Schönheits-Operation post mortem - So werden Tiere bei der Jagd & Hund präpariert
02.02.2012 | 17:50 Uhr 2012-02-02T17:50:00+0100
Dortmund. Bär, Küken, Igel, Hase, Specht: Nachwuchs-Präparatoren machen tote Tiere optisch wieder lebendig. Wie sie das machen, demonstrieren sie bei der Messe Jagd & Hund in Dortmunds Westfalenhalle. Und am Freitag haben sich wieder die Hirschrufer angesagt.
Der Igel wird gerade rund gefüttert. Mit Holzwolle. Michel Anuth stopft die Stachelhaut aus, dann wird er das Köpfchen mit Ton modellieren und spätestens, wenn er die schwarzen Knopfaugen fixiert, wird der stachelige Geselle fast wieder lebendig aussehen. Und das ist die Kunst – die die angehenden Präparatoren bei der Hund in allen Arbeitsschritten demonstrieren.
Der Fasan, von dem Modesta Henning gerade penibel alle Fett- und Fleischreste abkratzt („Sonst gibt das Fettbrand, dann fallen die Federn aus“) sieht ziemlich tot aus. Ein schaffer Federmantel über dünner Haut. Nach spätestens zwei Tagen Arbeit allerdings wird er ein kleines handwerkliches Kunstwerk sein.
Deshalb hat sich die 21-Jährige für diesen Beruf entschieden: Weil sie ein Faible für Kunst und Biologie hat. Und kein Problem damit, einem toten Tier das Fell über die Ohren zu ziehen. Michel Anuth hätte es lieber mit lebendigen Viechern zu tun, er wird nach der Ausbildung Primatologie studieren und dann wissenschaftlich arbeiten.
Das Wissen des Experten
Bis dahin jedenfalls weiß er einiges über Anatomie und mehr. Zum Beispiel, dass das Münsteraner Meerschwein nicht im Münsterland, sondern in den Anden lebt und sich sehr von seinen zahmen Artgenossen unterscheidet. Dass er einer der Ersten war, der ein Exemplar der erst 2004 entdeckten Spezies für die Nachwelt erhalten durfte – ein Höhepunkt für den Lehrling im zweiten Ausbildungsjahr.
Die Nachwuchs-Präparatoren des Walter-Gropius-Berufskollegs zeigen ihr Können in Halle 3b der Westfalenhallen.
Die dreijährige Ausbildung zum staatlichen geprüften Präparationstechnischen Assistenten für die Fachbereiche Biologie, Medizin, Geowissenschaften schließt mit der Fachhochschulreife ab.
Die Messe Jagd & Hund findet noch bis zum 5. Februar statt und ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
Darum geht es bei der Ausbildung zum Präparationstechnischen Assistenten, für die das Walter-Gropius-Berufskolleg in Bochum die einzige Adresse in Europa und allein deshalb die Zahl der Bewerber viermal so hoch wie die der wenigen Plätze ist. Ute Lodebur-Kintrup lehrt hier seit 1997, vorher war sie an die 20 Jahre selbstständig, hatte ein Jahr in Südafrika gearbeitet. Kontakte ins Ausland – das ist für die Präparatoren eine Option; daneben werden sie von Museen, Naturschutzorganisationen, Veterinärmedizinischen Instituten gesucht.
Wer selbstständig ist, findet seine Klientel meist unter den Jägern. Abziehen, gerben, die Gliedmaßen mit Draht verstärken, den Kopf mit Ton ausformen, Glasaugen, Koloration – Lodebur-Kintrup fasst nüchtern die Arbeitsschritte zusammen, zu denen natürlich auch Kenntnis von Anatomie, künstlerisches Talent, Interesse an der Natur gehören.
Gefühle für das tote Haustier
Und manchmal auch Überwindung: Dann, wenn sich Menschen auch von ihren toten Haustieren nicht trennen wollen. „Das fand ich immer schwierig“, sagt die 56-Jährige. Die Auftraggeber in letzter Konsequenz dann übrigens oft auch. „Eine Frau hatte sich ihren toten Pudel ausstopfen lassen, im Körbchen.“ Und eben lebensecht. Als sie das Präparat abholen wollte, sei sie völlig zusammengebrochen – und habe schließlich die teure Auftragsarbeit im Garten vergraben.
Ein kleiner Frischling tollt durch den Schnee, mehr aber noch zieht der Bär die Blicke auf sich. Hinten auf dem Messestand trocknen Ente, Specht und ein winziges gelbes Küken. Wären sie nicht mit Nadeln gespickt, man könnte sie für echt halten. Und fast lieblicher als das lebendige Original.
Wenn nämlich Anika Drost und ihre Kollegen ihr OP-Besteck zücken, dann ist das quasi eine Schönheitsoperation post mortem. Eine, für die sie einen Werkzeugkasten brauchen. Darin: Federn, Fäden, Farben, Skalpell und Seitenschneider, Leim, Ton, eine Zahnbürste, um Fell zu kämmen. Ein paar Augen kullern herum. Die gehören zum Grünspecht. Aber „der taut gerade noch auf“.
Hirschröhren-Meisterschaft
Sie imitieren einen jungen Hirschen am Rande des Brunftplatzes, röhren wie ein alter Geweihträger: 20 Teilnehmer aus ganz Deutschland bestreiten bei der Jagd & Hund die Deutsche Meisterschaft der Hirschrufer.
Zum 14. Mal findet dieser legendäre Wettbewerb auf der Messe in den Westfalenhallen statt – diesmal am Freitag, 3. Februar, 14 Uhr, auf der Aktionsbühne in Halle 4. Eine Frau ist im Kreis der Leder- und Lodenträger dabei: Hildegard Zervos (NRW). Außerdem wagt sich mit Nils Sauerbier (NRW) zum ersten Mal ein Siebzehnjähriger auf den „Brunftplatz“.
Auch wenn das Hirschrufen für Laien etwas befremdlich klingen mag: die Lock- und Rufjagd gehört zu einer jahrhundertelangen Tradition. Das Ziel der Lautnachahmung ist es, während der Brunftzeit des Rotwildes von September bis Anfang Oktober dem „Platzhirsch“ auf dem Brunftplatz einen Nebenbuhler vorzutäuschen, damit er aus der Deckung tritt. Speziell bearbeitete Ochsenhörner, Tritonschneckengehäuse, Glaszylinder, das Heracleumrohr (der hohle Stängel des Riesenbärenklaus) sowie eine Reihe von künstlich hergestellten Instrumenten dienen dabei der Ton-Verstärkung.
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