So hart trainieren die Dortmunder Polizeipferde für den Ernstfall

Die Landesreiterstaffel der Polizei trainiert in der Halle des Reiterverein Mitte in Dortmund. Die Polizeipferde sollen den Schrecken vor wehenden Fahnen, vor Pyrotechnik und Hindernissen verlieren und so auf den Einsatz bei Demonstrationen, Fankrawallen und den normalen Streifendienst vorbereitet werden.
Die Landesreiterstaffel der Polizei trainiert in der Halle des Reiterverein Mitte in Dortmund. Die Polizeipferde sollen den Schrecken vor wehenden Fahnen, vor Pyrotechnik und Hindernissen verlieren und so auf den Einsatz bei Demonstrationen, Fankrawallen und den normalen Streifendienst vorbereitet werden.
Foto: WR/Franz Luthe
Was wir bereits wissen
Mit Kollege Pferd im Einsatz bei Demos, beim Fußball oder auf Streife: Die Landesreiterstaffel. Damit Pferd und Mensch im kritischen Ernstfall perfekt harmonieren, trainieren beide hart. Zum Beispiel für Einsätze wie in Gorleben 2011, als sich 30 Reiter sich gegen 200 Demonstranten behaupten mussten.

Dortmund.. Focus steht wie eine Eins. Der Junge ist schussfest. Klappersack-Lärm und Fahnen-Gewedel? Dass der Wallach nicht gähnt, ist alles. Selbst einen Hubschrauber hat er schon, ohne mit dem Ohr zu wackeln, auf Augenhöhe an sich vorbei fliegen lassen. Dann zaubert die Sonne einen kleinen Schatten auf den Hallenboden. Zugegeben: eine echte Überraschung in diesem Sommer. Und das Verlass-Pferd scheut.

30 Reiter gegen 200 Vermummte

Polizeihauptkommissar Roman Leyendecker zuckt mit den Achseln. Auch ein nervenstarkes Pferd ist immer noch ein Pferd. Ein Fluchttier eben. Und in diesem Fall vierbeiniger Kollege. Focus Hafer nämlich wird vom Land NRW bezahlt – er ist eines von zurzeit 19 Pferden der Polizei-Reiterstaffel Dortmund. Leyendecker ist, wenn man so will, Focus’ direkter Vorgesetzter, auch wenn er nicht ihn, sondern Ludwig unterm Sattel hat.

„Wir versuchen schon auszutarieren, wer mit wem zusammenpasst“. Schließlich, sagt Leyendecker, kommen da zwei Lebewesen zusammen. Die sich im Einsatzfall blind aufeinander verlassen, miteinander harmonieren müssen. Dann schließlich trägt der zweibeinige Kollege die Verantwortung für sich selbst, seinen tierischen Partner und die Menschen drumherum. Das Team Pferd/Reiter muss funktionieren. Leyendecker und seine Stellvertreterin Tanja Meinelt malen mit Worten den Ernstfall in die helle Reithalle des Dortmunder Reitvereins: November 2011, Gorleben. 30 Reiter zu Pferde gegen 200 vermummte Demonstranten. „Die wollten uns ans Leder“ , schätzt der 43-Jährige das taktische Vorgehen der Störer auch im Nachhinein ein. Der Staffel flogen Steine, Böller und Signalmunition um die Ohren, „die hatten Zwillen, haben uns mit Stahlmuttern beschossen“. Im vollen Galopp warfen sich die zwei- und vierbeinigen Polizisten dem Mob entgegen. Unterm Strich mit Erfolg. Unterm Strich aber auch mit elf verletzten Kollegen und einem Pferd mit Brandwunden.

Fast nur noch Frauen im Sattel

„Dafür müssen wir trainieren“, sagt der Chef – auch wenn die meisten Einsätze deutlich harmloser sind. Fußball zum Beispiel Demos oderVolksfeste. Und der Gang über den Teppich gerade. Nur einer macht den Abflug und einen Riesensatz über das rote Ding.

Sie sitzen auf hohem Ross – diesmal nicht im übertragenen Sinn, sondern weil sie da oben schlicht den Überblick haben. Und sie sind sattelfest. Grundvoraussetzung für Staffelreiter. Das Pferd ist zudem in vielen Fällen Sympathieträger. „Da kommen schon mal die ganz harten Jungs zum Streicheln“. In den anderen Fällen ist so ein Tier mit fast 1,80 Meter Stockmaß und der Dynamik von um die 600 Kilogramm eben auch Furcht einflößend.

Übungsparcours mit Bällen und Böllern

Ein bis maximal drei Jahre gehen die Vierbeiner durch den Übungsparcours aus Fahnen, Bällen, Böllern, sind auf Streife. Dann müssen sie „die Flusen aus dem Kopf“ haben. Manche sind schon nach vier Wochen reif für die große Tour, sagt Tanja Meinelt. So wie Frantic Cool, inzwischen 17 unerschütterliche Jahre alt. Und manchmal muss es eben auch schneller gehen. Als die Reiterstaffel 2006 von Null – alle Pferde waren verkauft worden; alle Reiter mussten sich neu bewerben – wieder aufgebaut wurde, zum Beispiel. „Wir haben im Januar angefangen. Und sind dann die WM geritten“.

Tanja Meinelt war schon in der Staffel 1 dabei. Und hatte damals ihr altes Dienstpferd Max privat gekauft. Der genießt seinen Ruhestand, aktuelles Stammpferd der 41-Jährigen ist Easy Rider. „Man hängt schon auch sein Herz an die Tiere“, sagt sie. Erst das macht letztlich das Dienstgespann wirkungsvoll, weil verlässlich. Dass sich heute fast nur noch Frauen auf einen Job im Sattel bewerben? Könnte – Stichwort Familienplanung – gegen Kontinuität sprechen. „Deshalb bieten wir auch Teilzeit an“, hat Leyendecker flexibel reagiert. Die andere Version: „Die meisten haben keine Familie“. Oder eben eine sehr geduldige.

Arbeiten am Wochenende

Denn der Job hat tatsächlich einen Pferdefuß. Der Arbeitsalltag der Berittenen spielt sich vornehmlich am Wochenende ab. Freitag Demo in Dortmund. Samstag Hafenfest in Kemnade. Sonntag Fußball in xy. Montag: Übung. „Da werfen uns die Kollegen die Steine um die Ohren“. Donnerstags: Trainingstag. Den Rest der Zeit auf Streife da, wo’s brennt, dort, wohin sie angefordert werden. Heißt: Pferde fertig machen, Ausrüstung einpacken, von A nach B fahren, satteln, aufrüsten – „Manchmal sind wir fünf Stunden beschäftigt, ehe die eigentliche Arbeit beginnt. Und nach dem Einsatz geht alles rückwärts.“

Ausbilder Wolfgang Klepzig bringt die Reiterinnen heute auf Trab. Die Pferde müssen gymnastiziert, anschließend Formales eingeübt werden. „Ohne Automatismus verliert sich der Kollege im Einsatz“, sagt Leyendecker, der ursprünglich mal vom Jet-Piloten umgesattelt hatte. Sie machen die Pferde scheu. Spielen Besenpolo – nette Übung für den weniger lustigen Einsatz mit dem Schlagstock. Tanja Meinelt zündet ein kleines Feuerwerk. Zwei Pferde weichen, drei stehen. Nur Ludwig, den schon eine Fliege auf dem Fell aus der Fassung bringen kann, reckt die Nase vor und guckt sich das funkensprühende Schauspiel mal aus nächster Nähe an.