Sechs Krebs-Kranke unter den Envio-Opfern
28.07.2011 | 21:10 Uhr 2011-07-28T21:10:00+0200Dortmund. Das Drama nimmt seinen Lauf. Nach Informationen der WAZ Mediengruppe gibt es im Envio-Skandal die ersten Krebsfälle. Betroffen sind sechs Opfer der giftigen Geschäfte des PCB-Entsorgers. Immer mehr Menschen werden krank.
Dramatische neue Entwicklungen im Envio-Skandal: 360 Menschen sind mit PCB verseucht. Unter 273 Personen, die sich bisher untersuchen ließen, gibt es nach Informationen der WAZ Mediengruppe ein halbes Dutzend Krebsfälle. Weitere Krankheiten häufen sich. Unterdessen gehen von dem weitgehend unsanierten Envio-Gelände nach wie vor große Gefahren aus. Bei Recherchen vor Ort stieß die WAZ Mediengruppe auf skandalöse Zustände.
Seit über einem Jahr beschäftigt der Envio-Skandal die Öffentlichkeit im Ruhrgebiet. Zweifellos ist es einer der größten Giftfälle der letzten Jahrzehnte. Hunderte Menschen wurden mit der krebserregenden Chemikalie PCB verseucht. Sechs Fälle von Krebs sind bis jetzt unter den Envio-Opfern bekannt
Auf unserer Sonderseite im Internet haben wir alles zusammengetragen, was es zu dem Skandal zu berichten gibt. Wir decken die Hintergründe auf, beschreiben das Schicksal der betroffenen Menschen, lassen sie zu Wort kommen und offenbaren die wichtigsten Dokumente des Skandals.
Einiges, was wir an Material erhalten haben, kam über das anonyme Upload-Portal im Internet herein. Zum Beispiel veröffentlichen wir nahezu den gesamten Schriftverkehr des Dortmunder Umweltamtes in der Causa Envio.
Den Hauptteil der Informationen erhielten wir allerdings über klassische Recherche-Arbeit. Wir haben Interviews aufgezeichnet, Filme vor Ort gedreht und in Archiven gestöbert. Wir sind nah an den Menschen geblieben.
Wir möchten mit unserer Arbeit dazu beitragen, dass der Fall Envio nicht einfach von den Behörden wegignoriert werden kann. Mehr zum Skandal unter envio.derwesten.de.
Mindestens sechs Menschen, die im Zuge des bundesweit größten PCB-Skandals der letzten Jahrzehnte vergiftet wurden, sind in jüngerer Zeit an Krebs erkrankt. Das ergaben fachärztliche Befragungen unter den bisher 273 Teilnehmern des medizinischen Betreuungsprogramms für die Envio-Opfer. Nach Recherchen der WAZ Mediengruppe handelt es sich um sechs unterschiedliche Arten von Krebs, die an unterschiedlichen Krankheitsherden ausbrachen.
Depressionen, schlechte Hormon- und Leberwerte, Hautveränderungen
Unter den sechs Tumorpatienten sind extrem hoch mit PCB belastete Personen offenbar nicht in der Mehrzahl. Deshalb wollen die Ärzte noch nichts über mögliche Zusammenhänge der Krebsfälle mit der Giftschleuder Envio sagen .
Ein offizieller Zwischenbericht über die Beschwerden von 273 Personen liegt der WAZ Mediengruppe vor. Er beschreibt Schilddrüsendefekte, motorische und psychische Störungen bis hin zu tiefen Depressionen, schlechte Hormon- und Leberwerte, Hautveränderungen und Nervenleiden.
Alle Untersuchten haben stark erhöhte PCB-Werte im Blut . Die Vergifteten wurden im Zuge der ersten Untersuchungsstaffel des Betreuungsprogramms in Dortmund von diversen Medizinern begutachtet. Ihre Befunde zeigen „statistische Auffälligkeiten“, sagt Prof. Dr. Thomas Kraus vom Aachener Uniklinikum, der Leiter der Untersuchungsreihe. Demnach häufen sich neuropsychologische und psychologische Störungen. Auch Handmotorik, Aufmerksamkeit und Intelligenz seien beeinträchtigt. Vor allem in der hoch mit PCB belasteten Gruppe nehmen psychische Leiden, darunter Depressionen, zu, und zwar „signifikant“.
Aus den Befunden resultieren rund 50 Berufskrankheiten-Verdachtsanzeigen
Auch der Zustand diverser Organe verschlechtert sich und bereitet dem PCB-Experten Sorge. „Krankhafte Befunde finden sich bei der Schilddrüsenfunktion sowie der Häufigkeit von Schilddrüsen-Autoimmun-Antikörpern, einzelnen weiteren Hormonen und den Leberwerten“, berichtet Kraus. Höher belastete Personen zeigten zudem Hinweise auf ein „aktiviertes“ Immunsystem. Das zeige an, dass im Körper etwas nicht in Ordnung sei. Und es gebe „Hyperpigmentierungen der Haut an exponierten Stellen“, genau in jenen Zonen, die ungeschützt waren, als die Patienten bei Envio im Gift standen. Auch Störungen im peripheren Nervensystem sind bei den Envio-Opfern aktenkundig.
Schilddrüse, Leber, Immunsystem und Nervensystem gelten unter Medizinern als bevorzugte Angriffsziele von PCB im Körper. Auch Hautveränderungen, wie die für das Gift charakteristische Chlorakne, werden häufig als Symptome einer PCB-Vergiftung beschrieben.
Aus den Befunden resultieren rund 50 Berufskrankheiten-Verdachtsanzeigen, die der Berufsgenossenschaft vorliegen. Weitere Anzeigen waren bereits im Vorfeld von Haus- oder Fachärzten gestellt worden.
Zweite Untersuchungsreihe im September 2011
Zwölf ärztliche Fachrichtungen haben die Ergebnisse der ersten Untersuchungsreihe des Betreuungsprogramms im Fall Envio zusammengetragen. Arbeits- und Umweltmediziner, Epidemiologen, Dermatologen, Immunologen, Endokrinologen, Kinderärzte, Kinderpsychologen, Neurologen, Neuropsychologen, Pneumologen und Radiologen waren damit im Dortmunder Knappschaftskrankenhaus sieben Monate beschäftigt.
Sie arbeiteten ein umfangreiches Paket ab. Zunächst standen berufliche und gesundheitliche Vorgeschichten, Fragen zum Arbeitsplatz, zur psychischen Belastung sowie ein medizinischer Grundcheck an. Phase zwei umfasste Ultraschalluntersuchungen von Leber, Schild- und Bauchspeicheldrüse sowie spezielle Tests zu möglichen PCB-Wirkungen auf das Nervensystem. Dioxine, Furane und so genannte Marker, die krebsfördernde Wirkungen anzeigen, wurden an der Ruhr-Uni Bochum gemessen und ausgewertet.
Im September 2011 wird das Betreuungsprogramm mit der zweiten Untersuchungsreihe fortgesetzt.
„Heute leider nicht in der Lage, einen Termin vor Ort wahrzunehmen“
Bei Recherchen auf dem weitgehend unsanierten Envio-Gelände im Dortmunder Hafen entdeckte die WAZ Mediengruppe katastrophale Sicherheitslücken, die Menschen und Umwelt gefährden. Der Arnsberger Regierungspräsident Gerd Bollermann (SPD) behauptet das Gegenteil, hat die Lage aber offensichtlich nicht unter Kontrolle.
Das erfährt die Firma ABP Induction Systems, die 800 Arbeitsplätze auf dem Gelände bindet, besonders drastisch. Weil aus einer verseuchten Halle offenbar giftiger Staub austritt, schlug sie mehrfach Alarm. Als ABP-Männer in einer übelriechenden Wolke Atembeschwerden und Kopfschmerzen bekamen, forderte die Geschäftsführung den sofortigen „Schutz der Gesundheit unserer Mitarbeiter“. Zwei Tage später meldete sich der zuständige Arbeitsschützer der Bezirksregierung. Er sei „heute leider nicht in der Lage, einen Termin vor Ort wahrzunehmen“.
Am Tag drei nach der Staubattacke gab es ein Gespräch. „Geändert hat sich nichts“, klagt ABP-Chef Wolfgang Andree.
11:50
@ #22
Könnten Sie uns dann noch freundlicherweise erläutern, was DU-Munition nun mit PCB und speziell dem Thema des Artikels zu tun haben könnte? Außer natürlich mit der üblichen Generalfeststellung, dass die da oben eigentlich immer und überall Verbrecher sind?
09:14
@ Nachdenker
Es nützt nichts solche Tatsachen zu verniedlichen oder in Frage zu stellen.
Wenn Ihnen die Brisanz der Tatsachen und Beweise nicht einleuchtet, frage ich mich, warum Sie sich Nachdenker nennen.
Schauen Sie sich doch einfach erstmal diesen Dokumaentarfilm und weiteres Beweismaterial an, dann werden Sie diese Tatsachen mit Sicherheit nicht mehr so pauschal in Frage stellen.
Ihre den Wahrheitsgehalt dieser Dokumentation in Frage stellenden Worte, erinnern an eine weit verbreitete Volkskrankheit, der Realitätsverweigerung.
Symptome:
- Was ich mir nicht vorstellen kann, kann nicht sein.
- Was ich nicht nachvollziehen kann, schaue bzw. höre ich mir erst garnicht an.
- Was in den Nachrichten kommt, kann man durchaus glauben.
- Wenn das noch nicht in den Nachrichten war oder in der Zeitung stand, wird da auch nichts dran sein.
- Sooo korrupt sind unsere Politiker bestimmt nicht.
- Das kann ich mir einfach nicht vorstellen.
- Das will ich mir garnicht vorstellen.
- Ach das sind wieder Sachen von irgendwelchen Verschwörungstheoretikern.
Lieber Nachdenker, ich wünsche Ihnen gute Besserung!!!
Mfg
20:12
@ #20
Ähm... Schon mal meine Kommentare in den letzten anderthalb Jahren zum Thema gelesen???;-)
19:57
#19
Schon mal dran gedacht, daß Politik und Wirtschaft unter einer Decke stecken...???
18:29
@ #18
Für viele Menschen in der Hafenumgebung (und auch für mich) steht nach eigenen Beobachtungen fest, dass diese schludrigen Zustände nicht erst seit zwei, drei Wochen, sondern schon seit Monaten bestanden.
Was ich absolut nicht verstehen kann: Durch eine derartige Blödheit spielen sowohl Arnsberg als auch die Stadt den Envio-Anwälten in den anstehenden Verfahren doch erstklassig in die Hände, denn die werden natürlich unter diesen Fakten behaupten, dass der ganze Wirbel um PCB-Gefährlichkeit ja dann soooo wild nicht sein kann...
Und man kann denen eine solche Argumentation jetzt noch nicht mal verübeln:-(
17:31
Düsseldorf, 29.07.2011
Umweltminister Remmel und Arbeitsminister Schneider veranlassen weitere Überprüfungen und Stellungnahmen von Behörden zum Fall Envio
Das Umweltministerium und das Arbeitsministerium NRW haben als Reaktion auf Medienberichte zum Fall Envio Berichte und Stellungnahmen von nachgeordneten Behörden angefordert, die die in den Medien veröffentlichten Hinweise prüfen sollen. Zudem hat das Umweltministerium die Bezirksregierung Arnsberg aufgefordert zu überprüfen, ob es tatsächlich wegen unzureichender Absicherung der Werkshallen zu Belastungen mit dem Schadstoff PCB gekommen ist, und dieses nötigenfalls durch Bodenproben festzustellen.
Sobald die Berichte und Stellungnahmen vorliegen und ausgewertet sind, wird das Ministerium die Öffentlichkeit informieren.
... da bin ich mal gespannt!
16:07
Mache mir echt Sorgen, dass auch Anwohner in einem größeren Umkreis ernsthafte gesundheitliche Konsequenzen davontragen werden. Eins ist doch mal klar: wenn es so wäre, niemand hätte uns informiert.
Bzgl. Bill Gates und Eugenik: Solche hanebüchenen Argumentationen sind der Grund warum ich die Impf-Kritiker nie ernst nehmen konnte. Die DU-Munitionssache ist schon wichtiger; aber beides ist völlig OT und hat in diesem Kommentarforum echt mal nix zu suchen.
13:48
Ja warum müssen die unfähigen Schlafmützen von der Bezirksregierung nicht den Hut nehmen? Sowas sollte ich mir mal auf der Arbeit erlauben. Aber solche Leute haben ja Narrenfreiheit. Was ist aus den Verantwortlichen bei Envio geworden, sitzen die wenigstens im Knast?
13:08
Die politische Aufsicht in Arnsberg und Düsseldorf hat massiv versagt bzw. weggeschaut. Die Opfer interessieren wohl nicht. Uhlenberg und Diegel tragen große Mitschuld. Die Regierungsbezirke sollte man wegen Untätigkeit und der hohen Verwaltungskosten auflösen. Dann würde es für die Bürger mindestens billiger.
12:53
Übrigens wird es nun drüben bei den RN interessant, denn Arnsberg lässt dort verlauten, man wisse seit zwei Wochen, dass auf dem Envio-Gelände Türen der Halle 55 geöffnet und Siegel entfernt worden seien. Eine Anzeige sei gestellt worden.
Das war dann wohl ein handfestes Ergebnis dieser DGB-Konferenz bei ABP am 12.07.