Spielhallen schießen in Dortmund wie Pilze aus dem Boden

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Was wir bereits wissen
Fast 5000 Dortmunder sind spielsüchtig. Im vorletzten Jahr haben sie an 2000 Spielautomaten fast 40 Millionen Euro verzockt. Aber die Stadt wird der Flut der einarmigen Banditen nicht Herr – trotz des „Masterplans Vergnügungsstätten“. Neue Glückspiel-Hallen schießen wie Pilze aus dem Boden.

Dortmund.. Das Spiel dreht sich vermeintlich ums Glück. Wer ihm verfällt, der hat die Vorsilbe „Un“ kostenlos dazu gewonnen. An die 5000 Dortmunder sind spielsüchtig; allein im vorletzten Jahr haben sie an rund 2000 Spielautomaten in der Stadt fast 40 Millionen Euro verzockt.

Die Branche boomt: Umsatzsteigerungen von fast 500% in den letzten zehn Jahren — 2010 angeblich mehr als fünf Milliarden Euro. Mehr als 56 % davon, schreibt die FAZ, werden in Spielhallen mit Spielsüchtigen erwirtschaftet. Durchschnittlich 1,4 Millionen Euro Umsatz spült eine einzige Spielhalle im Jahr durch die Kasse. Während an diesen Kassen Mitarbeiter stehen, die nicht selten mit unter 7 € Stundenlohn nach Hause geschickt werden – bei zum Teil unanständigen Arbeitsbedingungen.

Die Flut der rollierenden Zufallsgeneratoren, der einarmigen Banditen, einzudämmen – es gelingt der Stadt Dortmund nicht. Trotz des „Masterplans Vergnügungsstätten“, trotz Abstandsregelungen, Beschränkungen von Automatenzahl pro Halle schießen die neuen Spielstätten wie Pilze aus dem Boden.

Mehr Daddelhallen als anderswo

In zehn Monaten nach dem Ruf zur Reglementierung addierten sich allein 25 neue Hallen zu den bis dato 166. 1921 Automaten schlucken Euro. Damit weist Dortmund eine höhere Dichte an Daddelhallen auf, als alle anderen kreisfreien NRW-Städte.

Die Spieler – sie landen, wenn das Glück sie im Stich gelassen hat, im besten Fall bei der Suchtberatung. Fast immer enden sie bei der Schuldnerberatung; oft genug müssen sie die Finger heben. Und meistens sind dann schon Familien an der Sucht zerbrochen.

Die Spielhallen-Mitarbeiter – sie landen im besten Fall bei der Gewerkschaft. Aber auch das eher selten. Manfred Sträter (NGG): „Betriebsräte gibt es kaum.“ Ein bei der Schmidt-Gruppe installierter Betriebsrat hat sich kein Jahr später bereits wieder in Luft aufgelöst. Wer hier arbeitet? Meistens Frauen, 45 und älter, die nach Familienpause oder Scheidung keinen anderen Job finden. Sie gehen mit knappen sieben Euro nach Hause. Nicht schlecht für Ungelernte, baffen die Kritiker und finden: Viel mehr als Kaffeekochen müssen die ja nicht. Wer die Stellenbeschreibungen der Service-Mitarbeiterinnen kennt, angefangen beim Toilettenputzen, weiß, dass das kein Traumjob ist. Nicht mal aufs Klo könne man, sagt eine, die die Arbeit im Glücksgeschäft krank gemacht hat. Weil viele Mitarbeiterinnen aus Kostengründen eine Halle alleine betreuen – was sie obendrein zur Zielscheibe von Raubüberfällen macht.

Den Betreibern ist es übrigens egal, mit welchem Traum vom großen Gewinn sie ihre Kunden ködern. Zurzeit sind Sportwetten en vogue. Neues Spiel, neues Glück ...