Sind „Behinderte“ nur Mitarbeiter zweiter Klasse?

Foto: WR/Franz Luthe

Dortmund.. Gibt es Menschen zweiter Klasse? Nein. Aber es gibt durchaus Arbeitgeber, die Menschen in zwei Klassen abstempeln. Die „Normalen“ und die „Behinderten“. Letztere dürfen zwar durchaus einen Bundeskanzler wählen, aber, bitteschön, keinen Betriebsrat. Wenn dieser Arbeitgeber ausgerechnet unter dem Dach des Christopherus-Haus e.V. sitzt, der sich in Dortmund der Integration von Menschen mit Handicap verschrieben hat, fehlt selbst einem erfahrenen Arbeitsrichter das Verständnis.

„Für mich ist es scheußlich“. Deutlicher konnte es der Vorsitzende Richter am Arbeitsgericht, Wolffram, gestern kaum ausdrücken. „Zuerst wird den behinderten Menschen der Eindruck vermittelt, sie seien wie die anderen auch. Und jetzt heißt es: Sie sind zu behindert, um Arbeitnehmer zu sein“.

Hintergrund: Im „Christopherus-Haus am Tierpark“ arbeiten 15 Menschen ohne, sieben mit Handicap, die jetzt einen Betriebsrat gewählt hatten. Das monierte der Arbeitgeber: Die behinderten Mitarbeiter seien nur arbeitnehmerähnliche Personen, ausgeliehen quasi von der Werkstatt Gottessegen, folglich nicht wahlberechtigt. Was den Betriebsrat von drei auf ein Mitglied schrumpfen würde.

Arbeiten diese Sieben tatsächlich nur aus therapeutischen Zwecken im „Treffpunkt“? Oder tragen sie durchaus zum Erfolg eines wirtschaftlich orientierten Betriebes bei? Es gehe, spitzte der Richter die Diskussion im Gütetermin zu, nicht darum, einen Hof einmal links und einmal rechts herum zu fegen. „Sie haben einen Naturkostladen. Das ist kein Kindergarten“. – Sondern eine gemeinnützige GmbH mit Buchhandlung, Bioladen, Bäckereiverkauf, Bistro, Küche.

Richter: „Denken
Sie an Hawking“

Hier arbeitet z.B. seit 14 Jahren Dietmar; Hilfskoch Mehmet macht jetzt sogar eine Ausbildung. Ohne sie..., lässt Betriebsratsvorsitzender und Küchenleiter Thomas Güthoff den Rest des Satzes offen.

Und ob nicht das der anthroposophische Ansatz, der Waldorf-Gedanke sei? Alle möglichst gleich und jeden nach seinen individuellen Fähigkeiten zu behandeln? Richter Wolffram legte der Arbeitgeberseite sehr deutlich nahe, die Anfechtung der Wahl zurückzuziehen. Ansonsten, sagte er, müsse er ja jeden dieser Mitarbeiter auf seine Mündigkeit hin überprüfen. „Sie müssten ja dann schon anfangen: wie hoch ist der IQ... Wollen Sie das? Denken Sie an einen Mann wie Hawking“, spielte er auf den – behinderten – Astrophysiker an. Und setzte ein Argument hinzu: „Die Gutachten – das zahlen alles Sie“.