Unter Dortmund liegt die größte Luftschutzanlage der Welt

Der Verlauf des Tiefstollens unter Dortmund.
Der Verlauf des Tiefstollens unter Dortmund.
Foto: Carina Maiwald
Was wir bereits wissen
Dortmunds größtes Geheimnis liegt tief unter der City: eine gigantische Luftschutzanlage für zigtausend Menschen. Wer sich näher mit der Anlage befassen will, stößt auf eine Mauer des Schweigens. Wir sprachen mit Zeitzeugen, die vor den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs Zuflucht in der Anlage fanden.

Dortmund.. Kaum eine andere deutsche Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg so von alliierten Bombenangriffen heimgesucht wie der Kohle-, Stahl- und Logistikstandort Dortmund. Die Royal Air Force flog allein zwischen Mai 1943 und März 1945 insgesamt 105 Angriffe auf die Stadt. Offiziell kamen dabei 6341 Menschen ums Leben. Am 12. März 1945 warfen rund 1000 Flugzeuge binnen 50 Minuten eine Bombenlast von 4851 Tonnen über Dortmund ab — der größte Bombenangriff des gesamten Kriegs.

Die Nazis wussten um die Bedeutung Dortmunds als mögliches Ziel von Bombardements und trieben den Bau einer riesigen Anlage unter der City voran. Zeitzeugen berichten, bereits in den 1930er Jahren sei unter der Innenstadt gegraben worden — angeblich getarnt als U-Bahn-Bau. Mit dem großangelegten Bau von Luftschutzeinrichtungen begann die zuständige "Organisation Todt", eine militärisch strukturierte Bautruppe, benannt nach ihrem Führer Fritz Todt, jedoch erst in den 1940er Jahren.

Dortmund von unten Wahrscheinlich aber wurden die Arbeiten erst im Jahr 1942 begonnen. Das geht zumindest aus einem Gedächtnisprotokoll hervor, das im Auftrag der Stadt Dortmund am 1. August 1966 verfasst worden war. Zuvor waren in Dortmund schon andere Luftschutzanlagen errichtet worden, etwa der nach dem Krieg als Hotel genutzte Bunker vor der Westfalenhalle, mit dessen Bau bereits im Jahr 1938 begonnen wurde.

Aus dem Papier vom 1. August 1966 geht hervor, dass die zuständige Organisation Todt für den Bau "Kriegsgefangene, Fremdarbeiter und später auch sogenannte Instandsetzungstrupps der örtlichen Luftschutzleitung" heranzog. Die technische Leitung oblag laut Papier der Tiefbau- und Bohrfirma Deilmann in Dortmund-Kurl. Die Stadtverwaltung um Oberbürgermeister Banike sei lediglich Erfüllungsgehilfin gewesen und habe keinen Einfluss auf den Bau der Anlage gehabt. Der zuständige Luftschutzleiter habe unbegrenzt Zugriff auf Reichsmittel gehabt, um die Arbeiten zu finanzieren.

Arbeiter wurden in einem Lager untergebracht

In einem Aktenvermerk vom 2. August 1943 wird festgehalten, dass "ab sofort" sämtliche Luftschutzbauarbeiten in Dortmund der Organisation Todt unterstellt werden. Ausländische Arbeiter sollten "im Verhältnis 10 Ausländer auf einen Deutschen" eingesetzt und in Lagern untergebracht werden. Die deutschen Arbeiter sollten dabei helfen, die ausländischen Kräfte im Lager zu überwachen, da sich das Lager jedoch in unmittelbarer Nähe der Baustelle im Westpark befand, wurde auf eine verpflichtende Unterbringung der Deutschen verzichtet.

Dortmund von unten 80.000 bis 100.000 Menschen sollten in den gigantischen Katakomben Zuflucht finden. 19 Eingänge standen der Bevölkerung zur Verfügung, um bei Alarm in die Unterwelt zu fliehen. Der Haupteingang befand sich gegenüber des Hauptbahnhofs, an der Katharinentreppe. Allerdings lag die Treppe damals wohl noch ein ganzes Stück näher am Hauptbahnhof als heute. Die Topographie des Bereichs zwischen Bahnhof und Kampstraße wurde nach dem Krieg erheblich geändert. Der Straßenverlauf ebenfalls. So verlief die Straße "Königswall" bis zur Neugestaltung der City nicht etwa auf dem historischen Wall, sondern schräg von Nordosten nach Südwesten. Dort, wo heute der Königswall liegt, befand sich die Schmiedingstraße, die heute wiederum parallel zum Hellweg verläuft.

Auch die inzwischen abgerissenen alten Pavillons vor der Petrikirche standen auf einem Bunkereingang. Als sie abgerissen wurden, kam für kurze Zeit eine Treppe, die in den Untergrund führte, ans Tageslicht. Inzwischen ist dieser Eingang jedoch wieder fest verschlossen.

Ab und zu treten bei Bauarbeiten Bunkereingänge ans Licht

Auch bei der Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes tat sich plötzlich ein Loch auf und gewährte Neugierigen einen Blick in Dortmunds unterirdische Vergangenheit. Doch auch dieses Loch ist längst gestopft. Ein weißer Kamin mit Lüftungsschlitzen, ungefähr vor der Bahnhofsbuchhandlung und unter der Treppe, die zu den Regionalzügen führt, steht jetzt auf dem Loch und sorgt für die nötige Be- und Entlüftung der Anlage.

Der Historiker Michael Foedrowitz ist einer der wenigen Menschen, die die Anlage nach dem Krieg besichtigen konnten. Ende der 90er Jahre drehte er dort eine Dokumentation mit dem Titel "Bunkerwelten". Er spricht von zwei nicht miteinander verbunden Systemen unter der Stadt. "Das ist die größte Anlage dieser Art in Europa", ist sich der Bunker-Experte sicher. Dr. Andreas Immenkamp, Oberkustos des LWL-Industriemuseums "Zeche Zollern", fügt sogar hinzu: "Außerhalb Europas wird es keine vergleichbare Anlage geben, da nie der Bedarf bestand, eine zu bauen." Ergo sei das Labyrinth unter der Stadt die weltweit größte zivile Luftschutzanlage.

Die Ausmaße sind in der Tat gigantisch. 4,8 Kilometer lang sind die Gänge und erstrecken sich verwinkelt und mit zahlreichen Nebentunneln in einer Tiefe von 3,50 Metern bis 17 Metern vom Westpark bis zum Probsteihof. "Einige der Räume sind Hallen", erklärt Foedrowitz. Diese sollten zweigeschossig ausgebaut werden, um noch mehr Menschen aufnehmen zu können.

Arbeiten am Tiefstollen endeten mit Kriegsende

Daraus wurde jedoch nichts, die Arbeiten an den Tunneln stoppten mit Kriegsende. Im Bereich des ehemaligen Körnerplatzes, das heutige Westentor, befindet sich eine solche unterirdische Halle. Dort in der Nähe liegt auch noch der einzige von außen einsehbare und erkennbare Eingang.

Der Ausbau der Tunnelabschnitte ist unterschiedlich weit fortgeschritten. "Für den Bau wurden ab 1943 Zwangsarbeiter herangezogen", erklärt Foedrowitz. Bei Fliegeralarm hätten die Bautrupps die Anlage verlassen müssen, bevor die Zivilbevölkerung in den Bunker strömte. Gearbeitet wurde bis Kriegsende. Augenzeugen, die wissen, wie es heute in dem Labyrinth aussieht, berichten, die jüngeren Stollen seien lediglich grob in den Fels geschlagen, während andere Teile des Gangsystems sauber mit betonierten Wänden ausgebaut seien.

Diskussion über Nutzung der alten Stollenanlage blieb ohne Ergebnis

Um die tatsächliche Größe des unterirdischen Labyrinths ranken sich Gerüchte. In manchen Quellen heißt es, die Stollen hätten bis weit zu anderen Luftschutzsystemen in der Nordstadt gereicht. Dem war aber offenbar nicht so. Es gibt zwar Pläne, die einen weiteren Ausbau der Anlage vorsehen, doch wurden die nie realisiert. Unter anderem sollte etwa ein Wohnblock im westlichen Kreuzviertel an den Stollen angeschlossen werden. Die dortigen ungefähr 1930 erbauten Häuser waren im Keller zu Luftschutzzwecken alle miteinander verbunden.

Nach dem Krieg nutzten Diebesbanden die unterirdische Stadt als Versteck. Beim Wiederaufbau Dortmunds wurde immer mal wieder am Tiefstollen gearbeitet, um ihn zu sichern. „Die Anlage ist nicht mehr in ihrer historischen Form vorhanden“, erklärt jemand, der es wissen muss, aber anonym bleiben möchte.

Viele Teile seien inzwischen verfüllt, etwa unter der Stadt- und Landesbibliothek, die zusätzlich noch auf einer zwei Meter dicken Betonplatte steht, um den Druck von der Decke des unterirdischen Systems zu nehmen. In weiten Teilen wurden die Wände mit Wellblech verkleidet, "damit keine Schäden entstehen". Auch der Bau der U-Bahn habe Teile des Tunnelsystems zerstört. Die U-Bahn-Gleise zwischen den Stationen Kampstraße und Westentor verlaufen allerdings auf der Tunnelröhre.

Bunker-Eingang im Garten des Johannes-Hospitals

Insbesondere unter dem Westpark ist der Tiefstollen aber wohl noch weitgehend im Originalzustand erhalten geblieben. Von dort führte einer der Gänge in den Garten des Johannes-Hospitals, wo sich ein Eingang befand.

Immer wieder wurden Nutzungsmöglichkeiten für den Luftschutzbunker erwogen. In den 60er Jahren spielte die Anlage eine wichtige Rolle in den Zivilschutzplanungen der Stadt. Damals wurde noch in den Wiederaufbau zerstörter Eingangsbauwerke investiert — etwa im Bereich Wilhelmstraße und Möllerstraße. 1963 wurde sogar die Erweiterung des Stollens bis zu den städtischen Kliniken erwogen und "die Notwendigkeit der Schaffung von 18 neuen Stolleneingangsbauwerken" von der Stadt Dortmund "anerkannt", wie es in der Niederschrift einer Besprechung vom 17. Januar 1963 heißt.

Zweiter Weltkrieg In einem Dokument vom 26. Februar 1970 heißt es dann aber: "Durch Bombentreffer sind einige Teile des Tiefstollens beschädigt, und bei Nachkriegsarbeiten wurden an der Erdoberfläche die Überdeckungen teilweise erheblich gemindert. Aus der zivilschutztaktischen Sicht dürfte diese Anlage nach den heutigen Erkenntnissen nicht mehr den gedachten Zweck erfüllen." Die daraus folgende Empfehlung: Der Stollen sollte verfüllt oder gesichert werden. Statt auf den Tiefstollen als Bunkeranlage zu setzen, sollten "zehn Hoch- oder Tiefbunker auf Kosten des Bundes an anderen echten Brenn- oder Ballungspunkten" geplant und errichtet werden. Der Ausbau des Stollens sei auch wirtschaftlich nicht vertretbar.

"In den 80ern wurde eine Nutzung als Shopping-Mall erwogen", sagt Michael Foedrowitz. Der bislang letzte Versuch, die unterirdische Anlage einer sinnvollen Nutzung zuzuführen, stammt aus dem Jahr 2008. Damals hatten Dortmund-Tourismus und Wirtschaftsförderung die Idee, das Tunnelsystem touristisch zu nutzen. Eine Machbarkeitsstudie sollte zeigen, was geht, und zeigte: nichts.

Dortmund von untenDabei schreit die Anlage geradezu nach einer touristischen Nutzung. Wer schon einmal im "Imperial War Museum" in London war, weiß, wie anschaulich der Horror der Bombennächte des Zweiten Weltkriegs dargestellt werden kann. Die Bunkeranlage könnte Mahnmal und Museum zugleich sein. In Berlin pilgern jährlich Zehntausende in die vom Verein "Berliner Unterwelten", für den auch Bunker-Experte Michael Foedrowitz tätig ist, unterhaltenen Bunker, Flaktürme oder Tunnelsysteme. Fragt sich jedoch, ob Touristen nach Dortmund reisen würden, nur um einen Bunker zu besichtigen.

Wissenschaftler: "Die Anlage ist ein Kulturdenkmal"

Darüber hinaus müsste die Anlage aufwendig umgestaltet werden. Zugänge müssten reaktiviert oder neugebaut werden. Der Brandschutz müsste gewährleistet werden. Die Luftfeuchtigkeit im Tiefstollen beträgt zwischen 80 und 90 Prozent, die Temperatur rund 13 Grad — der sichere Tod für empfindliche Exponate. Die Anlage komplett zu lüften und zu entfeuchten wäre eine Lebensaufgabe und kaum bezahlbar.

Andreas Immenkamp, der für das Industriemuseum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe eine Ausstellung über Dortmunds Unterwelten plant (Titel: Die zweite Stadt) schüttelt da nur den Kopf und fordert, die Anlage für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen: "Das ist ein Kulturdenkmal", so der Wissenschaftler mit leicht verzweifeltem Unterton in der Stimme.

Niemand will für Dortmunds Katakomben zuständig sein

Doch bevor Nutzungspläne überhaupt reifen können, müsste erst einmal jemand hinab ins Labyrinth steigen und schauen, was dort vielleicht möglich sein könnte. Oberirdisch muss man sich die Informationen über die Dortmunder Katakomben mühsam zusammenklauben, etwa im Stadtarchiv. Doch auch dort lagern ausschließlich Nachkriegsakten, denn beim Einmarsch der Amerikaner vernichtete der Nazi-Bautrupp die Baupläne. Hinzu kommt, dass sich um das Tunnelsystem ein Wirrwarr aus Zuständigkeiten und Besitzverhältnissen rankt. Seit die Anlage in den 90er Jahren aus der Zivilschutzbindung entlassen wurde, sind die Besitz- und Zuständigkeitsverhältnisse ein kaum zu durchschauendes Dickicht. Ganz zu schweigen von Haftungsfragen, falls einem Besucher dort unten etwas passieren sollte.

Die Stadt wiegelt ab und verweist darauf, dass das Bundesvermögensamt als Immobilienverwalter des Bundes die Anlage vom Dritten Reich quasi geerbt habe. Die zuständige Stelle des Bundesvermögensamts heißt inzwischen Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) und verkauft unter anderem Bunker. Aber nicht den unter Dortmund.

Bund weist Zuständigkeit von sich

Der, so heißt es seitens der BImA, gehöre nicht dem Bund, sondern allen Eigentümern, denen Grundstücke gehören, unter denen Teile der Anlage verlaufen (der größte Teil liegt unter städtischem Grund, gehört also doch der Stadt). Oder in Behördendeutsch ausgedrückt:

"Die Aufgabe der BImA beschränkt sich gemäß dem Allgemeinen Kriegsfolgengesetz (AKG) auf die Beseitigung von Gefahren für Leben und Gesundheit von Menschen, soweit sie von dieser ehem. Luftschutzanlage ausgehen. Ausschließlich in diesem Zusammenhang unterliegt die Anlage der Kontrolle der BImA bzw. der für sie tätigen bergtechnischen Sachverständigen.

Auch der BImA wird durch den jeweiligen Grundstückseigentümer lediglich ein Betretungsrecht für erforderliche Kontrollbefahrungen eingeräumt. Hieraus folgt, dass die BImA nicht berechtigt ist, Betretungsrechte interessierten Dritten einzuräumen. Es sind somit ausschließlich die jeweiligen Eigentümer der Grundstücke befugt, die von Ihnen gewünschte Betretungserlaubnis zu erteilen."

Dann müsste es ja relativ einfach sein: Die Stadt Dortmund um Erlaubnis fragen (der gehört der größte Teil der Anlage), die Teile des Tiefstollens, die unter städtischem Besitz liegen, betreten zu dürfen — und schon schließt der von der BIMA bestellte Sachverständige die Tür auf.

Nein, denn:

Allerdings sei darauf verwiesen, dass wegen der Gefährdungslage die Stollen im Rahmen der Kontrollen ausschließlich vom bergtechnischen Sachverständigen und geeignetem Fachpersonal betreten werden.

Mit anderen Worten: Selbst wenn man rein darf, kommt man nicht rein, weil man nicht rein dürfen soll.

Experte vermutet: "Da soll keiner rein."

Jemand, der sich mit der Historie der Anlage auskennt, weiß um das Kompetenzgerangel. Die BImA bestätigt, dass es einen Erlass des Bundesfinanzministeriums aus dem Jahr 2007 gibt, der es verbietet, "Informationen über den Stollen, die bei allgemeinem Bekanntwerden die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährden können", herauszugeben.

"Da kommt nicht mal OB Sierau rein", sagt auch ein Mitglied der Bezirksvertretung Innenstadt-West, unter deren Zuständigkeitsgebiet der Stollen verläuft. Offenbar fällt der Bunker wegen seiner Einzigartigkeit in eine Nische, die nicht gesetzlich geregelt ist. Es ist nicht einmal klar, ob die Grundstückseigentümer, denen der Bunker laut Auskunft der BImA gehört, überhaupt befugt wären, einen wie auch immer gearteten Zugang zu "ihrem" Abschnitt des Stollens herzustellen.

1943 Auch wurden wohl noch keine Versuche unternommen, die Anlage unter Denkmalschutz zu stellen. "Die Stadt hat wohl Angst, mit ins Boot geholt zu werden", heißt es. Die Grundstückseigentümer über dem Stollen wissen laut BImA um die Existenz der Anlage unter ihren Häusern: "Soweit die Anlage unter privaten Grundstücken verläuft, werden die Grundstückseigentümer über die Anlage informiert — insbesondere dann, wenn Maßnahmen der Sicherung in dem in ihrem Grundstück verlaufenden Stollenabschnitt erforderlich werden."

Kosten für Instandhaltung des Tiefstollens zahlt der Bund

Dabei betreibt die BImA durchaus einigen Aufwand, um das historische Bauwerk in Schuss zu halten. Jährlich kontrolliert ein Mitarbeiter des Bau- und Liegenschaftsbetriebs NRW im Auftrag der BImA die Anlage, überprüft die Standsicherheit und meldet etwaige vom Tunnel ausgehende Gefahren. Diese würden dann auf Kosten der BImA beseitigt. In der Anlage selbst sorgen Pumpen dafür, dass das System nicht absäuft. Die Stromkosten für diese Pumpen betragen jährlich rund 1800 Euro (Stand: Jahr 2012), so ein BImA-Sprecher auf Anfrage. Außerdem fielen 3700 Euro für den Austausch von Pumpen an. Gelegentlich müssen darüber hinaus Schlösser an den noch vorhandenen Eingängen zur Unterwelt ausgetauscht werden — denn immer mal wieder versuchen Abenteurer illegal in das Stollensystem einzudringen.

Das ist die einzige Möglichkeit, Dortmunds Unterwelt zu erkunden. Davon allerdings ist dringend abzuraten, denn der Tiefstollen gleicht einem Labyrinth — völlig unbeleuchtet und schon nach wenigen Schritten stockdunkel. Außerdem besteht immer die Gefahr, dass Faulgase in der Luft liegen. So kann der einst lebensrettende Bunker zur Todesfalle werden.

WR-Bericht: Schweigen um das "Labyrinth der Angst"

In den Medien ist nur sporadisch über den Tiefstollen berichtet worden. Die Westfälische Rundschau beschäftigte sich in ihrer Ausgabe vom 13./14. Mai 1961 in einem größeren Artikel mit dem Tiefstollen unter Dortmund. Unter der Überschrift "Schweigen um das 'Labyrinth der Angst'" fasste die Zeitung schon damals die unklare Situation um Dortmunds Katakomben zusammen.

Der Artikel aus der Westfälischen Rundschau:

In irgendeinem Aktenschrank des Tiefbauamtes verstaubt eine Karte, irgendwo bei der Stadtverwaltung hängt ein vielgezackter Schlüssel, von dem kaum ein Beamter weiß, welches Schloss er drehen soll: Karte und Schlüssel führen in Dortmunds Katakomben, in das weitverzweigte und kilometerlange Labyrinth der Luftschutzstollen direkt unter den Häusern und Straßen der Innenstadt. Die Eingänge sind inzwischen verschüttet. Nur zweimal wagten sich nach dem Kriege Männer in die feuchtdumpfe, nachtschwarze Tiefe.

Keine Behörde will von diesem riesigen Stollensystem etwas wissen. Das Thema ist von einem geheimnisvollen Tabu umgeben. "Wissen Sie, man spricht besser nicht darüber", winkt ein Beamter des städtischen Amtes für zivilen Bevölkerungsschutz ab. "Wer sich um diesen Bunker kümmert, muss auch für seine Unterhaltung bezahlen..."

Und so wachsen in den weiten, dunklen Hallen Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr die Stalaktite. Unaufhörlich tropft das Wasser von den gewölbten Decken. Bizzarre Tropfsteingebilde wachsen aufeinander zu. Meterlang! Kein Dortmunder brauchte in die Hönnetaler Höhlen zu fahren, wenn die Stadt den Bunker zur Besichtigung freigeben würde. Fast wäre er eine Fremdenverkehrsattraktion.

Juristen streiten über die Zuständigkeit

Doch niemand kümmert sich um diese künstlichen Tropfsteinhöhlen, die einstmals Bautrupps der Organisation Todt in die Felsen wühlten, um 150.000 Menschen sicheren Schutz vor dem Glutatem der Bombennächte zu geben. Heute streiten sich die Juristen darüber, wer denn eigentlich dazu verpflichtet ist, das "Labyrinth der Angst" in Ordnung zu halten. Verständlicherweise reißen sich weder die Stadt Dortmund noch die Bundesvermögensverwaltung um diese Aufgabe. Luftschutzortsleiter Cornelius hingegen würde das Stollensystem gern wieder herrichten lassen. "Bessere Luftschutzräume finden wir ja überhaupt nicht", sagt er. "Und die Instandsetzung wäre billiger als der Bau neuer Bunker."

Ganz gleich, wem die Pflicht obliegt, Dortmunds "Unterwelt" zu pflegen, hier muss bald etwas geschehen. Wasser sickert durch die gewölbten Decken der früheren Luftschutzhallen, obwohl die Betonwandung ja eigentlich keine Feuchtigkeit durchlassen dürfte. Streckenweise erhielten die Stollen überhaupt keinen Ausbau. Die Gefahr, dass die unterirdischen Gewölbe zusammenbrechen, droht täglich. Wer das Tabu um den Bunker errichtete, sollte bedenken, dass Häuser und Straßen nach 1945 über diesem Zufluchtsort gebaut wurden.

Statiker verheißen dem Bunker keine lange Lebensdauer

Da der Bunker in den Umlegungsplänen für den Wiederaufbau nicht berücksichtigt worden ist, haben viele Architekten "auf Sand" gebaut. Nur in Einzelfällen sorgten ortskundige Statiker für Sicherungsmaßnahmen. So ist zum Beispiel das Fundament des Brügelmannhauses am Königswall mit Seitenstützen ausgerüstet. Es leuchtet nicht ganz ein, warum es von dem Kriegsbauprojekt "Bunker" nur einen einzigen und dazu noch ungenauen Plan gibt. Da Statiker den Dortmunder Katakomben keine lange Lebensdauer verheißen, wäre es an der Zeit, in jeder Beziehung neue Pläne zu machen.

Es gibt wahrscheinlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder werden die Stollen und Gänge wie beim Bergbau verfüllt oder man baut weiter aus. Vielleicht lassen sich hier sogar unterirdische Parkplätze anlegen. Die vor Jahresfrist noch heftig diskutierten U-Bahn-Pläne sind anscheinend völlig verstaubt.

Die Bundesvermögensverwaltung, die das Eigentum des ehemaligen Deutschen Reiches übernahm, scheint nur an des Reiches lukrativen Überresten interessiert zu sein. Den Bunker jedenfalls möchte sie gern verschenken. Doch die Stadt lehnt dankend ab. Die Unterhaltungspflicht würde Millionen verschlingen.

Es hat sich wenig geändert

Die Ernüchternde Erkenntnis: Zwischen 1961 und 2013 hat sich in Sachen Zuständigkeit für den Bunker nichts geändert — oder die Situation ist noch verfahrener geworden.

WR-Bericht: Polizei stoppte "Unterweltforscher"

Am 8. August 2000 berichtete die Westfälische Rundschau über eine Gruppe Menschen, die auf illegalem Wege in den Tiefstollen gestiegen war und dabei von Anwohnern beobachtet wurde. Verbunden war der Artikel mit einem Hintergrundbericht.

Hier der WR-Text vom 8. August 2000

(DBV) Gefährlicher "Forscherdrang" hat für acht Dortmunder im Alter zwischen 18 und 39 Jahren empfindliche Folgen: Gegen alle ist ein Strafantrag wegen Hausfriedensbruches unterwegs.

Der Hintergrund: Die Gruppe wurde in der Nacht zum Montag im unterirdischen Stollensystem der Innenstadt erwischt. Sie war dort offenbar auf Abenteuerjagd und hatte angeblich auch filmen wollen.

Ein zeuge alarmierte gegen 23 Uhr am Sonntag die Polizei, weil er beobachtet hatte, wie mehrere Personen im Bereich des Königswalls, unweit des Bahnhofs, einen schweren Gullydeckel aushoben und in die vermeintliche Abwasseranlage absteigen wollten.

Dortmund von unten Polizeibeamte entdeckten zunächst zwei Männer (18 und 21 Jahre), die gerade dabei waren, "unterzutauchen". Weitere Personen, die bereits "abgetaucht" waren, reagierten aus die Aufforderung, sofort wieder aufzutauchen, nicht.

Bei der Schachtanlage handelt es sich um ein weitläufiges Tunnelsystem zu Luftschutzzwecken, gebaut vor und während des Zweiten Weltkriegs. Da Gefahren für Leib und Leben in dem unübersichtlichen Gangsystem nicht auszuschließen waren, wurden die Feuerwehr und weitere Polizei an den Tatort gerufen.

Nach gelungenem Telefonkontakt per Handy stiegen gegen 1 Uhr drei Männer und eine Frau aus der Schachtanlage auf. Gegen 2.05 Uhr konnten die Beamten zwei weitere Männer (28 und 39 Jahre) nach Aufbruch eines Gatters im Bereich Lange-/Möllerstraße aus dem unterirdischen System herausholen.

Man habe sich für das Tunnelsystem aus der Nazizeit interessiert, gaben die Gruppe an. Alle Personalien wurden festgestellt.

In den stockfinsteren Stollen verliert jeder die Orientierung

Vier Kilometer lang sind die Tiefstollen unter Straßen und Häusern der Innenstadt — vom Hauptbahnhof bis zum Westpark. Die Stollen wurden zumeist in den späten dreißiger Jahren ins Erdreich vorgetrieben — von vornherein als Schutzssystem für Kriegszeiten gedacht.

Schon in den ersten Jahren der Nazizeit wurde mit dem Bau begonnen, als die Bevölkerung nichts vom Zweiten Weltkrieg ahnen konnte und schon gar nichts von den späteren Bombenteppichen, vor denen sie ab 1942 in die Stollen flüchtete.

Nach Auskunft von Bernd Struck von der Feuerwehrliegen die Stollen zwischen 12 und 16 Meter unter der Straßenoberfläche. Sie sind 2,30 Meter breit, 2,40 Meter hoch und stockfinster. Struck: "Niemand kann dort die Hand vor Augen sehen. UNd wer sich nicht auskennt, verliert schnell jede Vorstellung von Raum und Zeit, weiß nicht mehr, wo er sich befindet und deshalb auch nicht, wie er wieder ans Tageslicht kommen soll."

Auf Befehl von Fritz Todt (1891 - 1942), Nationalsozialist, Erbauer der Autobahnen und des Westwalls, wurden in den Städten Tunnelsysteme angelegt. "Durch Fremdarbeiter und Kriegsgefangene unter unmenschlichen Bedingungen ins Erdreich getrieben", empört sich noch heute Bernd Struck. Die unmenschliche Knochenarbeit hätten die meisten mit ihrem Leben bezahlen müssen.

Das Bundesvermögensamt und das Staatliche Bauamt sind für die unterirdischen Anlagen ebenso zuständig wie für alle Bunkeranlagen. Struck: "In regelmäßigen Abständen wird das Tiefstollensystem kontrolliert." Er meint, es sei erstaunlich, "dass die jungen Leute ins unterirdische System eindringen konnten. Denn es gibt nur wenige, der Bevölkerung unbekannte und verschlossene Einstiege. Nur zwei Schlüssel sind vorhanden. Einen davon habe ich."

Allerdings: Es gibt einige wenige Zugänge, die aussehen wie die Zugänge zum Abwassersystem und auch wie bei einem Kanal mit Deckeln gesichert sind. Einer davon war der Gruppe offenbar bekannt. Struck warnt davor, sich auf das Abenteuer einer unterirdischen Expedition einzulassen.

Zeitzeugen-Bericht: "Am Hauptbahnhof war alles voller Leichen"

Die wahre Bedeutung des Tiefstollens unter der City erschließt sich am besten, wenn man Zeitzeugen zu Wort kommen lässt. Wir haben mit einigen Menschen gesprochen, die in ihrer Kindheit Schutz in dem Bunker suchen mussten. Sie erzählen beeindruckende Geschichten. Die Bunkeranlage war Schauplatz menschlicher Tragödien und Dramen.

Werner Baltruschat, heute 86 Jahre alt, wurde in Dortmund geboren, lebt heute in Schmallenberg. Baltruschat nennt den Tiefstollen „Bahnhofsbunker, weil dort der Haupteingang war“ und erinnert sich an ein „schreckliches Erlebnis“ vom 6. Oktober 1944. Damals forderte ein schwerer Flächenangriff von 498 Maschinen auf Dortmund mindestens 1148 Todesopfer. Es kam zu einem Drama im Eingangsbereich des Tiefstollens.

Seine Erzählung:

Werner Baltruschat sah die Folgen eines Gemetzels

Am 6. Oktober 1944 kam es zu einem grausamen Ereignis, dort, wo jetzt die Treppe zur Petrikirche ist. Dort war der Haupteingang zu dem Bunker, der als Labyrinth durch die Stadt führte. Dort unten war die Halle erweitert. Da war die Wehrmacht-Meldestelle, wo sich alle melden mussten, die auf Heimaturlaub waren. Das mussten die, damit sie Lebensmittelkarten bekamen.

Vom Bau der Anlage habe ich nichts mitbekommen. Ich weiß gar nicht, wann die angefangen haben. Die wurde ja nicht wie die U-Bahn gebaut, indem die Erde aufgerissen wurde, sondern wie beim Bergbau gegraben. Ich weiß gar nicht, wo das Material abgeladen worden ist, dass da rausgeschafft wurde. Es wurde damals mal gesagt, das sei eine U-Bahn. Aber das war’s ja nicht.

Am Nordausgang des Bahnhofs gab es links und rechts noch zwei Eingänge zum Bunker. Einer davon war abgesperrt, weil dort wohl eine Meldestelle von der Partei war. Der war jedenfalls geheim. Nur einmal bin ich da reingekommen, weil ich spät dran war und der andere Eingang schon verschlossen war. Da habe ich gesehen, dass in dem Teil kniehoch Wasser stand. Da hatten die einen Holzsteg gebaut und da musste man drüber bis zum Haupteingang gehen. Da war dann kein Wasser mehr.

Der andere Eingang war öffentlich. Man ist dann unter den Bahngleisen durch Richtung Haupteingang gegangen. Weiter ging es unter dem Königswall und unter der 1. Kampstraße und 2. Kampstraße weiter zum Körnerplatz (heute Westentor, Anm. d. Red.). Von dort weiter unterm Hohen Wall, Richtung Amalienstraße und Johannes Hospital. Von dort konnte man weiter bis zur Möllerbrücke gehen.

Beleuchtung mit nackten Lampen

Da unten war ein Betongewölbe, wahrscheinlich mit Streckenbögen ausgebaut. Die Gänge waren fünf bis sechs Meter breit und drei bis vier Meter hoch. An den Seiten waren ab und zu Seitengänge fürs Rote Kreuz mit Toiletten, Betten und Bänken und so weiter. An der Decke gab es eine Beleuchtung mit nackten Lampen.

Mein Vater lag damals im Johannes Hospital und war frisch operiert. Ich wollte ihn besuchen. Weil es abends war und ich keine Lust hatte, bei Verdunkelung über die Trümmer zu klettern, bin ich unten durch den Bunker gegangen. Das hat man so gemacht, ob Fliegeraalarm war oder nicht. Man konnte da stracks durchgehen. Die Straßen oben lagen ja voller Trümmer.

Dortmund von untenGegen 20 Uhr gab es Fliegeralarm. Ich war schon ungefähr am Königswall, als ein großer Bombenangriff kam. Ich hörte fürchterliche Schreie und Detonationen. Unten war alles in Panik und warf sich auf die Erde. Die Leute hatten Angst, ob nicht doch eine Bombe durchschlägt. Ich bin dann weiter zum Johannes Hospital, um meinen Vater zu suchen. Im Bunker-Eingangsbereich an der Amalienstraße standen schon Notbetten vom Krankenhaus. Dort gab es auch ärztliche Versorgung. Dort habe ich meinen Vater gefunden. Ihm ging’s nicht gut und ich blieb über Nacht dort.

Da schwappte schon durch Mundpropaganda durch den Tunnel, dass am Hauptbahnhof etwas Schreckliches passiert sei. Mit Einbruch der Morgendämmerung machte ich mich auf den Weg nach Hause, kam aber nur bis zum Körnerplatz. Da war abgesperrt. Ich bin dann da hoch und über den Königswall gelaufen. Und dann sah ich das Dilemma am Hauptbahnhof.

Bomben regneten auf die Menschen herab

Wie ich hörte, waren zwei Personenzüge und ein Schnellzug für Fronturlauber am Bahnhof angekommen. Die Landser mussten sowieso in den Bunker, um sich wegen der Lebensmittelkarten zu melden. Und dann kam der Bombenangriff und alles drängte in Panik in den Bunker. Es gab einen Riesenstau und die Bomben schlugen da mitten rein. Der Alarm kam ja immer zu spät. Wenn der losging, fielen die Bomben auch schon. Das war ein richtiger massiver Bombenteppich. Und der fiel auf die Landser, die Bahnreisenden und die anderen Leute. Es war ein fürchterliches Gemetzel.

Vor dem Hauptbahnhof links war die Expressgutannahme, vor der damaligen Sedanstraße, der heutigen Brinkhoffstraße. Da und auch auf der Wiese am Königswall, auf der die alte Fehmelinde stand, lagen Hunderte Tote auf dem Boden. Landser, Leute, Passanten. Die waren zerfetzt, es lagen Leichenteile herum. Den Anblick werde ich nie vergessen. Danach bin ich nach Hause zur Uhlandstraße, um zu sehen, ob das Haus noch stand und ob meine Mutter noch lebte.

Ich war von der Hitlerjugend zum Flak-Dienst eingeteilt. Nach Angriffen haben wir an der Gulaschkanone gestanden und die Leute aus der Nachbarschaft versorgt. Am Bahnhof konnte ich nicht helfen. Die Angriffe auf Dortmund habe ich alle mitgemacht. Man schlief mit Zeug, um sofort in den Bunker rennen zu können. Die Flak war hinterher auch ausgeschaltet. Der schlimmste Angriff war am 12. März 1945, als 4600 Tonnen auf Dortmund abgelassen worden sind. Man lebte nur noch von heute auf morgen.

Im Bunker wurde nur geflüstert

Wir hatten immer Angst. Im Luftschutzkeller saßen Atheisten, die kannten plötzlich das Vaterunser. Schimpfen konnte man ja nicht, weil der Feind ja mitgehört hat. Man wurde ermahnt, wenn man „Guten Tag“ gesagt hat, statt „Heil Hitler“. Man hat nur geflüstert. Spottlieder oder politische Witze über den dicken Göring konnte man auch nicht erzählen. Das war alles gefährlich.

Dortmund von unten Der Luftmarshall Harris wollte die Bevölkerung ja mürbe machen, was nicht geklappt hat. Aber alle waren niedergeschlagen und traurig, weil jeder Vermisste oder Gefallene in der Familie hatte. Meine Frau hat drei Brüder verloren, ich einen. Im Bunker hörte man hörte den so genannten Drahtfunk und wusste dass Flieger über Venlo oder Arnheim waren. Dann wusste man, dass da was kommt und auch wie heftig die Angriffe waren. Über den Soldatensender Calais (ein perfekt als deutscher Propagandasender getarnter, deutschsprachiger Radiosender der Briten, Anm. d. Red.) waren wir auch immer über das Ausmaß der Angriffe und das Geschehen an der Front informiert.

Als die Amerikaner kamen, waren wir heilfroh, obwohl ja bis zur Währungsreform 1948 Hungersnot herrschte. Wir hatten das Glück, dass wir ein paar Kaninchen und Hühner hatten. Die mussten wir bewachen und vor Plünderern schützen. Ich weiß nicht, wie das geht, dass man ausgerechnet die Leute, die einen jahrelang bombardiert haben, als Befreier begrüßt. Auf jeden Fall war da eine große Neugierde. Man hatte ja im Leben noch keinen Ami oder Tommy gesehen. Und vor allem keine Neger! Da haben alle gestaunt, als da plötzlich Schwarze kamen! Und die waren ja nett und hatten Bonbons und Zigaretten verteilt. Dann kamen bald die Briten. Von denen hat man aber nicht viel mitbekommen, die waren sehr zurückhaltend.

Zeitzeugen-Bericht: "Ich musste ein Jahr im Bunker leben"

Ursula Vopel musste im Alter von neun bis zehn Jahren fast ein Jahr lang im Tiefstollen unter der City wohnen. Die Familie war ins Sudetenland geschickt worden. Von dort musste sie fliehen, als die Russen im Anmarsch waren. Doch zwischenzeitlich waren Flüchtlinge in ihrer Einzimmerwohnung in der Heroldstraße untergebracht worden. Also musste die Familie in den Bunker unter der Innenstadt ziehen.

Ihre Geschichte:

Ursula Vopel musste im Bunker hausen

Wir sind in den Bunker gesetzt worden. Vorher war unsere ganze Familie ins Sudetenland geschickt worden, bis auf meinen Vater, der im Krieg war. Von dort mussten wir fliehen, weil die Russen kamen. Wir sind wieder nach Dortmund gekommen, hier war aber noch Krieg. Dann konnten wir nicht in unsere Wohnung, weil die belegt war. Also mussten wir in diesen Bunker und haben dort eine ganze Zeit gelebt.

Wir wurden vom Roten Kreuz versorgt. Oben musste man anstehen, um Essen zu holen. Danach wurden wir an der Treppe immer entlaust. Da kann ich mich noch sehr genau dran erinnern. Man musste sich vollständig ausziehen und ist dann mit einem Pulver eingesprüht worden. Da habe ich mich fürchterlich vor geschüttelt, aber man durfte nicht rein, ohne dass man entlaust war.

Mit der Zeit sind unten auch Krankenstationen entstanden. Hinter Eisentüren gab es dann auch Ärzte und so weiter. Unten haben wir auf Matratzen gelebt. Meine Mutter, mein Bruder und ich. Bei meiner Tante konnten wir uns waschen, und wenn wir zurückkamen, wurden wir wieder untersucht und entlaust. Wenn die Bomben fielen, waren sowieso alle da unten. Das war keine schöne Zeit. Nach einer Weile kam Wasser von oben und die Matratzen wurden feucht. Dann wurden wir ein Stück weiter in den Bunker verlegt.

Die Vergangenheit aus dem Gedächtnis verdrängt

Im Bunker konnten wir konnten bis zum Körnerplatz laufen, wo wir raus konnten. In dem Bereich haben wir gelebt, zwischen Hauptbahnhof und Körnerplatz. Wenn ich bei Stadtfesten da oben auf der Treppe stehe, dann muss ich da immer dran denken, dass ich da drunter mal gelebt habe. Aber man kommt da ja leider nicht hin. Vieles habe ich wohl auch verdrängt, aber als ich den Aufruf gelesen hatte, dass sich Zeitzeugen melden sollen, kam viel wieder hoch. Ich konnte zwei Nächte nicht schlafen, alles ging mir durch den Kopf. Vielleicht würde ich mich wieder erinnern, wenn ich mir den Bunker ansehen könnte.

Es war keine schöne Zeit. Mein Bruder ist dort sehr krank geworden. Seine Leber und seine Lunge waren durch die Feuchtigkeit geschädigt. Es war auch kalt. Erst hatten wir keine richtige Beleuchtung, sondern nur Taschenlampen. Es war ganz düster. Später wurden Lampen aufgestellt, als die Ärzte sich da unten eingerichtet hatten, weil da unten so viele Menschen krank geworden und auch gestorben waren.

Bei Bombenalarm wurde es richtig voll. Wir haben alle Angst gehabt, dass doch eine Bombe durchkommt. Als Kind war es allerdings auch ein bisschen abenteuerlich. Ich weiß nicht, wie meine Mutter das erlebt hat, aber sie hat viel geweint.

Endlich raus aus dem verdammten Bunker

Es hatte lange gedauert, bis unsere Wohnung wieder frei wurde und wir endlich aus dem verdammten Bunker raus konnten. Wir waren froh, dass wir das eine Zimmer hatten. Später konnten wir noch ein zweites dazu nehmen. Von da an flüchteten wir immer in einen Bunker an der Heroldstraße. Das war eine Bahnunterführung zur Oestermärschstraße, die an den Enden mit großen Toren verschlossen werden konnte. Da waren wir dann drin.

Ich möchte unbedingt mit meinem Sohn, meiner Tochter (54) und meiner Enkelin (24) da rein. Die können sich gar nicht vorstellen, dass ich da wirklich gelebt habe. Das wäre mir sehr, sehr wichtig.

Zeitzeugen-Bericht: "Bei Bombenangriffen gingen die Lichter aus"

Gerda Lohsträter erlebte die Dortmunder Bombennächte ebenfalls im Tiefbunker. Am Ende wurde Dortmund bei Tag und Nacht angegriffen, so dass sich die Familie in dem Bunker einrichtete und dort lebte.

Ihr Bericht:

Mund auf, Ohren zuhalten

So weit ich mich erinnern kann sind wir in der ersten Zeit nur am Tage, wenn die Sirenen heulten, in den Tiefbunker gelaufen. Solange Amerika noch nicht in den Krieg eingegriffen hatte, konnten wir so ab Mitternacht wieder nach Hause gehen. Die englische Luftwaffe musste ja wieder nach England zurück.

Unser Eingang war am Westpark und ein zweiter in der Möllerstraße. Am Westpark (früher Westfriedhof) gab es den großen Eingang. Die Treppen waren so breit, dass ungefähr sechs Leute nebeneinander runter gehen konnten. Die Eingänge waren auch verwinkelt damit der Luftdruck beim Bombenfall nicht sofort durch konnte. Außerdem gab es zwei dicke Stahltüren, auf halber Höhe eine und dann unten die zweite.

Dortmund von untenAlso begaben wir uns 1943 immer tagsüber in den Bunker. Dort waren Bänke aufgestellt, auf denen wir mit Freunden saßen. Jeder hatte da seinen Platz und wehe es saß ein “Fremder” darauf. Dieser wurde dann mit Nachdruck gebeten den Platz zu räumen. Unter der Decke des Gewölbes verlief ein dickes, schwarzes Kabel und alle paar Meter war dort eine ovale Lampe, die eine Drahtummantelung hatte, angebracht. Bei einem Angriff gingen die Lichter sofort aus. Ob die Decke verputzt war, kann ich nicht sagen. Aber der Boden bestand aus Lehm oder Erde. Er war nass. Von den Wänden lief das Wasser mal mehr mal weniger. Der Stollen selbst wurde von der Firma Deilmann gebaut.

Bei besonders schweren Angriffen mussten wir uns hinsetzen und die Ohren zu halten und den Mund ganz weit auf machen. Es war so beeindruckend, dass ich es nie vergessen kann. Die Ohren zu, damit das Trommelfell nicht platzt. Und den Mund auf, damit die Lunge nicht platzt.

Tonnen mit Brettern dienten als Toiletten

In unserer Nähe war ein Luftschacht, der heute noch zu sehen ist. Er liegt hinter dem Krautscheid-Haus auf dem Westpark. Außerdem waren in der Nähe des Luftschachtes unsere Toiletten. Es war ein großer Raum, da standen Blechtonnen. Auf den Tonnen waren vorne Holzbretter angebracht, auf die konnte man sich setzen. Ich durfte nie alleine dort hin. Meine Mutter ging immer mit. Mal waren die Tonnen bis oben hin voll und keiner konnte mehr darauf. Wer darauf ging wurde bestraft.

Nachdem die Amerikaner sich ins Kriegsgeschehen einmischten, wurde es dramatischer und wir konnten nicht mehr nach Hause. Also besorgte Vater uns Etagenbetten aus rohem Holz. Dort schliefen wir nun und waren Tag und Nacht hier unten gefangen. Unser Bett hatte einen Baldachin. Das war eine Plane, damit das Wasser nicht ins Bett lief.

Meine Mutter ging ab und zu nach Hause, um Essen zu holen, aber ich durfte nicht mit. Vater ging arbeiten und kam nach Feierabend wieder. Einmal gab es nachts einen großen Angriff und unser Eingang wurde getroffen. Danach ging Mutter wieder über einen anderen Eingang nach Hause und ich blieb alleine unten. Ich hatte aber Angst und lief ihr hinterher, aber ich fand sie nicht. Also lief ich immer weiter, bis ich fast am Bahnhof war.

Blut und Geschrei am Hauptbahnhof

Dort war offenbar ein Zug getroffen worden. Dort war gerade ein einfahrender Zug bombardiert worden. Die vielen Verwundeten brachten sie in den Bunker. Ich blieb entsetzt stehen und sah nur Blut und Menschen, die schrien. So viel Blut und Geschrei hatte ich noch nie gehört. Vor lauter Angst lief ich wieder zurück. Dort wartete ich auf Mutter. Es waren Ärzte und Schwestern dort die sich um die verletzten Menschen kümmerten. Ich wurde auch gefragt ob jemand Angehöriges von mir dabei sei. Ich verneinte es und lief so schnell ich konnte zurück und weinte, bis meine Mutter kam.

Dieses Bild von den verwundeten Menschen habe ich bis heute nicht vergessen. Drum verstehe ich auch nicht die jungen Leute, die einer radikalen Gruppe angehören. Die sollten mal so einen Krieg mitgemacht haben.

Zeitzeugen-Bericht: "Ich war immer froh, wenn ich aus Dortmund raus war"

Gustaaf Dörmann, Jahrgang 1928, aus Brambauer, fuhr immer donnerstags mit dem Zug nach Dortmund, wo er zur Berufsschule ging. Bei Bombenangriffen floh er in den Tiefstollen. Dörmann behauptet, der Bunker sei ursprünglich als U-Bahn konzipiert gewesen.

Noch 1945 wurde Dörmann einberufen und am Fliegerhorst Jever stationiert. Von dort kam er nach Berlin-Adlershof, dann nach Bocholt. Dort sollte seine Einheit den Sprung der Alliierten über den Rhein stoppen: „Da haben wir laufen gelernt“, sagt er. Er geriet an kanadische Soldaten und kam in britische Gefangenschaft.

Dörmanns Erinnerungen:

Gustaaf Dörmann floh auf dem Schulweg in den Bunker

Die Anlage ging von der Treppe am Hauptbahnhof bis zum Körnerplatz. Ich musste immer donnerstags von Lünen-Brambauer nach Dortmund zur Brüggmannschule. Das war meine Berufsschule. Morgens musste ich zur Arbeit, ich habe Elektromechaniker gelernt, und nachmittags am Donnerstag zur Berufsschule.

Wenn dann Fliegeralarm kam, mussten wir runter in den Bunker und haben gewartet, bis die Entwarnung kam. Da unten waren immer Schilder zum Körnerplatz, das weiß ich noch. Im Bunker waren Bänke, auf denen man sitzen konnte. Weit bin ich nie reingegangen, weil ich ja den nächsten Zug nach Hause kriegen wollte.

In Dortmund gab es wenigstens Bunker

Gegenüber vom Bahnhof war ein großer Eingang, da strömte alles rein. Da habe ich mir dann einen Platz gesucht und gewartet, dass es vorbei war. Meine Geschwister waren zufällig bei dem großen Bombenangriff am 12. März 1945 in Dortmund und mussten dann auch in den Bunker fliehen. Die kamen gerade vom Verwandtenbesuch aus Dresden. Da hatten sie sich noch gewundert, dass es in Dresden überhaupt keine Luftschutzbunker gab. Die wussten da gar nicht, dass Krieg war! Als die ersten Flieger nach Dresden kamen, hat sie ihr Kind gepackt und ist zurück ins Ruhrgebiet gefahren. Da gab es wenigstens Luftschutzkeller und Bunker – wir hatten ja ab 1940 immer Fliegeralarm.

In Lünen war es insgesamt ruhiger. Da war zwar auch Fliegeralarm, aber nicht so oft wie in Dortmund. Und in Lünen wussten wir, wohin wir flüchten konnten. Ich war immer froh, wenn ich wieder aus Dortmund raus war.

Zeitzeugen-Bericht: "Zwangsarbeiter mussten draußen bleiben"

Hans Josefiak, geboren 1932, aufgewachsen in Dortmund, lebt heute in Schwerte. Auch er nutzte den Bunker ab und an. Auch er kennt das Gerücht, bei dem Bunker habe es sich ursprünglich um einen U-Bahn-Tunnel gehandelt. "Es war aber der Bunker", sagt er.

Sein Bericht:

Hans Josefiak sah Zwangsarbeiter in der Nähe des Bunkers

Wir haben in der Nähe des großen unterirdischen Bunkers gewohnt. Es gab einen Eingang an der Ritterhausstraße, Ecke Möllerstraße. Von dort konnte man bis zum Körnerplatz gehen. Bei Angriffen sind wir aber nie in den Bunker geflüchtet, sondern in einen Hochbunker in der Nähe unserer Wohnung.

Am städtischen Fuhrpark habe ich Zwangsarbeiter aus der Ukraine gesehen. Auf dem Rücken stand „UK“, glaube ich. Die müssen an dem Tiefbunker gebaut haben. Die mussten bei Angriffen aber draußen bleiben. Da waren die auf sich allein gestellt. Einmal habe ich einen von denen gesehen, wie er die Mülltonnen nach Essen durchsuchte. Er fand Kaffeeprött, den er sich in den Mund stopfte. Das war ein riesiger Kerl, aber er sah sehr müde aus und hat geschwankt. Manchmal haben Deutsche den Zwangsarbeitern heimlich Butterbrote hingelegt. Das war aber verboten und man musste sehr aufpassen. Wir wurden ja ständig überwacht.

In dem Tiefbunker gab es viele Abzweige zu Seitentunneln, das ging kreuz und quer. Man konnte sich da drin verlaufen. In manchen Tunneln war der Beton noch ganz frisch. Es gab Beleuchtung, zumindest brauchte ich keine Taschenlampe. Ich weiß gar nicht, wo die den ganzen Abraum hingebracht haben, den die da rausgeholt haben.

Viele Tote bei Bombenangriff

Der große Eingang war an der Treppe gegenüber vom Hauptbahnhof. Da gab es bei einem Bombenagriff viele Tote, die nicht in den Bunker gekommen waren. Da kamen wohl mehrere Züge an und die Leute kamen nicht mehr rechtzeitig in den Bunker. Da reicht ja eine Bombe.

AktionAngst habe ich nie gehabt. Ich habe auch nicht ans Sterben gedacht. Ich habe immer geglaubt, dass wir im Bunker oder im Keller sicher sind. Nach einem großen Angriff sind meine Mutter und ich aus dem Hochbunker an der Ritterhausstraße gekommen und haben gesehen, dass das Haus, in dem wir wohnten einen Volltreffer abgekriegt hatte. Wir hatten im vierten Stock gewohnt und alles war zerstört. Die vordere Fassade war weg. Im ersten Stock konnten wir noch in ein paar Zimmern wohnen. Bergleute aus Kirchlinde hatten uns geholfen, ein paar Sachen aus unserer Wohnung zu holen, aber eigentlich war alles komplett zerstört.

Mein Vater war Telefonist in den städtischen Krankenanstalten. Der durfte bei Angriffen nicht in den Bunker, sondern musste die ärztlichen Einsätze koordinieren. Einmal war ich auch dort im Krankenhaus, weil ich durch eine Sportverletzung eine ausgerenkte Hüfte hatte. Bei einem Angriff haben mich die Schwestern mit meinem Bett in den Bunker am Krankenhaus gebracht.

Ich war vorher zur Kinderlandverschickung in Murnau und Bad Reichenhall. Die Leitung des Heims, in dem ich da war, hatte sich kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner abgesetzt und die Kinder waren alle auf sich allein gestellt. Die mussten sich nach dem Krieg zu Fuß zurück ins Ruhrgebiet durchschlagen. Ich war da wieder zu Hause, weil meine Verletzung nicht besser wurde und meine Mutter mich zurück nach Dortmund geholt hatte. Darum habe ich den Krieg dann doch in Dortmund erlebt. Irgendwann hieß es dann: „Die Amis sind an der Dorstfelder Brücke.“ Da war der Krieg aus.