Staatsschutz bietet BVB-Fans Hilfe im Kampf gegen Nazis an

Eine der verbotenen Reichskriegsflagge nachempfundene BVB-Fahne auf der Südtribüne.
Eine der verbotenen Reichskriegsflagge nachempfundene BVB-Fahne auf der Südtribüne.
Foto: Linz/PiLi
Was wir bereits wissen
Zwischen Ultras und der Polizei herrscht Funkstille – selbst wenn Fans Opfer von rechten Gewalttätern werden, melden sie diese Taten nicht der Polizei. Doch der Staatsschutz ist auf Anzeigen angewiesen und sucht die Kommunikation mit den Fans.

Dortmund.. Eine kleine Gruppe Neonazis versucht Teile der Fanszene von Borussia Dortmund zu unterwandern. Bei der Ultra-Gruppierung Desperados geben die Rechten bereits den Ton an. Zwischen 30 und 60 ehemalige Mitglieder des inzwischen verbotenen Nationalen Widerstands Dortmund sollen regelmäßig auf der Südtribüne stehen. Auch die Borussenfront wird wieder aktiver, präsentiert ihre Banner stolz bei Auswärtsspielen. Zuletzt wurde nach den Ausschreitungen beim 141. Revierderby der Kreisvorsitzende der Dortmunder NPD verhaftet.

Insider aus der Fanszene sprechen zudem von Übergriffen rechtsradikaler Fans und Straßenkämpfer auf unpolitisch oder linke BVB-Fans. Doch die Gewaltopfer sprechen nicht mit der Polizei, so dass die Beamten nicht aktiv werden können. Wir sprachen mit dem Kommissariatsleiter des Dortmunder Staatsschutzes Georg Steinert über mögliche Strategien, gegen Nazis in der Fanszene vorgehen zu können.

Herr Steinert, was sind die täglichen Aufgaben eines Staatsschützers?

Georg Steinert: Ich bin Kommissariatsleiter des Staatsschutzes. Zu meinem Aufgabenbereich gehört die Verfolgung politisch motivierter Straftaten vom Tragen von Abzeichen verfassungswidriger Organisationen über Heil-Hitler-Rufe bis hin zur Volksverhetzung und rechtsextremistischen Gewalttaten. Unsere Arbeit hat ja in letzter Zeit einige Wellen in Dortmund geschlagen.

Gehört der Fußball dann zwangsläufig zu ihrem Aufgabengebiet?

Steinert: Die Borussenfront gibt es seit 30 Jahren, in sofern hat der Fußball immer eine Rolle gespielt. Wir begleiten da natürlich die regelmäßigen Treffen.

Wenn wir über Nazis im Umfeld des BVB sprechen - von wie vielen Personen reden wir dann?

Steinert: Da müssen wir definieren, was gemeint ist. Es gibt bei 80.000 Menschen im Stadion natürlich eine große Anzahl von Leuten, die sich ganz klar politisch rechts verorten. Wenn man aber von einer harten, politischen Szene spricht, die nur ins Stadion geht, um dort zu agitieren, dann ist das vielleicht eine Handvoll.

Wie agiert diese Handvoll, wie sie sagen, „harter Rechter“? Es hieß ja immer, dass etwa der Nationale Widerstand nicht im Stadion agitiere.

Steinert: Ganz genau. Wir haben aber festgestellt, dass seit dem Vereinsverbot (des Nationalen Widerstands Dortmund, Anm. d. Red.) eine offene Agitation stattfindet. Etwa beim Spiel der Zweiten Mannschaft des BVB in Erfurt oder durch das Zeigen des Solidaritätsbanners auf der Südtribüne. Das ist das erste Mal, dass wir festgestellt haben, dass der Fußball als Bühne für offene politische Agitation benutzt wurde.

War das eine direkte Reaktion auf das Vereinsverbot und die Razzia?

Steinert: Das Vereinsverbot war mit Sicherheit einer der Auslöser. Mit dem Banner („Solidarität mit dem NWDO“, Anm. d. Red.) wurde ja ausdrücklich Solidarität mit dem Nationalen Widerstand Dortmund demonstriert.

Gruppen müssen sich deutlich von Nazis distanzieren

Wie kann der Rest der Tribüne damit umgehen, wenn im Umfeld agitiert wird?

Steinert: Da ist die Frage, ob es so etwas wie Selbstreinigungsprozesse gibt. Gruppen müssen sich deutlich distanzieren. Aber vielleicht muss auch geklärt werden, wie groß die Ängste sind, gegenüber agitierenden Rechten aktiv zu werden. Es gibt ja die verschiedensten Gruppen: Ultras, die Northside, verschiedene Fighting Crews und so weiter. Es gibt Einzelpersonen, wie den Käfigkämpfer, der als Ausbilder fungiert hat. Der hat inzwischen Stadionverbot. Das ist eine härtere Szene.

Mit der wollen sich die meisten Fans nicht anlegen...

Steinert: Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Leute an uns wenden. Wir haben möglicherweise ein Kommunikationsproblem. Wenn die Ultras aus Prinzip nicht mit der Polizei sprechen, müssen wir da trotzdem irgendwie dran. Wir hören ja auch die Gerüchte, dass es Überfälle einer Ultra-Gruppe auf die andere gegeben haben soll. Da ist von 60 Überfällen auf einzelne Personen die Rede. Da frage ich mich, ob es da wirklich keine Zeugen gegeben hat, die das der Polizei mitteilen können. Auf Basis von Gerüchten können wir nicht ermitteln.

Klar ist: Wir müssen einen Kommunikationsweg öffnen. Wir haben zum Beispiel das Sorgentelefon (0231 132-7777, Anm. d. Red.) für Opfer rechter Gewalt. Dort kann man sich anonym mit der Polizei in Verbindung setzen. Natürlich sitzt da dann ein Polizeibeamter, der viele Fragen stellt, eben um das Ganze dann auch irgendwann gerichtsfest zu machen. Man kann das einfach mal ausprobieren.

Um Kommunikationswege zu finden, muss Vertrauen aufgebaut werden. Wie wollen Sie einen Weg finden, um in eine so geschlossene Szene zu kommen, wie es die Ultra-Szene ist?

Steinert: Wir stellen uns seit einiger Zeit die Frage, wie wir die Nase an die Taten, oder besser noch an die Opfer kriegen. Wir haben uns gesagt: Die Rechten sind vernetzt, wir müssen’s werden. Dann sind wir in einen engen Dialog mit der Opferberatung Backup getreten, um eine Ebene zu finden, auf der wir mit Opfern kommunizieren können. Denn wie die Ultra-Szene, arbeitet auch die Antifa nicht mit der Polizei zusammen. Oft fehlt einfach nur ein Gesicht, um kommunizieren zu können.

Die acht Rechten, die jetzt Stadionverbote bekommen haben, waren ja als Rechte Straftäter bekannt. Warum hat die Polizei nicht schon lange vorher Betretungsverbote für das Stadionumfeld erwirkt, um diese Personen vom Stadion fernzuhalten?

Steinert: Das ist schwierig. Wir können niemandem wegen seiner Gesinnung verbieten, ins Stadion zu gehen. Es gibt keine Gesinnungspolizei, da möchte ich nicht hin. Erst wenn wir es schaffen, politisch motivierte Straftaten in Bezug zum Fußball zu bringen, dann können wir handeln. Stadionverbote sind ein Mittel, um Rechten in der Stadt auf die Füße zu treten.

Wie ist Ihre Rolle als Staatsschützer an einem normalen Spieltag?

Steinert: Wir begleiten seit Anfang des Jahres alle Heimspiele der Ersten und Zweiten Mannschaft. Gerade bei der Drittliga-Mannschaft muss man genau hinsehen. Möglicherweise sehen die Rechten bei Drittliga-Spielen bessere Möglichkeiten zur Agitation.

Beim Spiel der Zweiten Mannschaft des BVB gegen Karlsruhe war zu beobachten, dass Rechtsradikale und Dortmunder Ultras zusammen in der Kurve saßen.

Steinert: Durch unsere Zusammenarbeit mit den Szenekundigen Beamten können wir sehen, dass es Verbindungen zwischen dem harten Kern der Rechten und den Desperados gibt. Und die Rechten treten immer offener auf. Bei ihren Verteilaktionen geben sie sich zum Beispiel als Nazis zu erkennen.

Polizei will Ansprechpartner auch für Ultras sein

Macht es Ihnen diese Offenheit leichter, beim Rest der Fans oder auch der Bevölkerung ein Problembewusstsein zu schaffen?

Steinert: Problembewusstsein ist immer gut. Aber wer ins Stadion geht, will zunächst einmal Fußball gucken und seine Probleme vielleicht auch abstreifen. Da will man nicht mit politischer Agitation konfrontiert werden. Vielleicht sind auch die Antennen dafür gar nicht ausgefahren, so dass Agitation gar nicht wahrgenommen wird. Ich glaube, dass viele einfach gar nicht bemerkt haben, dass es rechte Agitation gab. Die Freund-Feind-Erkennung ist seit ungefähr fünf Jahren ja auch wirklich schwierig geworden. Wir hatten einen mit grün-schwarzem Irokesenschnitt. Den hätte ich damals bestimmt nicht als Rechts eingestuft.

Was raten Sie jemandem, der auf der Tribüne mit rechter Agitation konfrontiert wird? Es wird immer von Zivilcourage gesprochen.

Steinert: Zivilcourage ist gut, aber niemand soll seine Gesundheit oder sein Leben aufs Spiel setzen. Es gibt viele Methoden, mit uns in Kontakt zu treten, zum Beispiel unser Sorgentelefon. Im Stadion gibt es ganz viele Polizisten, die man ansprechen kann. Man muss es auch nicht sofort mitteilen, es würde reichen, später seine Beobachtungen mitzuteilen.

In der Regel werden auf den Tribünen ja keine Straftaten von Rechten begangen, die dann von der Polizei verfolgt werden könnten. Es geht um das Sammeln von Eindrücken, etwa wenn ein Fan von einem Rechten angesprochen wurde.

Meinen Sie, dass Sie über das Sorgentelefon die Ultras bewegen können, sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen? Welches Angebot können Sie machen?

Steinert: Man kann natürlich keine straffreien Angebote machen. Zunächst möchte ich mich überhaupt als Dialogpartner anbieten. Ich kann nicht beurteilen, was zwischen Ultras und Polizei bisher vorgefallen ist. Die Frage ist, welche Metaebene können wir finden, wer kann eine Mittlerrolle übernehmen? Da kommen natürlich die Fanbeauftragten und das Fan-Projekt in Frage. Leute, die eher in der Sozialarbeit stecken und vor allem keinem Strafverfolgungszwang unterliegen. Über diese neutrale Ebene können wir es vielleicht schaffen, erst einmal die Probleme zu definieren.

Es wäre wichtig, zu erfahren, wie groß die Angst vor Übergriffen ist. Wenn die gerüchteweise transportierte Zahl von 60 Überfällen stimmen sollte, wäre das schon eine Hausnummer. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es da wirklich keine unbeteiligten Zeugen gegeben haben soll, die etwas beobachtet haben. Da sprechen 35 Dienstjahre einfach gegen. Aber selbst wenn es weniger als 60 waren – jeder ist einer zu viel. Ich kann nur wiederholen: Das Angebot zur Kommunikation steht.