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Straßenfußball als Mutmacher für Nordstadt-Kinder

03.08.2010 | 17:48 Uhr
Straßenfußball als Mutmacher für Nordstadt-Kinder
Multikultureller Straßenfußball: Hier eine Szene aus dem Finale des WM-Supercups der Nordstadtliga. Fotos: Helmuth Vossgraff/WAZ FotoPool

Dortmund. Wenn es stimmt, dass die Wahrheit auf’m Platz liegt, dann liegt auf diesem Platz die ungeschminkte Wahrheit: Klein ist das Feld, staubig wie ‘ne Wüste und für jeden Ball der Härtefall. Der Sportplatz Burgholzstraße ist das Gegenteil von gepflegtem Rasen. Hier mögen sie es bodenständig; hier spielen Straßenfußballer; hier kickt die Nordstadtliga.

Sie heißen „Borsigplayer”. „Italy Gangster” oder „145 Nordstadt”. 145, das sind die letzten drei Ziffern der örtlichen Postleitzahl. 145 gilt in Dortmund nicht gerade als feine Adresse. Nordstadt halt. Im Süden wohnen die mit dem gepflegten Rasen. „Die Nordstadt ist ein Schmelztiegel”, sagt Mohammed El Yakoubi, einer der Organisatoren der Straßenfußball-Liga. Er meint das durchaus freundlich. „So bunt ist es nirgendwo sonst in Dortmund.”

Die "Borsigplayer" mit ihren Pokalen.

Die „Borsigplayer” sind auch so eine bunte Truppe. Sie heißen Talip, Oktay, Abdul, Mouhamed, Mervan, Ahmet und Bastian. Bastian fällt ein bisschen auf mit seinen blonden Haaren, aber es geht ja hier nicht um Frisuren, sondern um Fußball. „Bei uns spielen Türken und Kurden und Deutsche zusammen. Der Bastian gehört dazu, er ist für die anderen wie ein Bruder”, erklärt Zeineb. Die 23-Jährige trainiert die „Borsigplayer”. Früher hat Zeineb im Jugendtreff „Keck” Hip-Hop- und Bauchtanz-Kurse organisiert. Heute lässt sie Jungs und Mädchen auf dem Aschenplatz tanzen.

Auf die Nordstadt lässt Zeineb nichts kommen. „Mal geht’s bergauf, dann wieder bergab, aber eines ist klar: Hier bist du nie alleine. Wenn dir einer was will, dann findest du immer einen, der dir hilft. Im Süden kannst du darauf lange warten”, meint sie.

Fußball bringt
Ordnung ins Leben

„Ghetto” ist das erste Wort, das ihrem Stürmer Talip zur Nordstadt einfällt. Der 12-Jährige sagt, dass es hier wichtig sei, zu einer Gruppe zu gehören, dass es aber gar nicht leicht sei, in eine reinzukommen. Seine Kumpel sind die „Borsigplayer”, und das ist keine schlechte Wahl. Denn Talip, Oktay und die anderen berichten von Gruppen im Stadtteil, die mit Sport nichts am Hut haben. Von Typen, die rauchen und überhaupt „viel Scheiße bauen”.

"Borsigplayer" Oktay mit seinem Pokal.

„Keine Drogen, kein Bier”, das ist einer der Grundsätze in der Nordstadtliga. Der Fußball bringt Ordnung ins Leben der 10- bis 18-Jährigen. „Auf dem Platz gibt’s wenig Streit und böse Worte”, weiß Erwin Fischer, der die Dortmunder Straßenfußball-Liga vor neun Jahren aufbaute und bis heute betreut. „Die Kinder”, sagt Fischer, „rufen geradezu nach Struktur und Disziplin. Außerdem sprechen in dieser Liga alle deutsch: die Türken, Kurden, Vietnamesen, Afrikaner.”

Straßenfußball ist offenbar nichts für Weicheier. Die „Borsigplayer” kicken unter erschwerten Bedingungen: Es ist so heiß, dass die Zuschauer schon im Schatten leiden. Zwei mal 25 Minuten dauert die Begegnung mit der Gästemannschaft aus Bochum. Keiner schreit nach einem Schluck aus der Pulle, die Sieben vom Borsigplatz ziehen ihr Spiel durch. Oktay wird gefoult, rutscht über die rote Asche, klopft sich die Beine sauber und rennt weiter.

Probleme lösen sie
durch Händeschütteln

„80 Prozent der Spieler halten die Regeln ein”. versichert Erwin Fischer. Im sogenannten Liga-Rat entscheiden die Jugendlichen selbst, wie schlechtes Verhalten sanktioniert wird. Fischer: „Ich erinnere mich an eine Ligarats-Sitzung mit 80 Zuschauern. Es ging um eine Schubserei auf dem Platz, und die Jungs haben diese Sitzung moderiert, zwei Stunden lang. Am Ende hat man sich die Hände gegeben, und die Sache war erledigt. Wenn du das siehst, bist du stolz auf diese Spieler.”

Für die Nordstadtliga zählt jeder Cent. 1,25 Euro stehen pro Spieler und Monat zur Verfügung, zwischen 8000 und 10 000 Euro liegt der Jahresetat. Zuweilen träumen die Dortmunder von Münchner Verhältnissen. „Bunt kickt gut” heißt das bayrische Pendant zur Nordstadtliga. Rund 500 000 Euro hat das dortige Straßenfußball-Projekt pro Spielzeit in der Schatulle, weil neben der Kommune auch lokale Unternehmen die jungen Fußballer sponsern. „Wir in Dortmund haben eigentlich null Planungssicherheit”, gibt Mohammed El Yakoubi zu.

Andererseits: Geld schießt bekanntlich keine Tore, und die Wahrheit liegt auf’m Platz: Mit 16:1 schicken die „Borsigplayer” ihre Gäste im „WM-Supercup-Finale” zurück nach Bochum. Zwei Pokale gibt’s dafür, einen für den Sieg und einen für die Fairness.

Matthias Korfmann

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Kommentare
05.08.2010
13:41
Straßenfußball als Mutmacher für Nordstadt-Kinder
von spurter | #19

Super - Projekt ....Kann gar nicht verstehen, das die Stadt Dortmund den Wert dieser Maßnahme nicht erkennt und HIER mal ein paar Euro investiert ..
Was ist denn die ALternative ?
Drogen ? Alkohol ?
Über INTEGRATION kann man sich , wie immer , streiten .... da wurden schon ganze Hörsäle gefüllt : 1000 Leute - 1000 Meinungen.

In diesem Projekt geht es m.E. nach um RESPEKT und ANERKENNUNG allgemein .. Wenn nicht in solch innovative Arbeit investiert wird - wo denn dann ??

05.08.2010
09:07
Straßenfußball als Mutmacher für Nordstadt-Kinder
von TagesmutterDo | #18

Das ist ja mal was richtig Positives!
Die haben mehr Geld verdient, da sind die Bayern echt besser drauf...
...und wenn hier ständig von Bildung gesprochen wird,
so kann ich nur sagen:
BEWEGUNG MACHT SCHLAU!!!
Schade, dass ich nicht zugeguckt habe...
Meinen Glückwunsch den Borsigplayern zum gewonnenen Pokal!!!
WEITER SO!

04.08.2010
13:09
Straßenfußball als Mutmacher für Nordstadt-Kinder
von mokdo | #17

Es wäre ja schön wenn dadurch das Kinder Fußball spielen, weniger als Jugendliche Alkohol trinken, oder Rauschgift konsumieren, oder gar kriminell werden.
Aber das ist leider nur ein frommer Wunsch. Das wäre wenn überhaupt nur möglich wenn 100 % der Nordstadtkinder Fußball spielen.aber selbst Kinder und Jugendliche die Fußball spielen oder gespielt haben geraten leider manchmal auf die schiefe Bahn.

Ich finde man sollte die Kinder einfach Fußball spielen lassen und solche Worthülsen wie Multi-Kulti oder Integration aus dem Spiel lassen
Vor 50 Jahren haben Kinder auch schon Fußball gespielt, da gab es das Wort Migrant noch gar nicht.

04.08.2010
12:30
Straßenfußball als Mutmacher für Nordstadt-Kinder
von CaDaAaF42 | #16

Ich finde das Projekt klasse. Integration ist eigentlich auch nicht unbedingt das bestimmende Thema in diesem Artikel, sondern die Schaffung eines vernünftigen Umfeldes. Sollen die Kinder tatsächlich lieber rauchen und überhaupt viel ******* bauen” als sich sportlich zu betägigen dabei friedliche Kontakte knüpfen? Meiner Meinung nach müsste es noch viel mehr derartige Angebote geben. Das mag vielleicht auch ein paar Mark kosten, aber es ist denke ich gut angelegtes Geld. Jedes Kind, daß über den Fußballplatz rennt, ist ein Kind weniger, daß ******* bauen kann. Und wenn der soziale Halt da ist, Strukturen und Disziplin gelehrt werden, dann sind das meiner Meinung nach auch gute Voraussetzungen, um neben den Sportplatz zu bestehen. Sei es in der Schule, in der Integration in die restlichen Gesellschaft, im Arbeitsleben. Wenn da neben den Kindern auch die Eltern mit einbezogen werden (und hier steht nichts davon daß sie das nicht tun würden) und zudem noch junge Leute wie Zeineb das Ganze leiten, dann kann das doch nur positiv sein.

04.08.2010
10:22
Straßenfußball als Mutmacher für Nordstadt-Kinder
von BuergerInDO | #15

Jedes Kind / jeder Jugendlich möchte einer Gruppe angehören. Die Kinder sind nicht schuld an der Umgebung, in der sie aufwachsen müssen.

Mit einem solchen Projekt wird Kindern, die im Ghetto aufwachsen, eine positive Gruppenzugehörigkeit geboten. Sie erhalten Strukturen, lernen Regeln, Fairneß und Disziplin. Dies wirkt sich zwangsläufig positiv auf alle Lebensbereiche, somit auch auf das Bildungsinteresse aus.

Die Alternative heisst Streetgang - mit Drogen, Kriminalität etc.

Sicherlich kann man kritisch fragen, auf welcher Erfahrungsgrundlage Frau Zeineb ihre Urteile über das soziale Leben in anderen Stadtteilen gefällt hat (findest du immer einen, der dir hilft. Im Süden kannst du darauf lange warten”) und ob eine solche Haltung förderlich ist.

04.08.2010
07:58
Straßenfußball als Mutmacher für Nordstadt-Kinder
von bookeaterin | #14

Genau das ist mir auch sofort aufgefallen.
Integriert wird der blonde Bastian.

Aber das ist ja nicht das Thema. Ich bin auch der Ansicht, dass als erste Bildung zu nennen ist, wenn es um Integration geht.

Aber ich denke auch, dass durch diese Sportaktion die Jugendlichen sich möglicherweise gegenseitig dazu anregen, mehr zu als, als bloß Fußball zu spielen.

Hoffen wir das Beste. Und meinen Respekt an alle die, die sich um die Jugendlichen kümmern und solche Aktionen möglich machen.

04.08.2010
07:57
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von hoppala | #13

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04.08.2010
07:57
Straßenfußball als Mutmacher für Nordstadt-Kinder
von xyz | #12

Warum wird nicht einfach nur über Fußball berichtet?

Muss immer das Thema Integration im Vordergrund stehen? Ein Bericht über die sportliche Leistung inkl. der Namen der erfolgreichsten Spieler ist aus meiner Sicht sinnvoller.

Wenn es gute Jugendbetreuung gibt, kommen Kinder automatisch. Das ist auch in Randsportarten der Fall.

Leider sind zurzeit die Turnhallen im Stadtgebiet Dortmund geschlossen, so dass viele Vereine ihren Sport nicht betreiben können. Auch hier geht es um einen lächerliche Summe, die eingespart werden soll, aber vielen Vereinen die Jugendarbeit und Saisonvorbereitung unmöglich macht.

04.08.2010
07:56
Blockierter Kommentar.
von sindehimmerdieselben | #11

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04.08.2010
00:05
Blockierter Kommentar.
von Sacosi | #10

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