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Stadtentwicklung

Der feine Phoenix-See bedeutet Verdrängung der kleinen Leute

02.06.2014 | 18:23 Uhr
Der feine Phoenix-See bedeutet Verdrängung der kleinen Leute
Hier stand früher das Stahlwalzwerk. Heute sind hier Luxuswohnungen, ein Hafen und Geschäftshäuser entstanden.Foto: Hans Blossey

Dortmund.   Wenn aus Industriebrachen schicke Wohnquartiere werden, in denen sich Banker genauso wohl fühlen wie BVB-Profis, dann will hier jeder hin. Auch auf die benachbarten Viertel strahlt das aus: Alte Häuser werden verkauft und luxussaniert. Für viele Menschen wird Wohnen hier unerschwinglich.

Es stank nach Schwefel, die Häuser waren rußgeschwärzt, hier wollte niemand wohnen. Nur die Arbeiter von Phoenix-Ost waren unempfindlich gegen Metallstaub, Dreck und die Aussicht auf das Stahlwerk. Heute, nachdem der Industriekoloss einem künstlichen See gewichen ist, der größer ist als die Hamburger Binnenalster, will hier jeder wohnen. Doch längst nicht mehr jeder kann es sich leisten. Wenn Städte auf Industriebrachen Enklaven gehobenen Wohnens planen, nehmen sie in Kauf, dass Alte und Arme gegen Ärzte und Anwälte ausgetauscht werden. Auch am Phoenix-See in Dortmund scheint das gerade zu passieren.

„Diese Verdrängung ist nicht beabsichtigt, aber man nimmt sie billigend hin“, sagt Susanne Frank, Professorin im Fachgebiet Stadt- und Regionalsoziologie an der TU Dortmund. Fest stehe, „in Dortmund hat man keinen Sozialplan aufgestellt, um alteingesessene Familien in der Nachbarschaft zu schützen.“ Schaut man auf die von der Stadt postulierten Planungsziele aus dem Jahr 2007, geht es darum, „neue, stabile Bevölkerungsgruppen anzuziehen.“

Stadtplanung manifestiert die Spaltung

„Die Menschen, die sich teures Wohnen nicht leisten können, ziehen in bezahlbare Stadtteile. Dort treffen sie wieder auf Arme, Arbeitslose und Migranten“, warnt Jürgen Evert, einst Stadtplaner von Lünen, vor einer Problemverdichtung in benachteiligten Vierteln. Stadtplanung manifestiere die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich. Achim Prossek, Geograf an der Humboldt-Universität Berlin, besucht mit seinen Studenten regelmäßig den Phoenix-See in Hörde. „Jeder Stadtentwickler freut sich, wenn aus einer Industriebrache eine erste Adresse für Wohnen und Freizeit wird“, sagt er. Gleichzeitig treffe es zu, dass in der Nachbarschaft günstiger Wohnraum wegbreche.

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Ähnlich wie im Duisburger Innenhafen. Hier habe Star-Architekt Sir Norman Foster auf einer Gewerbebrache spektakuläre Bauten hingesetzt. Einzeleigentümer hatten ihre Grundstücke verkauft, weil eine gute Rendite lockte. „Die Neubauten haben das angrenzende Wasserviertel deutlich aufgewertet“, sagt Prossek. Die Folge: preiswerter Wohnraum wurde reduziert.

"Das gehört einem Investor aus Dubai"

Zurück in Dortmund, Weingartenstraße/Am Remberg. Die alten Häuser der beiden Straßen grenzen direkt an das Neubaugebiet Phoenix-See und bieten freie Sicht auf Wasser, Jachthafen und weiße Ufer-Villen. Jedes zweite der alten, mehrgeschossigen Häuser steht leer. An vielen Gebäuden glänzen neue Edelstahlklingelschilder, passend zu den neuen Mietern, oder es wird gerade renoviert. „Das werden Luxus-Eigentumswohnungen. Wir machen alles neu. Die Fliesen kosten 198 Euro pro Quadratmeter“, erzählt Baumeister Janusz Polchowski, als er gerade die Schubkarre in ein Haus in der Weingartenstraße schiebt. Auf die Frage, wem das Haus gehöre, sagt er: „Einem Investor aus Dubai.“

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„Einem Investor aus Dubai ist es egal, was aus den alten Mietern wird“, sagt Daniela Schneckenburger. Die Landtagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen warnt vor preistreibenden Investoren in der Nachbarschaft. Klaus Tillmann kann davon ein Lied singen. Der Bezirksvertreter aus Hörde wohnt in der Weingartenstraße. „Wir haben das Haus geerbt. Verkaufen kommt nicht infrage“, sagt er. Doch die meisten Erben, also Kinder und Enkel der ehemaligen Arbeiter, hätten die Häuser im Jahre 2010 gewinnbringend verkauft, bevor der Phoenix-See geflutet wurde.

Die Mieten verdoppelten sich

Die Investoren hätten dann kernsaniert und die Kosten auf die Miete umgelegt. „Die Mieten haben sich verdoppelt. Das konnte sich keiner mehr leisten“, berichtet Tillmann. Die meisten der einstigen Nachbarn sind gegangen. Nach Angaben der Stadt Dortmund sind aus beiden Straßenzügen mit rund 100 Häusern seit dem Jahr 2010 insgesamt 368 Menschen weggezogen.

„Früher waren die Häuser billig, aber schmutzig. Heute, wo alles so schön ist, könnte ich mir hier kein Haus leisten“, bringt es Carmino Casciato (70) auf den Punkt. Dort, wo er einst als Bauarbeiter auf Phoenix-Ost arbeitete, geht er heute mit seinen Enkeln spazieren.

 

Silke Hoock

Kommentare
31.07.2014
16:59
Phönix auf der Asche - Grundstücke aus dem Altlastenkataster!
von MikaK | #31

Wie kommt es, dass auf einer Fläche, die vor 15 Jahren noch ein Stahlwerk war, das den Remberg mit rotem Staub vollpustete*, nun Höchstpreise gezahlt...
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http://www.derwesten.de/staedte/dortmund/schoener-wohnen-am-phoenix-see-wirft-schatten-id9422297.html
2014-06-02 18:23
Dortmund