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So verarbeiten Polizisten in Dortmund traumatische Erlebnisse

22.02.2012 | 12:00 Uhr
Dr. Christoph Pahlke vom Kriseninterventionsteam der Polizei in NRW betreut Beamte nach schwierigen Einsätzen. Foto: Franz Luthe

Dortmund.  Die Belastungen auch für Dortmunds Polizisten steigen. Sie sehen sich einer wachsenden Gewaltbereitschaft gegenüber, werden mit schrecklichen Unfällen konfrontiert, mit sexueller Gewalt an Kindern, dramatischen Selbstmorden. Ein NRW-Betreuungsteam kümmert sich um psychisch angeschlagene Beamte.

Immer größer werden die Belastungen für Polizisten . Sie sehen sich einer ständig wachsenden Gewaltbereitschaft gegenüber, müssen viele aufwühlenden Ereignisse verkraften. Dinge, die an der Seele nagen. Sie werden mit einem schrecklichen Unfall konfrontiert, mit sexueller Gewalt an Kindern, mit dramatischem Selbstmord. Oder sie geraten selbst in einen Schusswechsel und somit in eine Situation, in der ihr eigenes Leben bedroht wird.

Oft von einer Sekunde auf die andere. Oder sie müssen miterleben, wie Kollegen im Einsatz getötet werden. Nach solchen besonders belastenden beruflichen Ereignissen, erfahren die Beamten Hilfe bei einem landesweit arbeitenden Betreuungsteam, egal ob es Beamte auf den Streifenwagen, Kripobeamte oder Spezialeinsatzkommandos sind.

„Wir gehen zu den Beamtinnen und Beamten, sie müssen nicht zu uns kommen“, erklärt Dr. med. Christoph Pahlke, einer von zehn Experten des Kriseninterventionsteams der Polizei in NRW. Die einzelnen Ereignisse hingen sicherlich auch stark mit der subjektiven Empfindung der Beamten zusammen. Was der eine als besonders belastend ansehe, habe beim anderen Kollegen nicht diese Auswirkungen. Dabei müsse nicht ein einzelnes Ereignis ausschlaggebend sein für die Verfassung des Beamten. „Es kann auch sein, dass sich Dinge im Alltag häufen“, so Dr. Pahlke. „Irgendwann ist es dann eine Leiche zu viel.“

60 bis 70 Einsatzanlässe im Jahr

Durchschnittlich müsse sich das Team pro Jahr bei 60 bis 70 Einsatzanlässen um betroffene Kolleginnen und Kollegen kümmern, in Einzelfällen auch um größere Gruppen mit mehr als 20 Betroffenen. Das heiße nicht, dass es nicht mehr belastende Ereignisse gebe. „Das sind die Fälle, die von den Betroffenen, von Kollegen oder deren Vorgesetzten an uns herangetragen werden“, so der Mediziner vom Landesamt für Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei NRW (LAFP). Vieles werde auch mit Kollegen vor Ort abgearbeitet oder mit anderen Ansprechpartnern, etwa mit Polizeiseelsorgern. Aber eins sei deutlich zu erkennen: „Die Fallzahlen steigen an. Jedes Jahr ein bisschen mehr. 2000 war ja ein ganz schlimmes Jahr in Dortmund mit den Polizistenmorden.“

Video
Bei der Neonazi-Demo in Dortmund griffen Linksautonome die Polizei an. Der Videobeweis.

Ein Schusswaffengebrauch sei sicherlich ein herausragendes Ereignis für die Beamtinnen und Beamten, aber eher selten. Da gehe es darum, dass die Kollegen vor Ort in Bruchteilen von Sekunden entscheiden müssen: Darf ich? Hab ich die Möglichkeiten? Gefährde ich keine Unbeteiligten? Und hinterher werde über Wochen ermittelt, ob das alles richtig war. „Und der Beamte muss die Entscheidung treffen. Er darf“, weiß Pahlke über die ganz besondere Situation, in der sich die Beamtin oder der Beamte befindet. Das sei ganz besonders belastend, insbesondere dann, wenn vorher eine Bedrohung stattgefunden habe, wenn der Beamte in den Lauf einer Waffe geblickt habe. Und in Todesangst müsse der Beamte noch richtig entscheiden. „Was übrigens in aller Regel auch richtig geschieht“, betont Pahlke.

Den Beamten könne man ein Spektrum an Angeboten unterbreiten. Die Menschen benötigten zunächst einmal eine feste Struktur und Hilfen, ihre Reaktionen, die sie überhaupt nicht einordnen können, richtig einzuordnen. So klinge das Erlebte einfach nicht ab, was sich in Schreckhaftigkeit, in Schlafstörungen , in sich aufdrängenden Erinnerungen festmachen lässt. Es bleibt. Und vor allem als man angefangen habe, das sei vor 17 Jahren gewesen, „war derjenige, der emotionale Reaktionen als Polizist gezeigt hat, als Weichei bezeichnet worden“, so Dr. Pahlke. „Da hieß es: Das tut man als Polizist nicht.“

In der Uniform steckt ein Mensch

Zum Glück seien solche Ansichten und Einschätzungen in den letzten Jahren immer seltener geworden. Mittlerweile gehöre das „Sich Öffnen“, das „Sich den Experten anvertrauen“ weitestgehend zum professionellen Standard. Von der Öffentlichkeit werde das kaum wahrgenommen, da das in der Regel diskret geschehe. Wenn trotzdem etwas an die Öffentlichkeit gelange, dann werde es eher positiv aufgenommen, da man sieht, dass Polizisten auch sensibel sind, dass gottseidank gesehen werde, dass in der Uniform auch ein Mensch steckt.

Die Polizistenmorde 2000 hätten gezeigt, dass man bei solch herausragenden Ereignissen sehr schnell an die Grenzen der personellen Möglichkeiten stoße. Oder etwa die Loveparade, wo eine Vielzahl an Toten zu beklagen ist, wo parallel dazu eine Vielzahl an belasteten Polizisten auf einmal da war.

Blaulicht-Report 2011

Als die Polizisten in Dortmund und Waltrop erschossen wurden, hat Dr. Christoph Pahlke noch als Polizeiarzt in der Behörde an der Markgrafenstraße gearbeitet. „Für mich war das Ereignis sehr belastend“, blickt er zurück. „Da ich alle drei getöteten Kollegen kannte“. Das sei eine Geschichte gewesen, die ganz, ganz schrecklich gewesen sei. So sei auch wenig Zeit gewesen, sich um die Kollegen vor Ort zu kümmern, da sie ja noch weiterarbeiten mussten, da der Täter ja auf der Flucht war. Es war extrem belastend, bis die Nachricht kam, dass der Täter unschädlich war. „Das wirkte sehr lange nach.“

Eine solche Sache wie 2000 lasse einen nie in Ruhe. „Das kommt nicht hoch, aber man erinnert sich daran“, gesteht Dr. Pahlke. „Als ich früher noch in Bork gearbeitet habe, bin ich jeden Tag an der Ecke vorbeigekommen, wo die Morde passiert sind.“ Oder wenn er nachts in Dortmund beim Blutprobendienst unterwegs sei, auf der Wache in Asseln, da stehe ein Bild vom getöteten Kollegen Thomas Goretzky. „Das ist ein Preis für die Arbeit. Ich kann noch damit gut leben,“ sagt er. Im Gegenzug dazu erlebe man viel Vertrauen und auch Situationen, in denen man den Kollegen weiterhelfen kann. 

Andreas Winkelsträter



Kommentare
18.04.2012
23:20
So verarbeiten Polizisten in Dortmund traumatische Erlebnisse
von reinersands | #4

Naja man zwingt ja keinen dazu der Exikutive zu dienen, wer mit Gewalt, Mord und Totschlag nicht klar kommt soll es sein lassen haben ja heute eh alle ein Abi in der Tasche bei den "neu blauen".

25.02.2012
21:30
So verarbeiten Polizisten in Dortmund traumatische Erlebnisse
von Vergeltung | #3

Parallel dazu aber gucken: Wer aus den eigenen Reihen der Polizisten ist radikal,
wer wählt die NPD, wer unterstützt freie Kameradschaften?

25.02.2012
21:27
So verarbeiten Polizisten in Dortmund traumatische Erlebnisse
von Vergeltung | #2

Ebenso das gehäufte Auftreten von Polizistenmorden:
Wer sind denn die Bewaffneten in diesem Land?
Wer schreibt denn auf die Wände "****"?
Wer schafft denn "national befreite Zonen"?
Es sind die, die dafür "Polizei befreite Zonen"
benötigen?
Aufgepasst aber nicht nur in Dortmund, im Aachener
Land, in Berlin, in Thüringen, Sachsen, MVP,
aufgepasst auch in Wuppertal und in Duisburg!

25.02.2012
21:24
So verarbeiten Polizisten in Dortmund traumatische Erlebnisse
von Vergeltung | #1

Ganz wichtig: Man muss der Frage nachgehen, ob die gehäuften Fälle von Kindesmissbrauch, gerade in Nazihochburgen (!), nicht aus den eigenen
Reihen derer geschehen, die die Todesstrafe für Kinderschänder skandieren.

Hingucken, ermitteln - aber richtig!

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