Ruf nach U-Haft übertönt Entwarnung
26.08.2010 | 20:18 Uhr 2010-08-26T20:18:00+0200
Dortmund.Wieder 158 neue Blutwerte, wieder mehr gute als schlechte. Die Stadt gab gestern „Entwarnung für Bewohner, Kleingärtner und Beschäftigte aus dem weiteren Umfeld“ – auf der Basis von 102 Befunden. 91 seien „völlig normal“, sagt Gesundheitsamtsleiterin Dr. Annette Düsterhaus. Elf Untersuchte haben erhöhte Mengen von krebserregendem PCB im Körper. Doch: Weil sie alle über 60 sind, seien die „als altersbedingt anzusehen“. Trotzdem sollten sich die Betroffenen beraten lassen.
Sehr viel schlechter ergeht es sieben von 56 Personen aus dem nahen Umfeld der Giftfirma. Sie haben hohe PCB-Konzentrationen im Blut, fünf – Envio-Beschäftigte, Zeit- und Leiharbeiter – sogar „sehr starke Erhöhungen“. In der Spitze lägen sie „etwa 100-fach“ über dem Referenzwert, sagte Düsterhaus, nannte aber keine konkrete Zahl. Dringender Bedarf für weitere, langfristige Untersuchungen sei gegeben.
„Hinter Schloss und Riegel“
Zwei Stunden später war das Aufatmen fast hörbar. Aber auch die Wut darüber, dass es überhaupt soweit kommen konnte. Ihre Blutbefunde in der Hand, zeigten 30 Kleingärtner und Anwohner am Donnerstag Nachmittag den Envio-Bossen die verbale Faust. Tiefenentspannt saßen sie nicht im Vereinsheim der Kleingartenanlage Westerholz. „Diese Sturheit, diese Eiseskälte gegenüber ihren Mitmenschen ist fast so schlimm wie eine Krankheit“, zischte Ex-MdB Wolfgang Weiermann. Er griff Dr. Dirk Neupert direkt an, „den Mann, der seine Leute so in die Ecke drängt“. Der Envio-Chef müsse Härte spüren. „Er darf keine Firma mehr leiten. Der gehört dahin, wo andere schon für einen Klacks kommen: hinter Schloss und Riegel“, forderte Weiermann. Rauschender Beifall! „Sie sprechen mir aus dem Herzen“, applaudierte auch Gesundheitsamtsleiterin Dr. Annette Düsterhaus.
„Nach anderthalb Jahren zwischen Hoffen und Bangen“ sieht Hans-Peter Hoffmann, Kleingärtner und SPD-Ratsvertreter, „jetzt endlich eine leichte Entspannung“. Die Blutergebnisse seien aber „noch kein Grund, sich beruhigt zurückzulehnen“. Weil die PCB-Belastung im Hafen „schon seit 2006 bekannt“ sei, müssten die Verantwortlichkeiten „akribisch untersucht“ werden. Auch Hoffmann knöpfte sich Neupert vor. „Andere sitzen für weniger in Untersuchungshaft.“ Der Envio-Boss aber könne sich bis heute der Frage widmen: „Wie bekomme ich mein Geld an die Seite?“
„Behörden haben alles gewusst“
Auch andere trügen Schuld, betonte eine Vertreterin der Anwohnerinitiative zur PCB-Belastung. „Die Behörden haben alles gewusst“, erinnerte sie an frühe Erkenntnisse, die ohne Konsequenzen geblieben waren. Der Vorwurf: „Mit Deckung von oben wurde zwei, drei Jahre weggeschaut. Es hat keinen gegeben, der seiner Verantwortung gerecht wurde – auch nicht das Gesundheitsamt.“ Hinterher sei man häufig schlauer, erwiderte Düsterhaus und räumte ein: „Vielleicht hätte manches schneller laufen können.“
Serienuntersuchungen, wie vereinzelt gefordert, werde es aber nicht geben, bekräftigte die Amtsleiterin. Breit angelegte Bluttests in Schulen und Kindergärten seien aus ihrer Sicht „medizinisch nicht notwendig“.
03:42
@ #6
Frau Baitinger, dieses System ist IMHO deswegen gewollt, weil der Staat schon seit mindestens 20 Jahren nicht mehr weiß, wie er selbst diese Altlasten aus eigenen Mitteln kontrollieren und entsorgen soll. Da sprang doch die Industrie gerne helfend ein.
Das ist ja kein allein-deutsches Phänomen, sondern sorgt in allen Industriestaaten für ein Höchstmaß an kreativer Umschreibung von Umweltschäden, nur um die wirklichen Folgen und real notwendigen Aufwendungen von den jeweiligen Bevölkerungen möglichst fern zu halten.
Bei uns heißt es halt Strukturwandel, wenn mittels bunter Folien und einer Ruhr.2010 der Eindruck vermittelt wird, zwischen hochgiftigem Industrie-Dreck und grünen Freizeit-Haldenparadisen lägen nur eine Änderung der Sprechweise und ein paar Zentimeter Abdeckung in Form von getrocknetem Klärschlamm oder - weniger eklig - hübschen DIN/ISO-Zertifikaten.
03:06
@ 2: Wir werden genau diesen Punkt in unsere Stellungnahme zur Anhörung der Novellierung des Krw-/AbfG am 22./23.9. einbringen. Aber ich habe keine großen Hoffnungen, dieses System ist gewollt, aus welchem Grund auch immer...
Stellvertr. Sprecherin AK Abfall BUND
22:24
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03:33
Populistik und Polemik, leider kaum Fakten. Herr Brandt, Investigativjournalismus geht anders.
Ach so, ich vergaß. Echte Fakten sind nur von Interesse, wenn sie als Beleg für den richtigen Schluß geeignet sind.
02:37
@ #1
Sie meinen Neupert? Der wird auch weiter verhandeln wollen, zuallererst mit der Stadt als Grundstückseigentümerin und Verpächterin. Es geht um sehr viel Geld, was er nicht rausrücken will und die Stadt ebenso nicht.
Ich verstehe weiterhin nicht, warum ihm nicht schon längst die ganzen Zertifikate und die Lizenz als Entsorgungsfachbetrieb entzogen wurden. Nur mit diesen hat Envio überhaupt die Möglichkeit, PCB-Trafos auf eigene Rechnung zu recyceln.
Diese DIN/ISO-Pepperl sind die Eintrittskarten zu einer nahezu kontrollfreien Existenz und anscheinend will man das dahinterstehende System der sich selbst verwaltenden Recycling-Wirtschaft auf keinen Fall ins Wanken bringen, ja noch nicht mal ankratzen.
Das zeigt auch der aktuelle Referenten-Entwurf zur Änderung des Kreislauf- und Abfallwirtschaftgesetzes in Berlin, in dem den zertifizierten Entsorgern noch mehr Freiheiten bei ihrem Umgang mit Gefahrstoffen gewährt werden sollen.
Ich kann nur hoffen, dass der Fall Envio dort kurzfristig für Umdenken sorgt, sonst sind alle Sonntagsreden über schärfere Kontrollen mal wieder sinnlos. Wenn man aber weiß, dass die begleitende Bank der Envio AG selbst mit Plakaten der Grünen für alternative Anlageformen wirbt und auch über entsprechende Kontakte in Berlin verfügt, ist das nur Pfeifen im dunklen Wald.
23:55
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