Spur des Nazi-Terrors führt nach Dortmund

Was wir bereits wissen
Die Verbindungen der Dortmunder Neonazi-Szene mit Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) waren enger als bisher bekannt. Der Mordanschlag auf Kioskbesitzer Mehmet Kubasik 2006 sollte offenbar als Fanal für weitere Attentate dienen, vermuten Ermittler.

Dortmund.. Das Dortmunder Neonazi-Netzwerk war enger mit dem Umfeld des terroristischen Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) verflochten, als bisher bekannt.

Nach Recherchen der WAZ Mediengruppe besuchten Neonazis aus Dortmund bereits im Jahr 1995 gemeinsam mit dem späteren Terroristen des NSU, Uwe Mundlos, ein Treffen gewaltbereiter Neonazis aus der extremistischen „Blood & Honour“-Szene im ostdeutschen Gera. Dies geht aus Überwachungsprotokollen der Thüringer Polizei hervor, die der WAZ Mediengruppe vorliegen. Ein direkter Kontakt des NSU zu Dortmunder Neonazis war bislang nicht nachgewiesen.

Pass für Beate Zschäpe

Weitere Kontakte aus Dortmund in das NSU-Umfeld lassen sich aus Unterlagen des Bundeskriminalamtes nachzeichnen. So trafen sich etwa im Jahr 2001 Dortmunder Neonazis im Rahmen der rechtsradikalen Gefangenenhilfe HNG mit der prominenten NSU-Unterstützerin Antje Pobst. Diese hatte der NSU-Terroristin Beate Zschäpe ihren Pass zum Abtauchen in den Untergrund zur Verfügung gestellt. Zudem findet sich im Adressbuch des NSU-Sprengstoffbeschaffers Thomas Starke die Telefonnummer der Dortmunder Nazi-Band Oidoxie.

Aus den Handydaten des Thomas Starke lässt sich nachweisen, dass sich dieser NSU-Unterstützer Ende der 90er-Jahre häufig im Dortmunder Raum aufhielt. In einer angefangenen SMS schreibt Starke aus dem Dortmunder Raum: „Bin gestern Nachmittag mal hier ein Stück gelaufen, nur Türken, da fällt dir nichts mehr ein.“ Ein ostdeutscher Kontaktmann aus dem NSU-Umfeld antwortet per SMS: „Isses so schlimm mit den Kanaken? Da weiß man ja, wo nächstes Mal aufgeräumt werden muss.“

„Wir wollten Terroristen werden“

Am 4. April 2006 erschossen die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Dortmund den Kioskbesitzer Mehmet Kubasik.

Ermittler des Verfassungsschutzes sagten der WAZ Mediengruppe im Schutz der Anonymität, ein denkbares Motiv für den Mordanschlag auf Kubasik sei die so genannte Strategie der „Kommunikation der Tat“. Der Mord habe eventuell als Fanal dienen sollen, weitere Gewalttaten rechter Extremisten in Dortmund zu provozieren.

NSU-Prozess Ein Mitglied der damaligen Naziszene rund um die Dortmunder Nazi-Band Oidoxie sagte der WAZ Mediengruppe: „Wir wollten Terroristen werden.“ Wie aus Unterlagen hervorgeht, die dieser Zeitung vorliegen, hatten Dortmunder Neonazis mit Kontakten zum NSU teilweise über Mittelsmänner Zugang zu Waffen und Sprengstoffen. Immer wieder kam es aus ihrem Umfeld zu schweren Gewalttaten und sogar Morden. So tötete der Neonazi Michael Berger im Jahr 2000 drei Polizisten bevor er sich selbst erschoss. In der Dortmunder Naziszene wurden die Morde gefeiert. „3:1 für Deutschland“ hieß es auf einem Flyer, den Nazis anschließend verteilten.

Überfälle geplant

Die Dortmunder Neonazis, denen Drähte zum NSU-Umfeld nachgewiesen werden können, gehören zur besonders gewaltbereiten Szene im Ruhrgebiet. Einer der festgestellten Nazi ist beispielsweise Marco Gottschalk, Sänger der Band Oidoxie. Er selbst und seine Band treten immer wieder unter dem Label „Combat 18“ auf. Bei dieser Gruppe handelt es sich um einen besonders militanten Flügel des „Blood & Honour“-Netzwerkes.

Ein weiterer Neonazi, der sowohl bei dem Treffen in Gera, als auch dem HNG-Treffen dabei war, ist Carsten Jährling. Dieser Dortmunder Rechtsextremist stand damals in engem Kontakt mit den höchsten deutschen „Blood & Honour“-Funktionären und führte selbst eine Gruppe von bis zu 30 Dortmunder Neonazis an, aus deren Kreis immer wieder Überfälle geplant und durchgeführt wurden.