"So'n Gebäude ist wie 'ne Wundertüte"
28.03.2008 | 21:10 Uhr 2008-03-28T21:10:23+0100Die Bier-Burg steht, als hätte sie nie einen Abriss befürchtet. Politisches Gezänk schuppt ihre 135 cm dicken Ziegelwände kaum - nur Nässe und Wind haben Narben hinterlassen. Aber die Würde, die das "U" abstrahlt, ist selbst in dem Zustand spürbar. ...
... Bauleiter Rüdiger Ameling aus dem Büro Gerber sieht man die Freude an, als Architekt gleichsam das Genre zu wechseln. Denn das, was die alte Dame vor sich hat, ist keine Sanierung - für ihn ist das eine Schönheitsoperation. Auf der Wüste des Parkplatzes an der Ritterstraße zieht Ameling ein zweites Paar Socken über, bevor er in feste Schuhe steigt. Das hier ist Baustelle, nicht Büro. Seit 1993 rottet der Turm vor sich hin - viel zu hässlich für ein Wahrzeichen. Nord- und Ostseite sind bereits eingerüstet, Silvio Strauch und seine Jungs vom Unternehmen BSB sind gerade dabei - jetzt wechseln wir mal ins Bergsteigerische - den Aufstieg über die Westflanke vorzubereiten. Insgesamt werden in sechs Wochen 7700 qm Flächen eingerüstet.
Dem Monolithen geht es wie dem Everest: Er ist fotografiert bis in die letzte Verwerfung. Das Gutachten auf Fotobasis aber reicht nicht. "Jetzt geht es darum, die Außenhaut abzuklopfen", meint der Leiter der Projektgruppe Rheinische Straße, Karl-Friedrich Ostholt.
Fest steht, der Dame wird einiges aus dem Gesicht fallen. Die Armierung der Kolonnaden, wie die Architekten die umlaufenden Betonränge am Kopf des Gebäudes nennen, schaut hervor. Dort hat sich die Nässe bis zum Stahl vorgearbeitet, der rostet und der Beton platzt weg. "So'n Gebäude ist ja wie 'ne Wundertüte", meint Ostholt, "aber das hier ist weniger kaputt, als wir gedacht haben. Sie haben 1926 doch ganz guten Zement vermauert."
Vielleicht muss man die Steine neu verfugen, auf jeden Fall aber abstrahlen. Wer jetzt an eine Sandreibe denkt, liegt falsch. "Wir machen verschiedene Versuche", sagt Susanne Linnebach, Ostholts Stellvertreterin. Entweder wird Kalzit, Glasstaub oder Heißdampf eingesetzt. Denn wie neu soll's schließlich nicht werden - Patina ist gefragt.
Die Decken tragen 2,6 Tonnen je Quadratmeter
Der Weg durch die Geschosse hoch bis in den siebten Stock offenbart die Möglichkeiten des Gebäudes, das 1926 und 1927 als erstes Hochhaus Dortmunds erbaut wurde und unter dessen Dach 1973 die Rekordmenge von zwei Mio. hl Union-Bier hochschäumte.
Maischebecken, Brauwasserbehälter, Kühlschiff, Hefezuchtbecken, Gärbottiche - alles auf Menge ausgelegt. Allein die Brauwasserbehälter fassten 315 t Wasser. Und das im Obergeschoss. "Die Decken tragen 2,6 Tonnen je Quadratmeter", sagt Architekt Ameling. Womit der Einsatz von Kleinbaggern in der 6. Etage kein Problem wäre.
7. Etage, und wer von hier aus nochmal Treppen steigt, tritt ins stürmisch-kalte Dortmunder Draußen. Über allem ragt seit 1962 das neun Meter hohe, blattgoldene "U". In echt, es waren ja schließlich die Hochzeiten Dortmunder Braukultur, da konnt' man schon was springen lassen. Etwa 40 Prozent müssten erneuert werden, schätzt Experte Ameling.
100, 150 Menschen werden in wenigen Wochen die Baustelle beleben. Sie werden abreißen und aufbauen - bis das "U" wieder ein Bauwerk ist, das den Ausdruck Wahrzeichen wirklich verdient.
"Als Kind bin ich hier schon rumgelaufen", erinnert sich Rüdiger Ameling, "daran beteiligt zu sein, das ist wie eine Bescherung für mich." Spannender als ein Neubau, "weil man das Neue mit dem Alten in Verbindung bringen, man das Alte behandeln muss." Behandeln sagt der Architekt, nicht sanieren.
18:58
Kann mir jemand sagen, wann die Restauration fertig wird?