Ermittlungen
Schwere Vorwürfe gegen Envio nach PCB-Skandal im Hafen
12.05.2010 | 09:29 Uhr 2010-05-12T09:29:00+0200
Dortmund. Schwere Vorwürfe gegen die Envio AG im PCB-Skandal im Hafen: Die Dortmunder Firma soll PCB-belastete Transformatoren ungeschützt im Freien zerlegt haben. Das Gift sei unkontrolliert in die Umwelt gelangt, sagt ein Ex-Mitarbeiter – und äußert auch Betrugsvorwürfe. Envio weist alles zurück.
Auch Trafos, die das Unternehmen nicht hätte annehmen dürfen, sollen bearbeitet worden sein, behauptet der ehemalige Beschäftigte. Er belastet den PCB-Entsorger schwer. Seine Vorwürfe sind in einer Eidesstattlichen Versicherung aufgelistet, die der WR exklusiv vorliegt. Der zufolge war der 50-jährige Dortmunder mehr als vier Jahre bei Envio beschäftigt, bis Ende Juli 2008. Als Produktionsleiter habe er umfassend Einblick und Kenntnis über alle Betriebsabläufe gehabt.
PCB-Trafos draußen demontiert
Die PCB-belasteten Trafos seien nicht, wie vorgeschrieben, in dem „schwarzen Bereich”, der Halle 1, zerlegt worden, sondern draußen – unter anderem deshalb, weil die Teile zu groß oder zu schwer waren. Der hochverseuchte 150-Tonnen-Trafo beispielsweise, den die Bezirksregierung (wie berichtet) vor einer Woche im „sauberen Bereich” gefunden und daraufhin diesen Betriebszweig stillgelegt hatte – „der hätte überhaupt nicht in Halle 1 gepasst”, so der Ex-Mitarbeiter. Erstens seien die Tore zu klein. Zweitens trage der dortige Abeitskran nur eine Maximallast von 35 Tonnen. Deshalb sei die Demontage „üblicherweise im Freien” erfolgt. Und zwar so: „Der PCB-belastete Trafo wurde geknackt. Ein Autokran zog das Aktivteil heraus. Dieses wurde auf Loren gehievt und in die Halle 1 geschoben. Dabei entwich PCB unkontrolliert in die Umwelt.”
Nicht das einzige Sicherheitsrisiko, das der 50-Jährige schildert. In der Halle gebe es keine Schleuse. Dort herrsche auch kein permanenter Unterdruck, wie von Envio behauptet. Stattdessen stünden die Türen häufig offen, „um PCB-haltige Stäube zu entlüften” – und zwar „täglich, zumeist mehrere Stunden”.
Schrotthändler betrogen?
Auch ein Betrugsvorwurf wird laut. Belieferten Schrotthändlern habe die Firma zwar eine Wischprobe ausgehändigt – „die allerdings stammte von einem anderen Trafo”. Den vermeintlichen Unbedenklichkeitsbeleg in der Hand, hätten Schrotthändler die Ware „in gutem Glauben” angenommen, aber nichts von der PCB-Belastung des Materials geahnt.
Und: Das Messsystem, das die Maximale Arbeitsplatz-Konzentration (MAK) des krebserregenden Lösemittels Perchlorethylen (Per) in der Raumluft ermitteln und bei Erreichen des kritischen Wertes Alarm auslösen sollte – es soll nicht funktioniert haben. Mit jenem Per reinigt Envio die PCB-verseuchten Trafos. Die Messgeräte hätten zwar die tatsächlichen MAK-Werte angezeigt, doch in den Computer seien die Daten nicht geflossen. „Am Ende tauchten in den Aufzeichnungsprotokollen ausschließlich unbedenkliche MAK-Werte auf, die den tatsächlichen in keiner Weise entsprachen.”
Ein brisanter Vorwurf betrifft Herkunft und Zustand einiger Transformatoren, die Envio bezieht. Viele sollen aus der Untertagedeponie (UTD) Herfa-Neurode stammen. Die Kaligrube in Hessen gilt als größte unterirdische Sondermülldeponie der Welt. Betrieben wird sie von der K+S Entsorgung GmbH. Deren Sprecher Ulrich Göbel bestätigt Envio als Kunden.
Rätsel um Trafos aus Hessen
Der Ex-Envio-Beschäftigte führt in seiner Eidesstattlichen Versicherung an, die UTD-Trafos seien mit Bindemitteln angeliefert worden, die ein Auslaufen PCB-haltigen Öls verhindern sollten. Eigentlich habe Envio dieses Material gar nicht annehmen dürfen. Dennoch sei es dort „grob gereinigt, anschließend zerlegt und an Schrotthändler im Hafen verkauft” worden, die die geschredderten Teile dann aufbereitet hätten. Reste der mit PCB durchsetzten Bindemittel seien „beim Transport, spätestens aber bei der Weiterbearbeitung, freigesetzt” worden, vermutet er.
Die Bindemittel-Trafos aus Herfa-Neurode habe kein Außenstehender je zu Gesicht bekommen, so der Ex-Mitarbeiter. Habe sich eine Behörde angemeldet, seien sie vor deren Besuch abgearbeitet worden oder schlicht „verschwunden”. Als die Luft rein gewesen sei, „wurden sie wieder rausgeholt und bearbeitet”.
Envio bestreitet Vorwürfe
Die WR hat die Envio AG über sämtliche Anschuldigungen unterrichtet und um eine Stellungnahme gebeten. Die fiel kurz und knapp aus: „Die Vorwürfe entbehren jeglicher Grundlage und sind falsch”, teilte Firmensprecherin Claudia Weirich im Namen von Envio-Vorstand Dr. Dirk Neupert mit.
Anfangsverdacht einer Straftat
Die Staatsanwaltschaft hat unterdessen ein Ermittlungsverfahren gegen Envio eingeleitet. Hinsichtlich einer möglichen Umweltstraftat sei „der Anfangsverdacht gegeben”, so Oberstaatsanwältin Dr. Ina Holznagel.
Die neuen Entwicklungen im PCB-Skandal alarmieren auch die Grünen im Rat. Am Mittwoch sind sie Thema im Umweltausschuss. „Weil das Ausmaß der durch Envio verursachten PCB-Emissionen wesentlich größer sein soll, als bisher angenommen, ist es dringend erforderlich, das Unternehmen und die Betriebsabläufe genau zu untersuchen”, fordert Ausschussvorsitzende Ingrid Reuter mit Blick auf Envio. Nicht nur der so genannte „saubere Bereich”, in dem der hochgradig verseuchte 150-Tonnen-Trafo sichergestellt wurde, gehöre unter die Lupe, „sondern auch und vor allen Dingen der schwarze Bereich, in dem kleinere Transformatoren zerlegt und gereinigt werden”.
Gesundheit bedroht?
Es gebe „zahlreiche Hinweise, dass verschiedene Prozesse auch in der Vergangenheit nicht ordnungsgemäß abgelaufen sind und PCB-haltige Stäube in großem Umfang in die Luft gelangt sind”, mahnt die Grüne und sorgt sich vor allem um das Wohlbefinden der Betroffenen. „PCB sind giftige und krebsauslösende Chlorverbindungen, die vor allem beim Langzeitkontakt toxisch wirken. Deshalb müssen sowohl die Mitarbeiter als auch die Anwohner umgehend über mögliche Gesundheitsgefahren informiert und gegebenenfalls auch untersucht werden.”
Grüner Druck auf Arnsberg
Grünen-Ratsfrau Ulrike Märkel kündigt für die heutige Ausschusssitzung „zahlreiche Fragen” an. Einige davon gehen gezielt in Richtung Arnsberg. „Unter anderem wollen wir wissen, warum die Bezirksregierung nicht sofort auf die schon länger bekannten Hinweise reagiert hat und Kontrollen in dem betreffenden Betrieb durchgeführt hat. Außerdem wollen wir wissen, welche Maßnahmen nun geplant sind, um die Menschen vor weiteren Belastungen durch dieses Gift zu schützen.”
INFO
- Der PCB-Skandal im Hafen und die Rolle der Envio AG – eine chronologische Betrachtung.
- Mitte Januar 2009 weist ein Gutachten erhöhte Werte von Polychlorierten Biphenylen (PCB) in drei Kleingartenanlagen im Norden nach.
- Ein Jahr später wird klar: Die Gift-Vorkommen weiten sich aus. Nicht nur in Grünkohl und Blattgemüse der Kleingartenanlagen Hafenwiese, Westerholz und Hobertsburg steckt krebserregendes PCB. Auch der Fredenbaum ist hoch belastet.
- Mitte Januar kommt erstmals die Envio AG ins Gerede. Ein ehemaliger Beschäftigter behauptet, dass giftige Dämpfe nach draußen gelangen. „Alles unter den Grenzwerten", sagt Vorstand Dr. Neupert.
- Vor einer Woche der Paukenschlag: Ein Envio-Trafo enthält 7,7 Gramm PCB pro Quadratmeter, 150 Mal mehr als der Richtwert. Der Betriebszweig wird stillgelegt.
15:58
Wow! Die neuen erkenntnisse im pcb-skandal alamieren nun auch die grünen im rat ! Das ist ja mal was! Wo das problem doch schon seit 2007 bekannt ist. Wäre das nicht mal sowas wie ein heimspiel gewesen? Oder ist bei den grünen in dortmund grün nur eine farbe? Zwei jahre schlafen, aber jetzt den blick nach arnsberg richten, ob die denn auch alles richtig gemacht haben... Super! Ich sag ja immer: Gut,daß es den flughafen in dortmund gibt. Sonst wüßten die grünen hier nicht, wofür sie morgens aufstehen sollen. Verschwindet mit dem flughafen auch eines tages diese partei?
15:41
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11:24
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10:18
Spannend sind vor allem die zyklischen Handelsvolumina im XETRA. Da wird ein künstlicher Kurs auf Biegen und Brechen hoch gehalten.
Hoffentlich lässt sich die Staatsanwaltschaft jetzt nicht hinters Licht führen. In letzter Konsequenz darf das Unternehmen so nicht weiter existieren.
22:01
@1
Was nützt Ihnen eigentlich so ein Arbeitsplatz bei Envio, wenn Sie den Rest des Lebens in der Krebstherapie verbringen müssen?
21:23
Alle Achtung, das Forum überschlägt sich ob des Interesses von Herrn Willy K. Brandt und Frau Angela U. Märkel.
Tausende Krebstote sind ja bereits zu beklagen!
Im Ernst: eine Panikmache ohne Ende, bei der am Ende nichts als heisse Luft raus kommt, nicht aber eine PCB-Wolle, an der die halbe Nordstadt zugrunde geht.