Spurensuche in Dortmund - wie viel vom Tatort "Hydra" stimmt?

Spurensuche vor der Industriekulisse: Das Dortmunder Tatortteam im Fall Hydra (v.l.): Martina Bönisch (Anna Schudt), Daniel Kossik (Stefan Konarske), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Peter Faber (Jörg Hartmann).
Spurensuche vor der Industriekulisse: Das Dortmunder Tatortteam im Fall Hydra (v.l.): Martina Bönisch (Anna Schudt), Daniel Kossik (Stefan Konarske), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Peter Faber (Jörg Hartmann).
Foto: WDR
Was wir bereits wissen
In düsteren Farben zeichnete der Tatort am Sonntag die Stadt Dortmund als Zentrum der Neonazis. Stimmt das Bild? Eine Spurensuche.

Dortmund.. Dieser „Tatort“ war hart zu Dortmund: Düstere Stadt im Nazi-Sumpf, lautet die Botschaft der Folge „Hydra“. Und am tiefsten ist der braune Morast im Stadtteil Dorstfeld, im Film gleich ein Dutzend Mal erwähnt. Wie nah ist dieser Krimi an der Wirklichkeit? Eine Spurensuche.

Der erste Eindruck ist so unspektakulär wie der Ortsteil. Ein Besucher könnte wohl stundenlang durch Dorstfeld spazieren, ohne darauf zu kommen, dass es hier ein Neonazi-Problem gibt. Nicht einmal am Steinauweg, an der Straße „Fine Frau“ oder am Wilhelmplatz, obwohl diese Namen so gestrig klingen. Dorstfelder sagen: „Da wohnen die.“ Es soll aber „nur eine Hand voll“ sein.

Neonazis Hans-Peter Balzer, Dorstfelder SPD-Ratsherr, hält das Problem für überschaubar: „Zehn oder zwölf Rechte bei 15 000 Einwohnern.“ Die Rechten, sagt er, machten längst nicht mehr so viel Wirbel wie noch vor fünf Jahren. Michael Plackert von der städtischen Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie spricht von einem „harten Kern“ von 30 Neonazis, „mit Mitläufern sind es rund 100“. Polizeisprecher Kim Ben Freigang versichert, in Dorstfeld sei es nicht gefährlicher als anderswo in der Stadt. No-go-Areas? Gibt’s angeblich nicht. Ist die „Hydra“ also harmlos?

Auslaufmodell tumber Glatzkopf

Mitnichten. Denn fast alles, was im „Tatort“ zu sehen ist, hat einen realen Hintergrund. Der tumbe Glatzkopf scheint ein Auslaufmodell zu sein in der Szene, Neonazis erkennt man nicht mehr auf den ersten Blick. Die echte Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt heißt „Back up“ und nicht „Stand up“. Überfallen wurde die allerdings nie. Mit den „Dortmunder Nationalsozialen“ ist der verbotene „Nationale Widerstand Dortmund“ (heute Teil der Neonazi-Partei „Die Rechte“) gemeint. Die „Dorstfelder Front“ hieß in Wirklichkeit „Skinhead-Front Dorstfeld“. Einer aus diesem Kreis ermordete vor zehn Jahren Thomas Schulz, einen jungen Punk.

Tatort SPD-Mann Balzer, ein Ur-Dorstfelder, kennt die Ecken, an denen Neonazis eben doch ihre Spuren hinterlassen. An der Mauer neben einer Ruine in der Eichenstraße verblasst eines ihrer Graffitis. Unter einem Schild „Spicherner Straße“ pappen, ausgerechnet unter einer Jakobsweg-Muschel, zwei „Spuckis“ der Rechten – kleine Propaganda-Aufkleber. Der Name des Stadtteils wird, wie im „Tatort“, zur „Reviermarkierung“ missbraucht. „44149“ – die Postleitzahl – steht auf „Spuckis“. Oder „R 135“, Hinweis auf ein früheres Quartier der Neonazis an der Rheinischen Straße.

Dass diese Zeichen seltener werden, liegt an aufmerksamen Bürgern. Denn es gibt eine Menge Leute in Dorstfeld, die ein Auge darauf haben, dass all das schnell abgewischt oder abgeknibbelt wird. Viele Vermieter wünschen (und bekommen) Infos, ob ein Neumieter ein Rechter sein könnte.

Die Rechtsextremen sammeln und dokumentieren alles über ihre Gegner, auch Linke veröffentlichen „Nazi-Listen“ im Internet. Extrem rechts gegen extrem links, der Versuch, einen Stadtteil als den „eigenen“ zu markieren – das erinnert an „Weimarer Verhältnisse“, hier allerdings im Mikroformat.

Polizisten verletzt

Polizeisprecher Freigang nennt es zwar „absolut unvorstellbar“, dass in Dortmund jemand einer Beamtin, wie im „Tatort“, ein Hakenkreuz auf den Bauch sprühen würde. Aber erst vor wenigen Tagen floss Blut, als ein Neonazi einen Polizisten am Rande einer Info über ein Flüchtlingsheim in Eving verletzte.

Krimi Weit über Dortmund hinaus bekannt sind die Überfälle von Neonazis auf eine Mai-Kundgebung des DGB (2009) und die unter Linken beliebte Kneipe „Hirsch-Q“ (zuletzt 2012), der „Sturm“ auf das Dortmunder Rathaus (2014) und natürlich die Ermordung des Kioskbesitzers Mehmet Kubasik durch „NSU“-Terroristen (2006).

Das ist die sichtbare Oberfläche des braunen Sumpfes. Darunter wabert eine alltägliche, subtile, perfide rechte Gewalt durch die Stadt. Ihr Ziel: Angst machen. Da wurde eine Dorstfelder Familie über Monate terrorisiert und regelrecht aus dem Stadtteil gejagt. Da stehen Nazis Spalier vor einem Kommunalwahl-Lokal, machen „Hausbesuche“ beim Oberbürgermeister, bei einem Journalisten, bei Migranten.

Wer die Köpfe der „Hydra“ sucht, stößt auf ein Haus an der Emscherstraße. Dorstfeld ist eng verknüpft mit den beiden führenden Personen der Dortmunder Rechten. Diesem Haus ist der Online-Versand „Antisem.it“ zugeordnet, den einer der beiden betreibt. Im Angebot: Spuckis, Fahnen, Zwillen, Pfefferspray.

Der andere ist Ratsvertreter von „Die Rechte“. Dieser Mann, der die Stadtverwaltung im Herbst Juden zählen lassen wollte, betreibt gleich mehrere rechtsextreme Online-Portale. Mindestens einer seiner Internet-Dienste dient offenbar dem anonymen Mail-Austausch unter Rechtsextremen. Den Sicherheitsbehörden in NRW liegen entsprechende Erkenntnisse vor.