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Schwacher Stark – starke Fans

10.12.2012 | 11:51 Uhr
Schwacher Stark – starke Fans
Foto: dapd/Sascha Schuermann

Dortmund.   Dank einer unterirdischen Schiedsrichterleistung hat Borussia Dortmund endgültig den Anschluss zur Spitze verloren. Und trotzdem gab es am vergangenen Fußball-Wochenende Erfolge zu vermelden: Die Fans haben ein Zeichen für den die Fankultur gesetzt.

Dank einer unterirdischen Schiedsrichterleistung verlor Borussia endgültig den Anschluss zur Spitze. Und trotzdem gab es am vergangenen Fußball-Wochenende Erfolge zu vermelden: Die Fans in Dortmund haben gemeinsam ein friedliches Zeichen für den Erhalt der Fankultur gesetzt.

In 99 Prozent aller Fälle ist es unangemessen, Gründe für eine Niederlage bei den Schiedsrichterentscheidungen zu suchen. Das Heimspiel gegen Wolfsburg allerdings gehörte zu dem einen Prozent der anders gelagerten Fälle. Da braucht man nicht groß drum herum zu reden oder sich in Plattitüden verlieren, dass man die Fehler besser bei sich selbst suchen sollte.

Verpfiffen von „Wolfgang Schwach“ spielte Borussia rund eine Stunde mit 10 gegen 12 Mann. Denn die spielentscheidende Fehlleistung war einmal mehr nicht die einzige zweifelhafte Entscheidung von Herrn Stark. Die „Wahrnehmungsfehler“ des Manns aus Ergolding dürften wohl keinen zweiten Club schon so viele Punkte gekostet haben, wie den BVB, der in der Vergangenheit auffällig oft von besagtem Unparteiischen benachteiligt worden war. Selbst auf den offiziellen Internetseiten des Vereins sieht man sich mittlerweile genötigt, Starks Fehlentscheidungen gegen Schwarzgelb spielübergreifend aufzulisten.

Bundesweite Protestaktionen der Fans ein voller Erfolg

Wesentlich stärker als Stark präsentierten sich die Fans des BVB. Einmal mehr verdeutlichte der zwölfminütige Stimmungsboykott zu Beginn der Partie eindrucksvoll, welchen riesigen Anteil am sogenannten Stadionerlebnis die treuen Anhänger leisten. Die Aktion war in der Vorwoche auch bis in die Innenministerkonferenz gedrungen. Bundesinnenminister Friedrich sprach daraufhin eine unverhohlene und nicht verklausulierte Drohung an den Ligaverband aus, dieser solle auf seiner Mitgliederversammlung am kommenden Mittwoch Entscheidungen treffen, anstatt sie weiter im Dialog mit den Fans auszuarbeiten. Andernfalls werde man für die Polizeieinsätze im Profifußball zur Kasse gebeten.

Um einen tatkräftigen Eindruck zu vermitteln und jegliche Subtilität in seinen Aussagen auszuschließen, schloss er mit den Worten, diese seien „durchaus als Drohung zu verstehen“. Ein Armutszeugnis für die politische Kultur in Deutschland. Wesentlich gefährlicher und beängstigender als die Sicherheitssituation in deutschen Stadien sind in der Tat Politiker, die sich profilieren wollen, ohne dabei einen Funken inhaltliche Kompetenz auszustrahlen.

Fehleinschätzungen in der Innenministerkonferenz

Ebenfalls nicht der inhaltlichen Kompetenz in dieser Sache ist NRW-Innenminister Ralf Jäger zu verdächtigen. Auch ihm waren die deutschlandweiten Fanproteste gegen das Chaos, dass sein politischer Aktionismus und der seiner Kollegen verursacht, aufgefallen. Er sagte dazu unter anderem „Wir erleben grade, wie Ultra-Fans zwölf Minuten schweigen“.

Lieber Herr Jäger, auf der größten Stehplatztribüne Deutschlands machen Ultras grade einmal 1,5 Prozent der gesamten Fans aus. Rechnet man den Rest des Stadions mit ein, sind es 0,5 Prozent. Es haben aber alle geschwiegen. Das ist somit allein in Dortmund ein wesentlich deutlicheres Meinungsbild, als es die allermeisten sogenannten „repräsentativen Umfragen“ liefern. Dass es für den Protest auch von den teuren Sitzplätzen Standing Ovations gab, verfestigt diesen Eindruck.

Niemand abgesehen von den Boulevardmedien, den Innenministern und den Hardlinern unter den Polizeivertretern scheint zu verstehen, warum die statistisch belegten zwei verletzten Personen pro Bundesligaspiel (also 2 von 45.000, dem Besucherdurchschnitt) eine solche Dämonisierungskampagne gegen aktive Fußballfans rechtfertigen, warum ausgerechnet die nachweislich sichersten Großveranstaltungen Deutschlands und ihre Besucher besonders sanktioniert werden sollen. Vor allem, weil die Art der Verletzungen statistisch nicht erhoben wird und es daher extrem unwahrscheinlich ist, dass die Ursache in allen Fällen Fangewalt ist.

2500 Fußballfans aller Couleur demonstrieren friedlich in Dortmund

Dem Dialog mit den Fans, den die DFL unter dem Einfluss der Vereine in den letzten Wochen für sich entdeckt hat, verweigert sich die Politik standhaft. Deswegen nutzten Fans im gesamten Bundesgebiet neben dem Stimmungsboykott am letzten Spieltag vor der Abstimmung über das DFL-Papier „Sicheres Stadionerlebnis“ auch andere Protestformen, um insbesondere die Politikschaffenden zu erreichen, unter deren Druck das Verhältnis zwischen Verbänden, Vereinen und Fanvertretern ächzt.

Wie auch in Köln, Dresden, Augsburg, Paderborn, Berlin, Hannover und Duisburg, wählte man in Dortmund ein klassisches demokratisches Mittel zur Meinungsäußerung und hatte eine Demonstration angemeldet, die von einer Delegation aus Vertretern von Fanclubs, Fanzines und BVB-Fanabteilung organisiert wurde.

Insgesamt rund 2500 Fans aller Couleur – unter ihnen organisierte und unorganisierte Fans aller Altersklassen vom Kleinkind bis zum Rentner – gingen bei winterlichen Temperaturen auf die Straße und demonstrierten friedlich für den Erhalt der Fankultur, für die Deutschland in ganz Europa beneidet wird.

Die Bilder dieses friedlichen Protestes gingen durch die Medien und bilden hoffentlich ein Gegengewicht zu dem grotesken Zerrbild von den Fanszenen, das durch Politik und Medien entsteht. Am Ende des Tages konnte selbst die schlechteste Schiedsrichterleistung der Saison keinen Dortmund-Fan dazu bewegen, mit etwas anderem zu werfen, als mit Konfetti.

Liebe Politiker, es geht auch anders!

Ob Friedrich, Jäger, Caffier & Co. noch zum Umdenken bewegt werden können, ist leider fraglich. Schließlich wollen grade die Minister des Innern stets „klare Kante“ vortäuschen. Trotzdem müssen an dieser Stelle zwei Fragen erlaubt sein.

Erstens: Wenn ihr schon keine Ahnung von den Realitäten in den Stadien (geschweige denn von Fankultur) und auch keine Zeit habt, sie euch selbst zu erarbeiten – warum holt ihr euch nicht mal eine Expertise zum Thema, bevor ihr den Marktschreier macht? Hiermit ist ausdrücklich eine ernst zu nehmende wissenschaftliche Expertise gemeint und keine von Polizeivertretern wie Herrn Wendt.

Zweitens: Wenn ihr eure Popularität schon steigern wollt, indem ihr über Gewaltprobleme beim äußerst öffentlichkeitswirksamen Fußball sprecht, warum macht ihr euch dabei nicht mal beliebt? Das wären doch zwei Fliegen mit einer Klappe. Ihr bräuchtet euch einfach nur seriös mit dem Thema auseinandersetzen und dann besonnen angemessene Lösungsvorschläge erarbeiten. Eigentlich würde man sowas von Volksvertretern ohnehin erwarten.

Ihr könnt es natürlich auch einfach bleiben lassen und kümmert euch stattdessen um die wirklichen Probleme in eurem Zuständigkeitsbereich. Solange der Fußball von euch durchweg mehr in die Diskussion gebracht wird, als beispielsweise der Skandal um NSU und Verfassungsschutz, läuft es schlicht und einfach schief bei euch.

Ligaverband in Sachen Fan-Dialog auf dem richtigen Weg

Der Ligaverband und die Vereine wollen in Zukunft endlich in fest geregelten Bahnen den kontinuierlichen Dialog mit Fanvertretern suchen. Dieser Teil des nach massivem Gegenwind mehrfach überarbeiteten Sicherheitskonzeptes ist, wie einige andere auch, begrüßenswert. Auch eine bessere Ausbildung für Ordner oder die Einrichtung neuer Videoüberwachungen sind zielführende Maßnahmen. Die ebenfalls vorgesehenen Kürzungen der Karten- oder Stehplatzkartenkontingente für Auswärtsfans oder die im Raum stehenden „Voll-Kontrollen“ in Zelten oder Containern sind hingegen nicht nur ungerecht den vielen friedlichen Stadionbesuchern gegenüber, sie sind auch zum Teil kontraproduktiv (Das gilt zumindest für die Kontingentverringerungen).

Sollten die Vereine bei der DFL-Mitgliederversammlung ebenfalls zu diesem Schluss kommen, wären die Herren Innenminister gut beraten, nicht weiter hektoliterweise Öl ins zum Teil selbst gelegte Feuer zu gießen.

Den wenigen gewaltsuchenden Stadiongängern, die der Ursprung dieses ganzen Ballyhoos sind, sollte klar sein, dass die Solidarität, mit der nahezu alle Fans auf angedrohte Kollektivstrafen reagieren, eine Verpflichtung für sie darstellt, den Fußball nicht weiter als Action-Spielplatz zu missbrauchen. Sie müssen sich mäßigen, oder sie schaden weiter in hohem Maße ihrem eigenen Verein und dem Fußball.

Rutger Koch, Gib mich DIE KIRSCHE

Rutger Koch

Kommentare
12.12.2012
11:18
Schwacher Stark – starke Fans
von creck | #13

Sehe das komplett anders als Herr Koch.
Die unterdrückte Unterstützung von 12 Minuten war genau die Zeit, welche dem BVB am Ende zum Ausgleich bzw....
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2012-12-10 11:51
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