am Oberverwaltungsgericht Münster:

„Die Resonanz auf das Urteil hat uns schon überrascht. Eigentlich ging es nur um ein Zuständigkeitsproblem. Denn die Gemeinde hatte eine Zuständigkeit wahrgenommen, die aber die Forstbehörden haben. Dabei ist das Ergebnis völlig unpraktisch. Im Stadtwald sollte eigentlich eine allgemeine Anleinpflicht gelten, das wäre vernünftig. Jogger, Spaziergänger oder Radfahrer, wollen doch vom Erholungswert des Waldes profitieren. Aber das ist eingeschränkt, wenn die Köter von links nach rechts rumlaufen. Ich denke, das Bedürfnis nach Erholung besteht und die Leute fühlen sich einfach gestört durch die Hunde, die frei herumlaufen. Aber dann heißt es ja immer, der will nur spielen. Klar ist es für die Hunde schön, wenn sie frei laufen können - aber da gibt es auch andere Möglichkeiten.

Viele haben jedoch falsch unser Urteil falsch verstanden. Wir haben ja in der Sache gar nichts entschieden, sondern es ging nur um Zuständigkeiten. Und die Folge daraus ist, dass ein Teil der ordnungsbehördlichen Verordnung der Stadt Hilden mangels Zuständigkeit rechtswidrig war und die Forstbehörde zuständig ist. Aber ich bin sicher, dass es da bald irgendwelche Musterregelungen geben wird.“

Das sagt die Behörde zum Leinenzwang

Christoph Grüner, Sprecher vom Landesbetrieb Wald und Holz NRW.

„Immer, wenn es um den Wald geht, gilt erstmal das Landesforstgesetz. Es regelt, dass Hunde, wenn sie sich im Waldbestand bewegen, abseits der Wege angeleint werden müssen. Auf den Wegen können sie sich frei bewegen, sofern sie sich im Einwirkungsbereich ihres Herrchens oder Frauchens bewegen. Da gibt es keine genau Meter-Angabe, aber sie sollten schon im Sichtbereich unterwegs sein.

Der Fall aus Hilden ist kein Präzedenzfall, weil es für die meisten Waldflächen in NRW schon Regelungen gibt. Wir warten aber noch auf die Urteilsbegründung, dann prüfen die Juristen bei uns noch mal, was das genau drin steht und ob es mit den Landesforstgesetz übereinstimmt. Die Stadt Hilden hatte sich darauf berufen, dass es sich bei dem Gelände um einen Erholungswald handelt - das geht aber nicht so leicht.

Der Druck im Wald ist natürlich besonders groß, da gibt es ganz viele Gruppen: Familien, Jogger, Radfahrer, aber auch Hundebesitzer, und irgendwie muss man einen Interessensausgleich herstellen, so dass alle den Wald nutzen können.

Manche Wälder sind so wertvoll, dass sie als Naturschutzgebiet ausgewiesen sind, und dann gilt meistens auch eine Anleinpflicht.

Aber was wir uns wünschen, ist, dass die einzelnen Interessengruppen untereinander mehr merken. Wenn eine Familie mit Kinderwagen unterwegs ist, dann ist der freilaufende Schäferhund nicht ganz so geschickt, dann muss ich als Hundebesitzer auch sagen, den leine ich jetzt an. Aber dazu gehört auch, dass ich als Radfahrer nicht mit überhöhter Geschwindigkeit angerast komme, wenn eine ältere Dame mit ihrem Dackel unterwegs ist.

Das sagen die Jäger zum Leinenzwang

Gregor Klar, Referatsleiter für Naturschutz und Weiterbildung beim Landesjagdverband:

„Es wäre wünschenswerter, wenn wir in NRW eine analoge Regelung hätten, so wie in Niedersachsen. Da gilt ein genereller Leinenzwang während der Brut- und Setzzeit.

Entscheidend ist heute, dass so viel Druck auf den Wald stattfindet, dass viele Erholungssuchende in den Wald gehen und die Beunruhigung für das Wild immer größer wird. Wenn man einen Hund dabei hat, der gut ausgebildet ist oder eine Hundeschule besucht hat, dann gibt es normalerweise keine Schwierigkeiten, weil man ihn schnell zurückpfeifen oder an die Leine bekommen kann. Das Problem ist, dass die Anzahl der Hunde größer geworden ist, dass sich immer mehr Menschen einen Hund zulegen und diese nicht ausgebildet sind.

Ich fände es gut, wenn man versuchen würde, den Erholungsdruck zu kanalisieren, um Konflikten aus dem Weg zu gehen - wie bei Reitern, die nur die Reitwege benutzen dürfen. Die Kommungen können einen Leinenzwang vorschreiben und so genannte Auslaufflächen zu schaffen. Das ist gut, denn die Tiere brauchen auch ihren Auslauf. Ansonsten gilt, dass man aufeinander Rücksicht nehmen muss.“

Das sagt die Tierverhaltenstherapeutin zum Leinenzwang

Tierärztin Dr. Barbara Seibert aus Lünen:

„Man kann davon ausgehen, dass Hunde von Wölfen abstammen und ohne weiteres 40 bis 60 Kilometer am Tag laufen können, das heißt: Hunde brauchen Bewegung. Das ist natürlich auch abhängig von der Rasse: Eine amerikanische Bulldogge oder ein Mops haben ein sehr viel geringeres Laufbedürfnis als ein Jagdhund, ein Münsterländer oder Schäferhund. Diese Hunde sind darauf gezüchtet, große Strecken zurückzulegen - wie alle Arbeits- und Hütehunde.

Die Tierschutzrelevanz setzt dann ein, wenn du einen Hund hast, der eigentlich laufen muss, und der nur an der Leine geführt wird. Wobei es selbstverständlich ist, dass ein Hund, der frei läuft, nicht jagen darf. Aber wenn er gut im Gehorsam steht, ist es die einzige artgerecht Möglichkeit, dass er frei laufen darf. Natürlich setzt das voraus, dass eine entsprechende Erziehung vorausgegangen ist, dass er schon im Welpenalter darauf trainiert wird, zurückzukommen. Er darf einfach keine Gefährdung für andere darstellen: nicht für das Wild, nicht für den Verkehr und nicht für andere Menschen. Das ist die Voraussetzung – aber das Freilaufen für den Hund ist quasi lebenswichtig.

Gesellschaftshunde wie Möpse oder Pekinesen haben an einer Flex-Line ausreichend Freilauf. Sie neigen aber auch viel weniger zum Wildern, so dass man sie meistens guten Gewissens frei laufen lassen kann.

Und man muss bedenken, dass das Angeleintsein Auswirkungen auf das Sozialverhalten hat, weil ein Hund in seinen Ausdrucksmöglichkeiten natürlich eingeschränkt ist. Ganz anders als ein Hund, der frei ist, der bei einer Begegnung anders reagieren kann, große Bögen gehen oder Unterwerfungsgesten zeigen kann. Ein Hund, der an der Leine ist, hat einen sehr begrenzten Radius und keine Möglichkeiten, Beschwichtigungsverhalten zu zeigen. Das ist der Grund, warum viele an der Leine viel aggressiver reagieren, als wenn sie frei laufen.“

Das sagen Jogger und Walker zum Leinenzwang

Jana Köhler (32), Polizistin: „Ein paarmal bin ich schon fast umgerannt worden. Angst hab ich nicht, aber ich bin genervt. Vor allem, wenn ich die Leute anspreche, dass sie ihre Hunde doch wohl anleinen sollten, und sie dann noch ganz ungehalten darauf reagieren.“

Related content Christiane Peltner (53), Yoga-Lehrerin aus Unna: „Das Walken ist für mich die optimale Ergänzung zum Yoga, dann freue ich mich, in der Natur zu sein. Und ich möchte entspannt laufen. Das geht aber nicht, wenn die Leute ihre Hunde frei laufen lassen und die mir entgegenkommen. Auch wenn sie rufen ‘Der will nur spielen’, habe ich irgendwie ein ungutes Gefühl. Ich empfinde es als absolut achtlos und auch unsozial den Läufern gegenüber, wenn die Besitzer ihre Hunde nicht festhalten. Oder wenn diese einfach nicht hören oder mich sogar anspringen. Das ärgert mich total. Hunde müssen erzogen sein, ganz egal, ob sie groß oder klein sind. Aber bei vielen Hundebesitzern ist das einfach nicht in ihrem Bewusstsein.“

Das sagen die Hundebesitzer zum Leinenzwang

Jörg Latuske (74), Rentner, ist Jäger, seine Weimaraner-Hündin Cassy so gut erzogen, dass er sie problemlos ohne Leine laufen lassen kann. „Meine Hündin ist sechs und frei aufgewachsen, die kennt hier jeden Baum. Sie hat noch nie gebissen. Ich habe noch einen Jagdterrier, der kann auch frei laufen. Hunde müssen frei laufen können, damit sie Sozialverhalten lernen. So wie Radfahrer und Spaziergänger auch.“ Related content

Judith Wagner (47), Krankengymnastin, mit Mischlingshund aus Sardinien. Ich habe meinen Hund im Griff, wenn er weglaufen und Rehe jagen will, dann gibt es per Fernbedienung zu seinem Halsband einen Sprühstoß mit einem unangenehmen Geruch, dann bleibt er sofort stehen.“

Stefan Hoffmann (44), Sportmoderator, lässt seinen Berner Sennenhund Anubis in der Bittermark in Dortmund frei laufen. Der 58 Kilogramm schwere Rüde ist ein ausgebildeter Rettungshund. „Hier laufen fast alle Hunde frei rum, und das ist auch gut so.

Anubis würde immer bei mir bleiben, der schnüffelt hier seinen Turn durch. Aber ich lege auch Wert darauf, dass die Leute nicht geängstigt werden. Auf allen Seiten gibt es Härtefälle, das ist schwierig. Aber ich habe einen Riesen-Schiss, dass es immer mehr Vorfälle gibt und irgendwann der Leinenzwang kommt.“